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"Eine ganz andere Wucht" Drosten warnt vor zweiter Corona-Welle

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Virologe Christian Drosten sieht bei voreilig gelockerten Distanzregeln die Gefahr einer extrem gefährlichen zweiten Coronavirus-Infektionswelle.

(Foto: via REUTERS)

Nicht nur die Kanzlerin ist von den "Öffnungsdiskussionsorgien" genervt. Weil die Distanzierungsmaßnahmen jetzt von allen Seiten infrage gestellt würden, warnt Virologe Christian Drosten vor einer zweiten Infektionswelle, die außer Kontrolle geraten könnte.

Kaum gibt es erste Lockerungen der Maßnahmen im Kampf gegen die Corona-Pandemie in Deutschland, preschen Politiker, Wirtschaftsvertreter oder Kolumnisten nach vorne und fordern, die Beschränkungen noch weiter zurückzufahren. Bei vielen Menschen fällt dies auf fruchtbaren Boden, da sie unter den Einschränkungen leiden und/oder ihre berufliche Existenz gefährdet ist. Das ist verständlich, doch wie bei einer juckenden Wunde ist es wohl besser, noch etwas durchzuhalten, als den Heilungserfolg zunichte zu machen, indem man den Verband zu früh abnimmt. Charité-Virologe Christian Drosten erklärt, warum überhastete Lockerungen brandgefährlich sind und eine zweite Infektionswelle möglicherweise nicht mehr zu kontrollieren ist.

R muss dauerhaft unter 1 bleiben

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Drosten schreibt auf Twitter, als er vor einer Woche in seinem NDR-Podcast darüber gesprochen habe, sei ihm noch nicht klar gewesen, "wie sehr die gültigen Distanzierungsmaßnahmen jetzt von allen Seiten infrage gestellt werden". Das Problem sei, dass sich die Menschen durch kaum belegte oder leere Intensivstationen in falscher Sicherheit wiegten. "Ich habe den Eindruck, dass seit dem vergangenen Mittwoch eine Diskussion entstanden ist, die eine Sicherheit insinuiert, die heute überhaupt noch nicht da ist", zitiert Drosten die Kanzlerin in seinem jüngsten Tweet.

Aktuell werden die stark zurückgegangenen Zahlen häufig als Argument für weitere Lockerungen herangezogen. In den vergangenen Tagen wurde vor allem die Reproduktionszahl R genannt, die anzeigt, wie viele Menschen ein Covid-19-Infizierter durchschnittlich ansteckt. Seit dem 16. April liegt sie deutlich unter 1, aktuell bei 0,8. Laut RKI hat sich R aber schon seit dem 22. März um 1 stabilisiert, sogar schon vor dem Lockdown. Ranga Yogeshwar hat in einem Youtube-Video analysiert, woran dies liegt. Tatsächlich haben die Menschen schon vor dem bundesweiten Kontaktverbot auf die ernsten Nachrichten reagiert und sich freiwillig eingeschränkt.

Mit der Reproduktionsrate unter 0 hat man zwar ein wichtiges Etappenziel erreicht, aber es bedeutet nicht, dass das Virus schon gestoppt wurde. Es verbreitet sich trotzdem weiter. Und um die Pandemie in Deutschland zu stoppen, muss R dauerhaft unter 1 bleiben. Außerdem kann R in Hotspots noch deutlich über 1 liegen.

Daher müssen die Einschränkungen aufrechterhalten bleiben oder für einzelne Maßnahmen ein effektiver Ersatz gefunden werden. Dazu könnten beispielsweise eine allgemeine Maskenpflicht und eine funktionierende und gesellschaftlich akzeptierte Tracing-App gehören. Da das Coronavirus dem aktuellen Stand der Wissenschaft nach ohne Maßnahmen ein Ansteckungspotenzial zwischen 2,4 und 3,3 hat (Basisreproduktionszahl R0), kann man ausrechnen, wie viele Menschen immun sein müssten, um die Zahl R ohne Einschränkungen unter 1 zu halten.

Herdenimmunität keine Alternative

Bei einer Basisreproduktionszahl von 3 wären dies beispielsweise 66 Prozent der Bevölkerung. Die Helmholtz-Gemeinschaft schätzt, dass dies unter kontrollierten Bedingungen viele Jahre dauern dürfte. Dem "Tagesspiegel" sagte der Infektionsforscher Michael Meyer-Hermann, man müsse mit "grob 25 Jahren" rechnen. Ließe man dem Coronavirus stattdessen freien Lauf, würde dies unser Gesundheitssystem überfordern. Man muss also Wege finden, R so lange unter 1 zu halten, bis ein Impfstoff gefunden und großflächig verfügbar ist.

Drosten erklärt, warum dieses Unterfangen durch übereilte Lockerungen nicht nur zunichte gemacht werden, sondern auch in einem Desaster enden könnte. Auch bei einem Reproduktionswert unter 1 verbreite sich das Virus "unter der Decke" weiter, warnt er. Das bedeute, dass es sich in Deutschland über die kommenden Wochen und Monate nahezu unbemerkt verteile, während Covid-19-Fälle zuvor überwiegend in Hotspots aufgetreten seien.

Zweite Welle mit unkontrollierbarer Wucht

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Die "Herbstwelle" der Spanischen Grippe forderte viele Millionen Todesopfer.

(Foto: via REUTERS)

Würde die Zahl R durch Leichtsinn und voreilig zurückgenommene Distanzregeln wieder über 1 steigen und sich das Virus damit wieder exponentiell verbreiten, hätte dies voraussichtlich verheerende Folgen. Weil die Infektionswelle dann überall gleichzeitig starte, hätte sie "eine ganz andere Wucht", so Drosten. Die bekannten Gegenmaßnahmen reichten dann zu einer Eindämmung nicht mehr aus, die Pandemie gerate außer Kontrolle. "Dann haben wir Situationen, dass Tanklastwagen eben durch Straßen fahren mit Desinfektionsmittel, weil das dann noch Maßnahmen sind, wo man in aller Verzweiflung noch versucht, etwas obendrauf zu setzen."

Dass dies nicht nur graue Theorie ist, zeigt das Beispiel der Spanischen Grippe, die 1918 zum Ende des Ersten Weltkriegs ausgebrochen ist. Auch sie sei im Frühjahr zunächst lokal und extrem ungleich verteilt aufgetreten, sagt Drosten. Durch Ausgangssperren et cetera und offenbar einem starken saisonalen Effekt im Sommer, sei die Krankheit gar nicht mehr bemerkt worden, bevor sie in einer Winterwelle mit Infektionsketten an allen Orten zurückgekommen sei. Insgesamt wird die weltweite Zahl der Todesopfer durch die Spanische Grippe auf bis zu 50 Millionen Menschen geschätzt. Die meisten von ihnen starben während der zweiten Welle.

Quelle: ntv.de