Panorama

Diesel aus Jatropha Die Wunderpflanze

Prof. Klaus Becker mit einer Schale Jatropha-Nüssen

Prof. Klaus Becker mit einer Schale Jatropha-Nüssen

Es klingt wie ein Märchen. Eine Nuss soll das Öl der Zukunft liefern. Die Pflanze wächst unter kärgsten Bedingungen. Sie kann Ödland fruchtbar machen und Arbeitsplätze schaffen, aus ihr lassen sich Seife, Futtermittel und sogar ein Bio-Pestizid gewinnen. Außerdem leistet sie einen Beitrag zum Klimaschutz: Als Biokraftstoff setzt die Nuss nur so viel CO2 frei wie sie zuvor im Wachstum gebunden hat.

Der Name dieser Wunderpflanze: Jatropha curcas, ein Wolfsmilchgewächs, das früher als Abführmittel eingesetzt wurde. Täglich findet Google mehr Einträge zum Schlagwort "Jatropha". Schon in ein paar Jahren könnte Indien mit Jatropha-Öl 40 Prozent seines Bedarfs an Dieselkraftstoff decken, schätzt Professor Klaus Becker von der Universität Stuttgart-Hohenheim. Bereits in drei Jahren sollen die ersten Plantagen tragen. Dann werde auch ein Jatropha-Ölmarkt entstehen.

Becker ist Jatropha-Pionier der ersten Stunde. Seit 2003 leitet er ein Jatropha-Projekt in Bhavnagar im Nordwesten Indiens im Bundesstaat Gujarat. "Gandhi-Land", sagt Becker. Als Geldgeber konnte er DaimlerChrysler gewinnen. Das Interesse des Autobauers liegt auf der Hand: Indien ist einer der interessantesten Wachstumsmärkte der Welt. Zugleich leiden die indischen Großstädte unter massiver Luftverschmutzung. Neu-Delhi hat Diesel-Taxis und -Busse bereits aus dem Stadtgebiet verbannt.

"Große Potentiale für eine Win-Win-Situation"

Mehr als 4,5 Millionen Fahrzeuge verstopfen die Straßen von Neu-Delhi

Mehr als 4,5 Millionen Fahrzeuge verstopfen die Straßen von Neu-Delhi

DaimlerChrysler ist nicht der einzige Großkonzern, der ein Auge auf die ölhaltigen Samen geworfen hat. Seit Anfang 2006 ist auch BP in Indien aktiv. "Die haben sich von unserem Daimler-Projekt anstecken lassen", freut sich Becker. Der Vorteil der Jatropha: Die Pflanze ist nicht essbar und wächst auf kargen Böden - der Anbau verdrängt also nicht die Produktion von Lebensmitteln.

Dieses Argument ist Jörg Haas besonders wichtig. Haas ist Referent für nachhaltige Entwicklung bei der Grünen-nahen Heinrich-Böll-Stiftung und beim Thema Biodiesel eher skeptisch. Bei Jatropha allerdings seien "die Potentiale für eine Win-Win-Situation doch eher groß", sagt er, schränkt jedoch ein: "Insbesondere bei Nutzung des Öls direkt für den Energiebedarf im ländlichen Raum." In Deutschland gibt Haas Biogas den Vorzug, das ja auch zum Betrieb von Fahrzeugen eingesetzt werden könne. "Das scheint mir hier die Zukunft zu sein."

Indische Umweltschützer fordern dezentralen Markt

Anumita Roychowdhury vom indischen Centre for Science and Environment teilt Beckers Jatropha-Euphorie ebenfalls nur begrenzt. Biodiesel sei wohl ein Teil der Lösung des Umweltproblems. "Aber noch ist völlig unklar, wie groß dieser Anteil sein wird." Allerdings betont auch Roychowdhury den Vorteil von Jatropha-Diesel gegenüber europäischem Biodiesel. "Bei Ihnen in Europa wird Biodiesel aus essbaren Pflanzen hergestellt. Jatropha aber ist keine essbare Pflanze."

Roychowdhury sorgt sich dennoch wegen der möglichen negativen Folgen. "Wir müssen bei diesen Projekten sehr vorsichtig sein. Jatropha hat eine soziale Komponente." Deshalb dürfe die indische Regierung den Jatropha-Anbau nicht den großen Unternehmen überlassen. "Wir fordern ein dezentrales Geschäftsmodell, bei dem Anbau und die Herstellung des Treibstoffs in den Händen der örtlichen Gemeinschaft liegen. Dann kann Jatropha Teil der ländlichen Wirtschaft werden."

Einsatz in Afrika

Diesem Geschäftsmodell folgt die Kölner Firma Energiebau, die unter anderem Stromversorgungen für so genannte netzferne Gebiete herstellt. "Sonne für Mbinga" heißt ein Projekt im ostafrikanischen Tansania. Der Schwerpunkt liegt auf der Photovoltaik. Für Flexibilität sorgen umgebaute Dieselgeneratoren und Batteriesysteme.

Betrieben werden die Generatoren mit Jatropha-Öl, das direkt vor Ort mit einer einfachen mechanischen Presse hergestellt wird. Der Presskuchen wird als Dünger verwendet. Das Solar-Hybridsystem in Tansania versorgt mehr als 140 Menschen in Einrichtungen der Barmherzigen Schwestern vom Hl. Vinzenz von Paul, ein katholischer Orden, der sich seit 1960 in Tansania engagiert.

Jatropha-Anbau in Mbinga, Tansania

Jatropha-Anbau in Mbinga, Tansania

BP denkt in anderen Dimensionen. Bis 2016 will das Unternehmen insgesamt eine Milliarde US-Dollar investieren, "um damit eine führende Position im Geschäft mit Biokraftstoffen aufzubauen", wie der Vorstandschef der Deutschen BP, Uwe Franke, unlängst verkündete. In das auf zehn Jahre angelegte Jatropha-Projekt steckt der Konzern 9,4 Millionen Dollar. Etwa 8.000 Hektar Ödnis sollen mit der Jatropha bepflanzt werden. Das Ziel sind neun Millionen Liter Biodiesel pro Jahr.

Ohne Forschung bleibt Jatropha wild

Das ist Zukunftsmusik, noch ist Jatropha nicht domestiziert. Bevor die Pflanze in großem Stil eingesetzt werden könne, müsse noch viel Forschung hineingesteckt werden, betont Klaus Becker. Sonst werde eine gute Idee zu früh verbrannt. "Mit einem Wildschwein könnte ein deutscher Schweinemäster auch nicht viel anfangen."

Beckers Projekt plant für das laufende Jahr Testfahrten im Umfang von 40.000 Liter Jatropha-Biodiesel - unverschnitten, wohlgemerkt, mit ganz normalen Fahrzeugen. "Bei Fahrtests zeigte sich, dass dieser Biodiesel sich für den Betrieb moderner Fahrzeuge eignet", bestätigt die Deutsche Investitions- und Entwicklungsgesellschaft, die das DaimlerChrysler-Projekt kofinanziert.

Anbau in der Wüste, Bewässerung mit Abwasser

Weltweit forschen rund 1.000 Gruppen an der Jatropha, schätzt Becker. In den nächsten Jahren werde es "ganz gravierenden Wissenszuwachs" geben.

Bereits jetzt ist klar: Jatropha ist unglaublich genügsam. Die Pflanze gedeiht sogar in der ägyptischen Wüste. Bewässert wird sie dort nicht mit kostbarem Trinkwasser, sondern mit städtischem Schmutzwasser. "Das glaubt man nicht, wenn man es nicht gesehen hat", sagt der Hohenheimer Wissenschaftler. "Mitten in der Wüste, im normalen Wüstensand, wird Jatropha angebaut und mit Abwasser beregnet. Und sie wächst wunderbar."

Selbst für Nebenprodukte will das Daimler-Projekt Verwendung finden. Wenn der Jatropha-Nuss das Öl entzogen wurde, bleiben Pressrückstände, die als Futtermittel eingesetzt werden könnten. Jatropha-Mehl habe eine deutlich bessere Qualität als Soja, so Becker. "Das einzige Problem ist die Entgiftung. Aber das werden wir hinkriegen." Selbst das Jatropha-Gift Phorbolester könnte dann vermarktet werden. Becker will daraus ein Bio-Pestizid entwickeln. "Das ist ein Naturprodukt, damit können Bio-Landwirte Schädlinge bekämpfen."

Becker ist von seiner Wunderpflanze überzeugt: "Wer mir einen nachteiligen Parameter von Jatropha nennen kann, bekommt von mir Geld dafür", sagt er. "Sie können es drehen und wenden, wie Sie wollen, Sie können dieser Pflanze nichts Schlechtes anhängen."

Quelle: n-tv.de

Mehr zum Thema