Panorama

Gefangen im Gericht Die Regeln im Pistorius-Prozess

3ieb1901.jpg1290382458737327627.jpg

Oscar Pistorius im High Court in Pretoria, Room Ground D.

dpa

Nach 30 Verhandlungstagen hat der Prozess gegen Oscar Pistorius in Südafrika eine Parallelwelt mit eigenen Regeln geschaffen. Ein kleiner Regelverstoß von Pistorius macht die Journalisten sprachlos.

Das internationale Interesse an dem Mordprozess gegen Oscar Pistorius in der südafrikanischen Hauptstadt Pretoria reißt nicht ab. Lokale und internationale Journalisten schreiben und senden unbeirrt jede Einzelheit aus dem Gerichtssaal in die Welt - obwohl die Verhandlung live übertragen wird.

Jeder, der einen Internetzugang hat, kann im High Court, Room Ground D, dabei sein, wenn Verteidiger Barry Roux und Staatsanwalt Gerrie Nel ihre inzwischen berühmten juristischen Strategieshows zum Besten geben. Das ist gar nicht abwertend gemeint. Bei all dem Rummel: Der Pistorius-Prozess ist kein Entertainment, die Berichterstattung darüber nicht VIP-News. Vielleicht wäre es klarer, würde man über den "Reeva-Steenkamp-Prozess" sprechen. Dann stünde endlich das Opfer, nicht der berühmte und maßlose Athlet Pistorius im Mittelpunkt. Nur zur Erinnerung: Eine junge Frau wurde getötet - vorsätzlich oder versehentlich. Das gilt es hier zu entscheiden. Nichts weniger!

Und dennoch: Nach knapp 30 Verhandlungstagen hat sich neben dem Prozessgeschehen im High Court eine Parallelwelt aufgetan. Der südafrikanische Journalist Charl du Plessis hat dies wunderbar ironisch beschrieben: "Ich mag diese Verhandlungspausen nicht. Es fühlt sich so an, als habe man ein paar Tage Freigang. Aber irgendwie vermisst man das Gefängnis unglaublich." Für die berichterstattende Journaille sind die langen Verhandlungstage ein bisschen wie eingesperrt sein, aber eben auch wie dazugehören - Familie, Zusammenhalt, die Südafrikaner nennen es Ubuntu. Will heißen: Nach so vielen Tagen gemeinsam in einem Raum, manchmal Schenkel an Schenkel auf den Holzbänken aneinander gepresst, ist eine durchaus künstliche, aber eng verbundene Journalisten- und Zuschauerfamilie entstanden. Mit eigenen Regeln, die zwar unsichtbar, aber doch klar verbindlich sind.

Regel 1: Jeder hat seinen eigenen Platz im Gerichtssaal.

Nicht offiziell markiert, oder zugewiesen, sondern aus Gewohnheit. Völlig undeutsch, kein "Ich war zuerst hier"-Prinzip. Die Verteilung wurde in den ersten Verhandlungstagen festgelegt, ohne je ein Wort darüber zu verlieren. Nach dem Prinzip: Hier sitze ich, seit Tagen schon. Deshalb ist das MEIN Platz. All das geschah völlig natürlich und hat den amüsanten Nebeneffekt, dass man neue Kollegen direkt erkennt. Die Selbstverständlichkeit, mit der sie sich auf dem "reservierten" Platz eines "Alteingesessenen" niederlassen, zeichnet sie aus und führt einem selbst das Ausmaß der hier im Gerichtssaal etablierten Ordnung vor Augen. Herrlich!

2. Jeder bringt eine Verlängerungsschnur mit.

Ohne Strom kein Laptop, kein Handy, kein Tablet, sprich: keine Tweets oder Postings, keine Notizen, keine Geschichte. Und getwittert wird in diesem Fall wie verrückt. Eine ganz neue Art der Berichterstattung. Nicht unproblematisch, weil so wahnsinnig schnell. Richterin Thokozile Matilda Masipa hat gleich mehrfach zugegeben, dass sie von Twitter nichts versteht. Im Gerichtssaal gibt es entlang der Pressebänke nur zwei Steckdosen, daher spannen Berichterstatter jeden Morgen vor Verhandlungsbeginn wie selbstverständlich ein Netz aus Verlängerungsschnüren, an denen natürlich auch jeder seine eigene "Gewohnheits-Buchse" hat.

3. Die Grenzen im Gerichtssaal sind unsichtbar.

Viele haben mit Respekt zu tun, einige mit Dünkel. Bestes Beispiel ist Reeva Steenkamps Mutter, June. Wie von einem Schutzwall umgeben, hat sie sich unnahbar gemacht. Meinen "reservierten Platz" und ihren trennt ein Meter, doch gegrüßt haben wir uns nur zwei Mal in all den Tagen. June Steenkamp wählt gezielt die Journalisten aus, mit denen sie spricht -  und wenn sie es tut, dann nur außerhalb des Gerichtssaals und nur nach Vereinbarung eines Honorars. Oscar Pistorius' Großfamilie hielt auch lange Zeit große Distanz zu Journalisten im Saal. Nur dank Pistorius' Onkel Arnold ist die unsichtbare Grenze zwischen Sitzreihe Nummer 1, in der die Familien von Opfer und Täter sitzen, und Sitzreihe Nummer 2 bis 4, in der die Journalisten sitzen, inzwischen porös.

In der kleinen Cafeteria im vierten Stock des Gerichtsgebäudes trifft man Arnold Pistorius, den Clan-Chef, oft. Er gibt dann auch mal einen Kaffee aus. Auf Fragen nach dem Verlauf des Prozesses gibt er immer die gleiche Antwort: "Wir sind unbesorgt. Wir wissen ja, dass Oscar unschuldig ist. Es war ein Versehen." Erst vor kurzem tippte mir Arnold Pistorius auf die Schulter. Es war eine seltsame Szene. Wir befanden uns auf dem Flughafen, ich verfolgte die Verhandlung per Livestream und Kopfhörer auf meinem Handy. Arnold Pistorius hatte offensichtlich auch einen Tag "Freigang". Für ihn ging es für das Wochenende nach Botswana, auf Safari. Wohl gemerkt: Nur Arnold Pistorius spricht mit uns Journalisten. Von den vielen Tanten, Cousins, Nichten und Neffen, die abwechselnd im Gerichtssaal zu Oscars Unterstützung auftauchen, hört man kein Wort. Auch von Schwester Aimee nicht. Und Bruder Carl? Wenn Blicke töten könnten, Carl Pistorius wäre sicherlich Journalisten-Verfolger Nummer 1.

4. Oscar Pistorius ist unantastbar.

"OP" beantwortet keine Fragen. Man kommt auch nicht auf die Idee, eine zu stellen. Mauer, Block, Grenze - all das unsichtbar, aber effektiv eingesetzt zwischen Anklage- und Journalistenbänken. Zu Beginn war Oscar Pistorius der Gejagte, der im Blitzlichtgewitter seine Nerven zu verlieren drohte. Mittlerweile ist der Athlet entspannter. Vor Kurzem kam er morgens in das Gerichtsgebäude und grüßte uns freundlich, ohne jene unbeholfene Gestik, die ihm sonst so zu eigen ist. Ein selbstsicheres "Hallo", völlig ungezwungen. Dann ging er weiter in den Saal hinein. Und wir waren alle sprachlos.

Inzwischen haben sich in Pretoria auch internationale und südafrikanische Journalisten zusammengefunden. Das war am Anfang nicht selbstverständlich. Bei der Schar ausländischer Berichterstatter, Großstafetten wie BBC, CNN, Aljazeera und allen großen australischen und deutschen TV-Stationen blieben anfangs nur wenige Plätze im Gerichtssaal für die südafrikanischen Kollegen übrig. Es hat sich eingependelt. Charl du Plessis, in seiner Weisheit, sagte: "Wir werden es vermissen, wenn sie uns hier freilassen."

Quelle: n-tv.de

Mehr zum Thema