Panorama

Rummel, Streit und Interviews Die Medien und der Fall Kachelmann

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Kachelmann am Ende der Beweisaufnahme, frisch verheiratet und frisch gefönt.

(Foto: picture alliance / dpa)

Mit den Plädoyers von Anklage und Verteidigung ging der Kachelmann-Prozess in die letzte Phase. Nun wird das Urteil verkündet. Selten haben sich die Medien so auf eine juristische Auseinandersetzung gestürzt und sind dabei selbst so angegriffen worden.

Dass der Kachelmann-Prozess einer der medienwirksamsten der vergangenen Jahr ist, liegt nicht nur daran, dass die handelnden Personen aus der Medienwelt kommen. Das mögliche Opfer ist eine Radiomoderatorin, der mutmaßliche Täter präsentierte bis zu seiner Verhaftung bei der ARD zur besten Sendezeit den Wetterbericht und plauderte sich durch Talkshows im MDR. Vielmehr stand seit Kachelmanns Verhaftung nach seiner Rückkehr von den Olympischen Spielen in Vancouver der Umgang der Medien mit dem Fall in der Kritik.

Bereits die Nennung seines Namens nach der Verhaftung warf Fragen auf. Hatte die Staatsanwaltschaft den Namen zuerst veröffentlicht oder war es doch Kachelmanns Firma, die die Festnahme des Chefs bei voller Namensangabe bestätigte, worauf die Staatsanwaltschaft nachzog? In der ersten Erklärung der Staatsanwaltschaft war lediglich von einem "Ermittlungsverfahren gegen einen 51-jährigen Journalisten und Moderator" die Rede. Zudem gab es den Hinweis, dass weitergehende Auskünfte zunächst aus Ermittlungsgründen und zum Schutz der Persönlichkeitsrechte nicht erteilt werden. Das ist möglicherweise der Grund dafür, dass man von dem juristischen Vorgehen gegen die Bundespolizei, dass Kachelmanns damaliger Anwalt Reinhard Birkenstock angekündigt hatte, nichts mehr gehört hat.

Für die Kameras in die grüne Minna

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Kachelmann muss zurück in die U-Haft.

(Foto: picture alliance / dpa)

Akt zwei folgte rund um die Bemühungen, Kachelmanns Entlassung aus der U-Haft zu erreichen. Diese Bemühungen schlugen zunächst fehl und jedermann konnte sehen, wie der Moderator nach dem erfolglosen Haftprüfungstermin wieder in den Gefangenentransporter steigen musste. Der Berliner Medienanwalt Christian Schertz warf der Staatsanwaltschaft daraufhin eine öffentliche Zurschaustellung Kachelmanns vor.

"Mir ist kein Fall in der deutschen Pressegeschichte bekannt, wo es die Justiz ermöglicht hat, dass ein bloßer Beschuldigter vor laufenden Kameras in eine grüne Minna weggeschlossen wurde", kritisierte Schertz. Der Staat habe eine unbedingte Schutzpflicht, auch für den Beschuldigten. Das Mannheimer Amtsgericht wies den Vorwurf zurück. "Das Vorgehen wurde mit Herrn Kachelmann abgestimmt, dem auch Gelegenheit gegeben wurde, sich gegenüber der Presse zu äußern", sagte Gerichtssprecher Volker Schmelcher.

Parteiliche Medien

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Kachelmann in einem der Interviews nach der Entlassung aus der U-Haft.

(Foto: picture alliance / dpa)

Die Möglichkeit, sich gegenüber der Presse zu äußern, nutzte Kachelmann dann nach seiner Entlassung aus der U-Haft. Er gibt ausgewählten Medien Interviews, um seine Version der Ereignisse zu verbreiten. Zusätzlich zu seinem Verteidiger Birkenstock lässt er sich zudem von dem Medienanwalt Ralf Höcker betreuen, der  seine Aufgabe unter anderem darin sieht, Medien präventiv mit Material zu versorgen, "bevor sie irgendwelchen Unsinn schreiben". Im Lauf des Verfahrens wird die Verteidigung mehrfach beantragen, Redaktionen zu durchsuchen. Immer wieder wird der Vorwurf laut, einzelne Blätter versuchten, das Verfahren zu Kachelmanns Nachteil zu beeinflussen.

Im Visier hat die Verteidigung besonders die Burda-Verlagsgruppe. Der "Bunten" hatte eine frühere Geliebte Kachelmanns und jetzige Zeugin ein ausführliches Interview gegeben und erhalten. Was im Gericht nur unter Ausschluss der Öffentlichkeit ausgesprochen werden darf, gibt es hier zum Nachlesen – Details aus Kachelmanns Liebesleben. Ähnlich detailreiche Schilderungen werden dem "Focus" per Einstweiliger Verfügung untersagt.

Schlagabtausch am Kiosk

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Schwarzer ist auf der Seite des angeblichen Opfers.

(Foto: picture alliance / dpa)

Schon kurz nach Prozessbeginn haben sich die berichtenden Journalisten und mit ihnen ihre Medien in zwei Lager gespalten. Da sind zum Einen diejenigen, die eher der Opferversion Glauben schenken. Zu ihnen gehört Alice Schwarzer, die den Prozess als "Bild"-Kolumnistin begleitet. Außerdem werden diesem Lager allgemein Springer-Blätter und die bereits erwähnten Burda-Medien zugerechnet.

Auf der anderen Seite stehen mit der "Zeit"-Autorin Sabine Rückert und "Spiegel"-Reporterin Gisela Friedrichsen zwei gestandene Gerichtsreporterinnen, die in ihren Prozessberichten immer wieder Fragen nach der Glaubwürdigkeit des möglichen Opfers in den Vordergrund stellen. Rückert soll zudem bereits frühzeitig Akten aus Kachelmanns Verteidigerteam angeboten bekommen und abgelehnt haben. Allerdings kritisierte sie vehement die Verteidigungsstrategie und die Durchsetzungsschwäche von Reinhard Birkenstock und sorgte wohl letztendlich mit dafür, dass Kachelmann auf den wesentlich eloquenteren Johann Schwenn umschwenkte, der den Wettermoderator seitdem mit einem System Dauerattacke verteidigt.

Bei vielen der Journalisten geht die eigene Überzeugung so weit, dass sie sich selbst zum Anwalt oder zur Anwältin ihrer Version machen. Der Kampf zwischen Schwarzer und Friedrichsen um die Deutungshoheit im Fall Kachelmann wurde ebenfalls medial ausgetragen und dürfte auch noch nicht beendet sein. Schwarzers "Emma" widmete Friedrichsen eine Titelgeschichte, und Schwarzer plant ein Buch zum Fall Kachelmann.

Tabubrüche mit Folgen

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An vielen Verhandlungstagen musste die Öffentlichkeit draußen bleiben.

(Foto: picture alliance / dpa)

Nach 43 Verhandlungstagen steht nun das Urteil an. In den Plädoyers hatten Anklage und Verteidigung noch einmal ihre wichtigsten Argumente bündeln. Nun ist es an den Richtern, die Gutachten und Indizien, die Spuren und Aussagen zu bewerten. Vieles davon ist bisher nur unter Ausschluss der Öffentlichkeit verhandelt worden, um die Intimsphären des Opfers, des Angeklagten und der als Zeuginnen geladenen früheren Kachelmann-Geliebten zu schützen.

Der Vorsitzende Richter Michael Seidling beklagte bereits am Ende des Prozesses, dass die Berichterstattung im Fall Kachelmann ein bisher unbekanntes Ausmaß erreicht habe, das erhebliche Folgen für das Leben des Angeklagten habe.

Quelle: ntv.de