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Londoner Polizei hilft eingesperrten Frauen Ein Leben in Gefangenschaft

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Ein Schock auch für Ermittler Hyland: "Wir haben noch nie etwas in der Größenordnung gesehen."

(Foto: AP)

30 Jahre lang werden drei Frauen in einem Haus in der britischen Hauptstadt gegen ihren Willen festgehalten. Die Nachbarn bemerken offenbar nichts. Schließlich gelingt es einer der Frauen, sich selbst und ihre Leidensgenossinnen zu retten.

Ein Fernsehbericht, in dem sich eine Hilfsorganisation präsentierte, zeigte drei Frauen in den Weg in die Freiheit. Mindestens 30 Jahre lang wurden sie laut Polizei von einem Paar in einem Haus eingesperrt - in der Millionenstadt London. Erst am 25. Oktober konnten sie endlich als freie Menschen aus dem Zuhause ihrer mutmaßlichen Peiniger gehen. "Als niemand da war, gelang es ihnen, das Haus zu verlassen", erzählt Aneeta Prem von der Hilfsorganisation Freedom Charity später im britischen Fernsehen. Ihre Organisation war es, die den Frauen bei ihrem Weg in die Freiheit half.

Begonnen hatte alles mit einem Anruf bei der Hotline der Hilfsorganisation im Oktober: Am Telefon, berichten Polizei und Freedom Charity, war eine Irin. Sie und zwei weitere Frauen würden gegen ihren Willen in dem Haus im Stadtteil Lambeth festgehalten, sagte sie.

Die Freedom-Mitarbeiter waren sofort alarmiert, sagt Prem. Sie wollten der Frau helfen, verabredeten immer wieder Telefonate mit ihr. Ganz behutsam wollten sie das Vertrauen der Frau gewinnen. "Tröpfchenweise" gab sie ihnen immer mehr Informationen. Erwischt werden durfte sie bei ihren Telefongesprächen nicht. Alles sei im Geheimen abgelaufen, sagt Prem. Nur die Polizei wurde eingeweiht.

Freudentränen in der Telefonzentrale

Als die Frauen alleine zu Hause waren, verließen zwei von ihnen ihr Gefängnis. "Sie schafften es, einfach aus dem Haus zu gehen", sagt Prem. Erstmals trafen Freedom-Mitarbeiter und die Polizei die Anruferin, eine 57-Jährige. Bei ihr war eine 30 Jahre alte Britin. Endlich konnten sie ihren Fluchthelfern zeigen, wo sie festgehalten wurden - in einem "gewöhnlichen Haus in einer gewöhnlichen Straße", wie Prem beim Sender ITV News betont. Diese retteten schließlich auch das dritte Opfer, eine 69 Jahre alte Frau aus Malaysia.

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Eines der Opfer sei ihr ganzes Leben lang eingesperrt gewesen, sagt Prem.

(Foto: AP)

"Als wir die Nachricht erhielten, dass sie alle tatsächlich vor der Haustür standen, brachen alle in der Telefonzentrale in Jubel aus", berichtet Prem dem britischen Sender BBC. Tränen seien geflossen. "Zu wissen, dass wir mitgeholfen hatten, diese drei Frauen zu retten, die unter solch schrecklichen Umständen festgehalten wurden, war für alle sehr gefühlsaufreibend."

Schläge und "Gehirnwäsche"

Nach Darstellung der Polizei haben die Drei während ihres jahrzehntelangen Leids unter großem psychischen Druck gestanden. Dabei seien sie geschlagen worden, vor allem aber einer Art "Gehirnwäsche" ausgesetzt gewesen, hieß es am Freitag von Scotland Yard.  "Gehirnwäsche" beschreibe das Geschehen allerdings nur unzureichend. "Dies ist ein besonderer Fall", sagte Commander Steve Rodhouse am Freitag. Er sprach von "unsichtbaren Handschellen", die den Frauen angelegt worden seien. "Es ist nicht so offensichtlich brutal wie bei anderen Fällen", betonte er.

Nach Medienberichten sollen die Frauen während ihrer Gefangenschaft weder Schulbildung noch medizinische Versorgung bekommen haben. Eines der drei Opfer soll einen Schlaganfall gehabt, jedoch keine Medikamente erhalten haben. Die jüngste der drei Frauen habe "ihr ganzes Leben in Gefangenschaft verbracht." Ob sie auch in dem Haus geboren wurde, blieb unklar. "Es ist das erste Mal, dass sie sich frei bewegen kann, ein Telefon nutzen darf und einige ganz grundlegende Dinge erlebt, die für uns alle selbstverständlich sind", sagt Prem.

"Unsichtbare Handschellen"

Sexuell missbraucht wurden Opfer laut der Polizei nicht. Bis zu einem gewissen Grad sei ihnen eine Art "kontrollierte Freiheit" zugestanden worden, sagt Ermittler Kevin Hyland.

"Wir befinden uns noch in einem sehr frühen Stadium einer komplizierten und heiklen Untersuchung", so Hyland. "Diese Frauen sind stark traumatisiert, nachdem sie für mindestens 30 Jahre ohne richtigen Kontakt zur Außenwelt gefangen waren."

Es werde einige Zeit dauern, bis die Polizei herausgefunden habe, was in den vergangenen drei Dekaden geschehen sei. "Die Einheit für Menschenhandel behandelt viele Sklaverei- und Zwangsarbeitsfälle", fügt er hinzu. "Aber wir haben noch nie etwas in der Größenordnung gesehen."

Die Frauen sind in Sicherheit

Die mutmaßlichen Peiniger der Frauen kann die Polizei inzwischen ermitteln. Sie werden zwischenzeitlich festgenommen und verhört. Es handelt sich demnach um einen Mann und eine Frau im Alter von jeweils 67 Jahren. Beide werden gegen Kaution bis Januar auf freien Fuß gesetzt.

In ihr Haus, das 12 Stunden lang von der Polizei durchsucht worden sei, hätten die Tatverdächtigen jedoch nicht zurückkehren können, berichtete die BBC. Sie seien keine britischen Staatsbürger, lebten aber schon seit vielen Jahren in Großbritannien. So seien sie in den 1970er Jahren schon einmal festgenommen worden.

Ihre Opfer sind nun vor ihnen geschützt. Sie werden noch am Tag ihrer Befreiung an einen sicheren Ort gebracht. Professionelle Helfer kümmern sich um sie. "Sie sind sehr mitgenommen, nach dem was ihnen widerfahren ist", sagt Prem. "Aber sie machen Fortschritte."

Parlament arbeitet an Anti-Sklaverei-Gesetz

Die britische Regierung erklärte härter gegen Menschenhandel vorgehen zu wollen. Gegenwärtig werde ein Gesetzentwurf im Parlament vorbereitet, der lebenslange Haft als Höchststrafe für Sklavenhaltung vorsieht, sagte Innen-Staatssekretär James Brokenshire im BBC-Radio. "Die Leute glauben, Sklaverei ist eine Sache, die in den Geschichtsbüchern steht. Die traurige Realität ist, dass es sie noch immer gibt", sagte er.

Nach Angaben des Forschungsinstituts Centre for Social Justice wurden im Jahr 2012 die Fälle von mehr als 1000 Menschen bekannt, die als moderne Sklaven in Großbritannien gehalten wurden.

Quelle: n-tv.de

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