Panorama

Weltweit Schweinegrippe "Deutschland gerüstet"

In Deutschland wächst die Sorge vor einem bevorstehenden Ausbruch der Schweinegrippe. Während Menschen in immer mehr Ländern der Welt mit dem Virus infiziert sind, steigt in der Bundesrepublik die Zahl der Verdachtsfälle. Wie viele das genau sind, ist allerdings derzeit nicht klar. Während aus den Bundesländern immer öfter Verdacht gemeldet wird, gibt es vom Bundesgesundheitsministerium und dem Robert Koch-Institut schließlich keinen Überblick mehr über neue Zahlen.

Am Dienstagvormittag sprach der Präsident des Robert Koch-Instituts (RKI), Jörg Hacker, in Berlin gemeinsam mit dem Gesundheitsstaatssekretär Klaus Theo Schröder noch von drei Verdachtsfällen in Deutschland. Wenig später meldete sich Bayerns Gesundheitsminister Markus Söder (CSU) in München mit zwei akuten und drei geklärten Fällen in seinem Bundesland zu Wort. "Es gibt Anlass zur Sorge", warnte er. Eine Umfrage der Nachrichtenagentur dpa bei den zuständigen Länder-Gesundheitsämtern ergab in Nordrhein-Westfalen und Bayern jeweils drei Verdachtsfälle, in Hamburg einen, der sich inzwischen "erhärtet" haben soll. In Berlin zerschlugen sich dagegen zwei Verdachtsfälle. Auch in Niedersachsen erwiesen sich drei Fälle als unbegründet.

Während die Weltgesundheitsorganisation (WHO) ihre Warnung vor einer Grippe-Pandemie verschärfte, zeigte sich die Bundesregierung gut gerüstet für einen möglichen Ausbruch. Schröder betonte, es handle sich um "einzelne eingetragene Fälle von außen". Selbst wenn sich die Verdachtsfälle bestätigen sollten, ergebe sich daraus noch keine wesentliche Veränderung der Lage. Deutschland sei "gut vorbereitet".

Auch in Österreich mehren sich die Fälle

Österreich meldete inzwischen mindestens drei Verdachtsfälle von Schweinegrippe. Gesundheitsminister Alois Stöger sagte, in einer Wiener Klinik liege eine 28-jährige Patientin auf der Isolierstation. Nach den bisherigen Testergebnissen leide die Frau unter einer Influenza A, die nicht zu den saisonüblichen Grippeviren passe. Deshalb sei die Wahrscheinlichkeit groß, dass es sich um die Schweinegrippe handele.

Zusätzlich gebe es in Wien zwei weitere Verdachtsfälle. Bei ihnen handle es sich um eine 65-jährige Frau und einen 70-jährigen Mann, meldete die Nachrichtenagentur APA. Alle drei Patienten hätten kürzlich eine Reise nach Mexiko unternommen.

Globale Grippewelle möglich

Grundsätzlich sei auch in Deutschland mit Schweinegrippe-Fällen zu rechnen, betonte der RKI-Präsident. Bundesgesundheitsministerin Ulla Schmidt (SPD) sagte der "Bild"-Zeitung, das Risiko einer weltweiten Verbreitung könne heute niemand genau kalkulieren. "Es kann eine weltweite Grippewelle geben. Ich mache mir Sorgen, hoffe aber, dass meine Sorgen grundlos bleiben." Hacker sagte, auch eine Beschränkung auf einzelne Weltregionen sei möglich.

Gesundheitsstaatssekretär Schröder betonte, auch wenn sich der Verdacht einer Infektion in Deutschland bestätigen sollte, würde es sich zunächst nur um Einzelfälle handeln, die schnell diagnostiziert und wohl auch erfolgreich behandelt werden könnten.

"Wir sind gut vorbereitet", betonte Schmidt. "Bund und Länder, Ärzte, Krankenhäuser und Rettungsdienste wissen genau, was sie im Ernstfall zu tun haben." Bei einer Verschärfung der Lage können laut Ministerium sofort Krisenstäbe eingerichtet werden. Unternehmen, die auch schon an der Entwicklung von Impfstoffen gegen die Vogelgrippe beteiligt gewesen seien, arbeiteten jetzt an einem Impfstoff gegen die Schweinegrippe. In allen Bundesländern werde außerdem das verschreibungspflichtige Grippe-Mittel Tamiflu gelagert, mit dem rund 20 Prozent der Bevölkerung versorgt werden könnten.

Neuer Name für die Grippe

Hacker berichtete, es handele sich um ein neues Virus, dessen Erbgut sich auch weiter verändern könne. Es sei "Besorgnis erregend", dass es von Mensch zu Mensch übertragen werden könne, sagte Schröder. Insgesamt gebe es aber in Deutschland "keine konkrete Bedrohung".

Die Behörden verwenden inzwischen die Bezeichnung "Neue Grippe", um zu betonen, dass vom Verzehr von Schweinefleisch keine Gefahr ausgeht. "Der Verzehr von Schweinefleisch ist sicher, vorausgesetzt, es ist gekocht", betonte EU-Gesundheitskommissarin Androulla Vassiliou.

Gesundheitsministerium gegen Wärmebildkameras

Schröder wandte sich gegen den Einsatz von Wärmebildkameras an Flughäfen zur Erkennung von fiebernden Passagieren. Die Schweinegrippe breche erst zwei bis fünf Tage nach einer Ansteckung aus. Touristen, die sich das Virus beispielsweise am letzten Tag ihrer Mexiko-Reise eingefangen haben, hätten also zunächst noch kein Fieber. Nach Angaben Schröders befinden sich im Schnitt 9000 deutsche Touristen in Mexiko.

Problematisch sei es, dass viele Menschen nicht direkt aus Mexiko nach Deutschland zurückkehren, sondern über Umwege oder Zwischenstopps in London und Paris einreisen. "Die Erfahrung zeigt, dass man auch damit rechnen muss", sagte Schröder.

Mindestens 20 Länder betroffen

Derweil breitet sich die Schweinegrippe rund um den Globus weiter aus. Mehr als 20 Länder sind von einem bestätigten oder befürchteten Ausbruch betroffen. In Spanien wurde am Dienstag ein zweiter Fall von Schweinegrippe bestätigt, nachdem das Virus bereits am Montag bei einem 23-jährigen Mexiko-Rückkehrer nachgewiesen worden war. Auch in Großbritannien sind laut Behörden zwei Menschen infiziert, die aus Mexiko zurückgekehrt waren. Verdachtsfälle wurden aus Frankreich, Irland, Schweden, Dänemark, Tschechien, Belgien und der Schweiz gemeldet.

Mindestens 152 Tote in Mexiko

In Mexiko erhöhte sich die Zahl der mutmaßlich an Schweinegrippe Gestorbenen laut Regierung auf mindestens 152. Bislang wiesen die Behörden den Erreger A/H1N1 bei 20 Toten nach, die Zahl der behandelten Patienten stieg auf 1614. Die Weltbank stellte dem zentralamerikanischen Land für den Kampf gegen die Schweinegrippe mehr als 205 Millionen Dollar (156,2 Millionen Euro) an Sofortkrediten zur Verfügung.

In Mexiko-Stadt wurden alle etwa 25.000 Restaurants geschlossen, ebenso Sport- und Billardclubs. Die Gaststätten haben aber weiterhin die Genehmigung, Speisen zur Abholung zuzubereiten. Geschlossen werden auch alle Sport- und Billard-Clubs. Die Entscheidung wurde von der mexikanischen Eigentümer-Vereinigung scharf kritisiert. Sie verursache bei den Gaststätten einen täglichen Verlust von umgerechnet etwa 20 Millionen Euro. Landesweit blieben die Schulen geschlossen.

Im Nachbarland USA stieg die Zahl der bestätigten Schweinegrippe-Fälle auf 66, allein in New York sind es 45. In Kalifornien (elf Fälle) rief Gouverneur Arnold Schwarzenegger inzwischen den Notstand aus. In Kanada wurden sechs Fälle nachgewiesen. Die Infektionskrankheit erreichte auch den Nahen Osten und Neuseeland: Ein aus Mexiko zurückgekehrter Mann wurde in Israel nach Berichten des Armeeradios positiv auf den gefährlichen Erreger vom Typ A/H1N1 getestet. In Neuseeland sind nach Regierungsangaben mindestens zehn Menschen nachweislich an der Schweinegrippe erkrankt; zudem gibt es 56 Verdachtsfälle. In Australien stieg die Zahl der Schweinegrippe-Verdachtsfälle auf 70.

Asien bereitet sich auf das Schlimmste vor

Die Länder in Asien bereiten sich auf das Schlimmste vor. In Südkorea meldeten die Gesundheitsbehörden einen "möglichen" Fall von Schweinegrippe. Bei einer 51-jährigen Südkoreanerin, die am Wochenende von einer Reise nach Mexiko zurückgekehrt sei, sei eine Influenza-A-Infektion nachgewiesen worden, teilten die Koreanischen Zentren für Krankheitskontrolle und Prävention (KCDC) in Seoul mit. Ob sie sich mit dem mutierten H1N1-Erreger angesteckt hat, der auch zu den Influenza-A-Viren gehört und die in Mexiko grassierende Schweinegrippe ausgelöst hat, wird derzeit noch untersucht. Unterdessen fielen seit Beginn der Woche nach Berichten koreanischer Medien die Preise für Schweinefleisch.

In Bangkok wurde eine 42 Jahre alte Staatsbeamtin mit dem Verdacht auf Schweinegrippe in die Isolierstation eines Krankenhauses gebracht. Die Frau hatte nach Angaben von Mitarbeitern der Klinik in Mexiko an einem Seminar teilgenommen. Wie in anderen Ländern der Region wurden an den drei wichtigsten internationalen Flughäfen Thailands Geräte zur Temperaturkontrolle aufgestellt sowie Quarantänestationen eingerichtet.

In China teilten die Behörden mit, dass sie eine Reihe von Verdachtsfällen bei Menschen untersuchten, die grippeähnliche Symptome zeigten. Bisher wurde aus dem bevölkerungsreichsten Land der Erde kein bestätigter Fall von Schweinegrippe gemeldet. Taiwan richtete ein Kontrollzentrum ein und ordnete Inspektionen von Flugpassagieren an, bevor sie den aus Nordamerika kommenden Maschinen entsteigen. Der Verwaltungschef von Hongkong, Donald Tsang, warnte, dass die Sieben-Millionen-Stadt wegen der großen Bevölkerungsdichte ein "höheres Risiko" eines Ausbruchs der Schweinegrippe habe.

"Hände raus aus dem Gesicht"

Das Paul-Ehrlich-Institut (PEI) rät den Menschen in Deutschland zu erhöhter Handhygiene. Auch wenn es in der Bundesrepublik noch keine bestätigten Fälle gebe, sei es jetzt besonders wichtig, sich regelmäßiges und gründliches Händewaschen anzugewöhnen, sagte die Sprecherin des Bundesintituts für Sera und Impfstoffe, Susanne Stöcker. "Außerdem die Hände raus aus dem Gesicht", riet Stöcker. Habe man das Virus beispielsweise durch Händeschütteln an den Händen und fasse sich ins Gesicht, könne es durch die Schleimhäute an Augen, Mund und Nase in den Körper eindringen. Diese einfachen Schutzmaßnahmen verhinderten auch die Übertragung vieler Erkältungskrankheiten.

Das PEI warnte davor, aus Panik vor der Schweinegrippe Grippemittel zu horten oder prophylaktisch einzunehmen. "Dann trägt man dazu bei, Resistenzen zu züchten", sagte Stöcker. Die Mittel können nach Meinung von Experten möglicherweise auch gegen die neue Form der Schweinegrippe wirksam sein. Es sei aber nur sinnvoll sie einzunehmen, wenn sie von einem Arzt nach entsprechender Diagnose verordnet werden, sagte Stöcker.

Quelle: ntv.de, AFP / dpa / rts