Panorama

Auswahl von Intensiv-Patienten Deutsche Ärzte rüsten sich für Worst Case

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Ärzte befürchten, nicht mehr alle Patienten maximal versorgen zu können.

(Foto: picture alliance/dpa)

Was Ärzte in Mailand, Bergamo und Cremona längst durchmachen, nämlich über Leben und Tod zu entscheiden, kommt wohl auch auf deutsche Kollegen zu. Sie selbst wappnen sich für die "enorme emotionale und moralische Herausforderung", wer auf Intensivstationen weiter behandelt werden soll und wer nicht.

Francesca Mangiatordi ist Ärztin in einem Krankenhaus in Cremona, einer hübschen Stadt südlich von Bergamo gelegen. Sie liegt gerade noch in der Lombardei, also in der italienischen Provinz, die das Coronavirus am heftigsten heimgesucht hat. In einem Interview mit der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung" (FAZ) gewährte die tapfere Frau einen Einblick in ihr Gefühlsleben, wie sie damit umgeht, nicht allen Erkrankten so helfen zu können, wie es medizinisch geboten wäre und wie sie es gerne täte. Ihre Worte trafen ins Mark.

"Es ist vorgekommen, dass ich nur ein einziges Beatmungsgerät frei habe, und dass ich dann wählen muss zwischen einem jungen Mann von 30 Jahren ohne Vorerkrankung und einem alten Menschen über achtzig mit vielen Problemen", sagte Mangiatordi. "Dann muss ich mich leider entscheiden, dem Jüngeren zu helfen. Dann muss ich den Älteren im Stich lassen. Ich bin in eine Lage gekommen, die unmenschliche Entscheidungen verlangt."

Noch ist unklar, wie sich die Lage in der Bundesrepublik weiter entwickeln wird und ob ihre deutschen Kollegen in ein ähnliches moralisches und ethisches Dilemma geraten. Trotzdem haben sie sich nun wegen "absehbar dringlichen Bedarfs" für diesen Fall gerüstet. Die Mediziner zwischen Flensburg und Freiburg erwarten "enorme emotionale und moralische Herausforderungen" für Ärzteschaft und Krankenpfleger. Zur Begründung heißt es: "Nach aktuellem Stand der Erkenntnisse zur Covid-19-Pandemie ist es wahrscheinlich, dass auch in Deutschland in kurzer Zeit und trotz bereits erfolgter Kapazitätserhöhungen nicht mehr ausreichend intensivmedizinische Ressourcen für alle Patienten zur Verfügung stehen, die ihrer bedürften."

Der Satz steht in den Empfehlungen zum Umgang mit der Problematik, die sieben Gesellschaften verschiedener Fachbereiche, darunter Notfall-, Intensiv- und Lungenärzte sowie die Akademie für Ethik in der Medizin, unter Mithilfe von Juristen erarbeitet haben. In dem Papier, über das zuerst die FAZ berichtete, wird auch der Wille eines Patienten als einer der Maßstäbe betont. Sein Titel klingt nüchterner, als es sein Inhalt ist. "Entscheidungen über die Zuteilung von Ressourcen in der Notfall- und der Intensivmedizin im Kontext der Covid-19-Pandemie". Die Fachgesellschaften sprechen offen von der drohenden Aufweichung ihrer beruflichen Verpflichtung, alle Menschen gleich zu behandeln beziehungsweise behandeln zu können.

Eine Wahl zu treffen, welche Erkrankten akut- oder intensivmedizinisch behandelt werden "und welche nicht (oder nicht mehr)", nennen die sieben Gesellschaften im Extremfall "unausweichlich". Von einer Intensivtherapie wird abgeraten, wenn erstens: "der Sterbeprozess unaufhaltsam begonnen hat", zweitens: "die Therapie als medizinisch aussichtslos eingeschätzt wird, weil keine Besserung oder Stabilisierung erwartet wird" oder drittens: "ein Überleben an den dauerhaften Aufenthalt auf der Intensivstation gebunden wäre". Wenn ein Patient von sich aus beschließt, sich nicht intensivmedizinisch behandeln zu lassen, sollen und dürfen die Ärzte dem Willen nur dann folgen, wenn dieser Wunsch mündlich geäußert, schriftlich - etwa in einer Patientenverfügung - festgehalten "oder mutmaßlich" zum Ausdruck gebracht wurde.

Betont wird: "Wenn nicht mehr alle kritisch erkrankten Patienten auf die Intensivstation aufgenommen werden können, muss analog der Triage in der Katastrophenmedizin über die Verteilung der begrenzt verfügbaren Ressourcen entschieden werden." Ein solches Vorgehen kann aus Sicht der Ärzte "die beteiligten Teams entlasten und das Vertrauen der Bevölkerung in das Krisenmanagement in den Krankenhäusern stärken." Der Begriff "Triage" ist eine Ableitung des französischen Wortes "trier" (sortieren, aussuchen). Er geht ins 19. Jahrhundert zurück, als Kriege zunehmend mit schwerem Militärgerät geführt wurden und die Zahl der Verletzten in unterschiedlichen Schweregraden erheblich zunahmen.

Die Priorisierungen erfolgen nach Vorstellung der deutschen Fachärzte "ausdrücklich nicht in der Absicht, Menschen oder Menschenleben zu bewerten, sondern aufgrund der Verpflichtung, mit den (begrenzten) Ressourcen möglichst vielen Patienten eine nutzbringende Teilhabe an der medizinischen Versorgung unter Krisenbedingungen zu ermöglichen". Maßgeblich sollte deshalb das Kriterium der Erfolgsaussicht auf Genesung sein, was keine Entscheidung "im Sinne der 'best choice' bedeutet, sondern vielmehr den Verzicht auf Behandlung derer, bei denen keine oder nur eine sehr geringe Erfolgsaussicht besteht". Der Begriff der "Behandlung" bezieht sich hier allerdings allein auf Chancen einer Heilung. Die Patienten werden selbstverständlich weiter betreut, damit sie möglichst schmerzlos für immer einschlafen können.

Den deutschen Krankenhäusern wird geraten, schon jetzt ein Verfahren der Entscheidungsfindung mit klar geregelten Verantwortlichkeiten zu definieren. Das bezeichnen die Fachgesellschaften "als Voraussetzung für konsistente, faire sowie medizinisch und ethisch gut begründete Priorisierungsentscheidungen" - und zwar möglichst nach Urteil mehrerer Ärzte verschiedener Fachbereiche und einem Pfleger einer jeweiligen Klinik. "Nach Möglichkeit sollten die Entscheidungen im Konsens getroffen werden." Empfohlen wird auch, sich für den Fall der Uneinigkeit zu rüsten, damit kein Streit entsteht oder dieser schnell geschlichtet werden kann. Empfohlen wird, sowohl in der Kollegschaft als auch gegenüber Patienten und Angehörigen die Gründe einer Entscheidung transparent zu machen.

Quelle: ntv.de