Panorama

Arme Alte in Italien Diebstahl zum Überleben

Dreimal nimmt das Mütterchen den eingeschweißten Käse aus der Truhe. Ihr Gesicht spiegelt Entrüstung über den Preis für das bisschen. Und Unschlüssigkeit. Dann legt sie das abgepackte Stück Parmesan aus Norditalien an seinen Platz zurück und schiebt mit ihrem fast leeren Einkaufswagen eine Runde durch den Supermarkt. Um zum Käsestand zurückzukehren, rasch noch einen Blick nach rechts und links zu werfen und endlich das begehrte Molkereiprodukt in der Tasche verschwinden zu lassen - ein banaler, alltäglicher Diebstahl, von einer verarmten Alten in Italien begangen und von den allgegenwärtigen Kontrollkameras gefilmt. Tausende werden auf frischer Tat ertappt.

Und auch das ist bitterer Alltag in "Bella Italia", einem Land, das eigentlich eine Wirtschaftsmacht ist und zum Club der reichen G8- Staaten gehört: Ihr Einkaufswägelchen hinter sich herziehend, ziehen betagte Menschen nach dem Markttag an den sich stapelnden Kisten und Kartons vorbei. Sie suchen etwas Essbares, das weggeworfen worden ist. Angeschlagenes Obst oder nicht mehr ganz so frischer Brokkoli könnten dabei sein. Im Geschäft fallen die Rentner auf, die gerade mal ein wenig Schinken und Pasta in dem riesigen Einkaufswagen des Supermarktes haben. Und an der Kasse wird dann sowieso jeder Euro umgedreht. Altersarmut - für viele eine triste Normalität.

Diebstahl als Ausweg

Sieben Millionen Italiener müssen mit einer monatlichen Rente von unter 500 Euro auskommen, nochmals drei Millionen erhalten bis 750 Euro. Und nun frisst ihnen die anziehende Inflation von dem wenigen noch mehr weg. Etliche sehen offensichtlich keinen anderen Ausweg als den Klau im Supermarkt: Hatten die Geschäfte früher vor allem jene jungen Leute im Auge, die gern mal eine CD, eine DVD oder ein fesches Kleidungsstück mitgehen lassen wollten, so haben sie heute die "Anziani" im Visier: "In wenigen Jahren hat sich die Zahl der Diebstähle durch Ältere um 40 bis 50 Prozent erhöht", berichten die Supermarkt-Detektive mit einem wachsamen Auge auf die Senioren.

Viele fühlen sich unwohl in ihrer Haut, würden wohl lieber ehrlich bleiben, das merkt selbst der Sicherheitsdienst. Denn die betagten Diebe greifen nicht etwa zum Luxus-Prosciutto aus Parma, sie lassen meist das Sonderangebot in der Tasche verschwinden. Wenn sie dann nach der Kasse zur Rede gestellt werden, da man sie gezielt verfolgt hat, möchten sie vor Scham im Boden versinken: "Menschen, die ihr Leben lang gearbeitet haben, seit einigen Jahren aber nicht mehr zurande kommen", so geht die römische Zeitung "La Repubblica" auf die Krise ein, die Opa und Oma zum Stehlen zwingt. Und zitiert, was die Verantwortlichen etwa der Kette Leclerc Conad von dieser Klientel der Diebe sagen: "Sie sind so alt, und sie haben so viel Angst, wir können deswegen aber doch nicht die Überwachungskameras abschalten."

Brutale Preisschraube

In vielen Fällen drückt man ein Auge zu, lässt die bejahrten Diebe laufen, nachdem sie die gestohlene Ware bezahlt haben. Meist wird ihnen noch untersagt, wieder zum "Einkaufen" zu kommen. Somit bleiben die Carabinieri ganz außen vor, die sonst Anzeige erstatten müssten: Nur Wiederholungstäter müssen nach "La Repubblica" in jedem Fall damit rechnen, dass die Polizei eingeschaltet wird. Das könnte auch jener Signora passieren, die immer wieder ein Überraschungs-Ei mitgehen lässt. Oder diesem älteren Herrn, der zwischen den Regalen klammheimlich verspeist, was er doch an der Kasse bezahlen müsste. So ist die Scham riesengroß, was sich offenbart, wenn man erwischt worden ist: "Um Gottes Willen, sagt das bloß nicht meinen Kindern!"

"Wir begegnen einem neuen Gesicht des Hungers - selbst wenn Nahrungsmittel in den Regalen stehen, gibt es jetzt immer mehr Menschen, die sie sich nicht mehr leisten können." Dies beklagt Josette Sheeran vom UN-Welternährungsprogramm (WFP) in Rom wegen der brutalen weltweiten Preisschraube für Nahrungsmittel. Sheeran meint die bitterarmen Staaten wie etwa Haiti - und noch nicht jenes Land, wo die Zitronen blühen und von dem Feinschmecker weltweit schwärmen.

Von Hanns-Jochen Kaffsack, dpa

Quelle: n-tv.de