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Familie von Unfallopfer gespalten EGMR entscheidet über Sterbehilfe

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Als Pantomime verkleidet engagieren sich Demonstranten gegen Euthanasie in Frankreich.

(Foto: ASSOCIATED PRESS)

Seit sieben Jahren liegt der Franzose Vincent Lambert im Wachkoma. Sein Zustand verschlechtert sich zunehmend, doch seine Eltern wollen ihn im Gegensatz zu seiner Ehefrau nicht sterben lassen. Nun entscheidet der Europäische Gerichtshof für Menschenrechte über den Fall.

Das tragische Schicksal des seit einem Unfall querschnittsgelähmten und im Wachkoma liegenden Franzosen Vincent Lambert sorgt in Frankreich seit Jahren für hitzige Debatten zwischen Befürwortern und Gegnern der passiven Sterbehilfe. Der Streit beschäftigt auch den Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte (EGMR), der am heutigen Freitag sein Urteil verkünden wird. Dabei geht es um die Frage, ob passive Sterbehilfe für den 39-Jährigen zulässig ist. Lamberts Eltern, strenge Katholiken, wollen verhindern, dass seine künstliche Ernährung eingestellt wird.

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Lamberts Eltern versuchen mit allen Mitteln, ihren Sohn am Leben zu erhalten.

(Foto: picture alliance / dpa)

Vincent Lambert erlitt bei dem Verkehrsunfall im Jahr 2008 schwere Hirnverletzungen, er liegt seitdem im Wachkoma. Seit 2011 hat sich sein Zustand deutlich verschlechtert, nach Angaben des Rechtsvertreters der Regierung befindet er sich in einem vegetativen Zustand ohne Aussicht auf Besserung. Der französische Verfassungsrat - das höchste Verwaltungsgerichts des Landes - hatte im vergangenen Juni den Beschluss der Ärzte gebilligt, die künstliche Ernährung des Patienten einzustellen. Daraufhin zogen Lamberts Eltern, ein Bruder und eine Halbschwester vor den Straßburger Gerichtshof.

Ehefrau stellt sich gegen Eltern

Bei einer Anhörung im Januar betonten sie, ein Aussetzen der Nahrungszufuhr wäre nichts anderes als "versteckte Euthanasie" und damit ein Verstoß gegen das Grundrecht auf Schutz des Lebens. "Vincent ist nicht am Ende seines Lebens, er ist behindert", sagte seine Mutter. Die Eltern machen zudem geltend, dass die Ärzte gegen das Verbot von Misshandlung und Folter verstoßen, sollten sie ihren Sohn verhungern und verdursten lassen. Lamberts Frau, fünf seiner Geschwister und ein Neffe fordern hingegen für den 39-Jährigen das Recht zu sterben. Sie nehmen an dem Verfahren als Nebenpartei teil.

"Er wollte auf keinen Fall in permanentem vegetativen Zustand leben", versicherte der Neffe François Lambert bei der Anhörung in Straßburg. Auch Lamberts Frau erklärt, ihr Mann habe sich nie gewünscht, dass sein Leben künstlich verlängert werde. Eine Patientenverfügung von ihm gibt es allerdings nicht. Die französische Justiz stützte ihre Entscheidung zugunsten einer passiven Sterbehilfe auch auf Aussagen von Ärzten im Universitätskrankenhaus der ostfranzösischen Stadt Reims, in dem Vincent Lambert seit seinem Unfall im September 2008 liegt. Demnach sind bei dem Patienten nur noch geringfügige Bewusstseinsanzeichen vorhanden. Außerdem ließ Lambert den Angaben zufolge wiederholt Widerstand gegen eine weitere Pflege erkennen.

EuGH-Urteil ist rechtskräftig

Der Europäische Gerichtshof für Menschenrechte hatte Frankreich nach Erhalt der Klage im vergangenen Juni per einstweiliger Verfügung angewiesen, den Querschnittsgelähmten bis zum Urteil weiter am Leben zu erhalten. Das Urteil wird von den 17 Richtern der Großen Kammer gefällt - und ist rechtsgültig. Sollte der Gerichtshof den Klägern in allen Punkten Recht geben, müsste Frankreich die Entscheidung zugunsten der passiven Sterbehilfe aufheben. Lamberts Eltern wollen aber auch bei einer Niederlage nicht aufgeben: In diesem Fall würden sie in Frankreich erneut vor Gericht ziehen, sagte ihr Anwalt.

Der Straßburger Gerichtshof hat sich bereits mehrfach mit dem Thema Sterbehilfe befasst, dabei ging es aber um das Recht auf Hilfe zum Suizid. So prüfte er im Jahr 2002 die Beschwerde einer jungen Britin, die an einer unheilbaren Krankheit litt, die zu einer Lähmung aller Muskeln führte. Sie wollte sich mit Hilfe ihres Mannes umbringen, was das britische Gesetz verbietet. Der Gerichtshof wies diese Klage mit der Begründung ab, ein Staat könne nicht zu aktiver Sterbehilfe verpflichtet werden.

Vor knapp drei Jahren erzielte ein deutscher Witwer, dessen ebenfalls völlig gelähmte Frau vergeblich eine tödliche Medikamentendosis beantragt hatte, einen Teilerfolg: Der Gerichtshof verurteilte Deutschland, weil der Mann keine ausreichende Einspruchsmöglichkeit erhalten hatte. Zur Grundsatzfrage, ob es ein Recht auf aktive Sterbehilfe gibt, nahmen die Straßburger Richter aber nicht Stellung.

Quelle: n-tv.de, Jutta Hartlieb-Braun, AFP

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