Panorama

Illegal in Hamburg Die Schattenmenschen

Ana hat Angst, fühlt sich als eine Art "Sklavin der Moderne". Die Kolumbianerin kam 2004 als Au-Pair-Mädchen nach Hamburg und arbeitete rund drei Jahre lang in einer wohlhabenden Familie. Auch als ihr Visum abgelaufen war, blieb sie, schuftete weiter - wie bisher für einen Euro pro Stunde, wie die Gewerkschaft ver.di errechnete. Als Ana später versuchte, den ihr noch zustehenden Lohn von 47.000 Euro einzuklagen, nahm das Leid jedoch kein Ende. Im Gegenteil: Prompt meldete die Richterin der Ausländerbehörde, dass Ana illegal in Hamburg lebt. Nun fürchtet die Kolumbianerin jede Sekunde die Abschiebung.

Anas Fall ist exemplarisch: In Deutschland leben angeblich bis zu 1,3 Millionen Menschen in der Illegalität. Oft ist es ein Geben und Nehmen. Während die eine Seite die billige Arbeitskraft schätzt, kann die andere der Familie daheim Geld überweisen. Bei Ana waren es im Laufe der Jahre immerhin 8200 US-Dollar. Zurück will kaum jemand. Hunderte Afrikaner und Latinos verdingen sich in einer Stadt wie Hamburg etwa als Tellerwäscher. Tagsüber huschen sie durch U-Bahnstationen und Straßen, stets die Angst im Nacken, kontrolliert zu werden. Nachts sieht man sie in Telefonshops, wo sie oft ihr Leid der zurückgebliebenen Familie klagen.

Namens- und gesichtslose Gruppe

Wie groß das Problem in Deutschland inzwischen ist, zeigt das wachsende Netz an Hilfsangeboten. Dita Vogel von der Migration Research Group des Hamburgischen Weltwirtschafts-Instituts (HWWI) sagt, Illegalität ist in Deutschland strafbar. "Es macht einen Unterschied, ob eine Ordnungswidrigkeit vorliegt oder die Polizei wie in Deutschland einschreiten muss." Vogel ist an einer Studie beteiligt, die in Hamburg den Alltag dieser Schattenmenschen analysieren und deren Zahl solide schätzen will. Bislang schwanken die Angaben für Hamburg zwischen 10.000 und 100.000 Menschen.

Bei der Hamburger Innenbehörde heißt es, dass mit dem Thema "Illegale" oft Schindluder getrieben wird und die Menschen politisch instrumentalisiert würden. "Die Frage ist, ob diese Menschen sich nicht besser melden", sagt Behördensprecher Reinhard Fallak. Nicht jeder Illegale werde abgeschoben - besonders dann nicht, wenn sie aus Krisengebieten stammen. In Hamburg sei die Zahl der Rückführungen von 3184 (2003) auf 695 (2007) gesunken.

"Deutschland gehört auf europäischer Ebene zu den Hardlinern im Kampf gegen Illegalität", sagt hingegen Vogel. Die Meldepflicht gehöre zu den strengsten in Europa. Die Folge: "Zum einen leben hier wahrscheinlich weniger Illegale als in anderen EU-Staaten." Zum anderen sei es durch den hohen Druck sehr viel schwieriger, an diese namens- und gesichtslose Gruppe heranzukommen.

Große Angst vor Ausweisung

Das Sprechzimmer der Malteser Migranten Medizin (MMM) liegt etwas versteckt, vorbei am Hintereingang der Küche des Marienkrankenhauses in Hamburg. Hier bekommen die Illegalen wie Ana, Pawel oder Leyla ein Gesicht, hier haben Hubertus-Eberhard Zimmermann und sein Kollege Helgo Meyer-Hamme seit November 2007 ihre Praxis. "Das ist ein Scheiß-Job, das kann ich Ihnen sagen", sagt Zimmermann zur Begrüßung. "Soviel Leid, soviel Seltsames."

Der 69-Jährige behandelt umsonst. 40 Patienten hat er. Keiner ist versichert. "Viele nennen keinen Namen, ich denke mir dann einen aus, um eine persönliche Ebene herzustellen." Zimmermann wird aber auch oft belogen. Das weiß er. Die Angst der mittellosen Menschen vor der Ausweisung ist zu groß.

Nicht versichert

An der Praxiswand hängt ein Holzkreuz, ein 48 Jahre alter Mann aus Polen humpelt ohne Blick für Jesus auf Krücken zur Behandlungscouch. Der Patient arbeitet seit zwölf Jahren schwarz auf deutschen Baustellen, ihm fiel ein schweres Bauteil auf das Bein. Es wurde notdürftig zusammengeflickt, nun eitert es. "Ich kann es immer wieder nur verbinden. Wenn nicht bald jemand die Kosten für die Operationen übernimmt, muss es amputiert werden", sagt Zimmermann.

Wenig später kommt eine Israelin, bittet um Hilfe für ihre wenige Monate alte Tochter Laura. Bisher hat sie die Vorsorgeuntersuchungen aus eigener Tasche gezahlt. Jetzt weiß sie aber nicht mehr weiter. Denn das Ersparte ist aufgebraucht und Laura nicht versichert. Und nicht nur das: Zurück kann sie auch nicht. Denn ihr Mann stammt aus dem Libanon, darf nicht nach Israel und sie selbst darf als Israelin nicht in den Libanon.

Von Georg Ismar und Hanna Klimpe, dpa

Quelle: n-tv.de