Nationaldenkmal Pariser EdelbordelleEin "Liebessitz" für den Thronfolger
Luxus- und Liebestempel für die High Society: Das waren die Pariser Edelbordelle bis in den Zweiten Weltkrieg hinein. Eine Ausstellung in Paris zeichnet ihre Geschichte nach.
Am Eingang des Hauses im Pariser Börsenbezirk begrüßte ein Schild die Besucher: "Willkommen im Chabanais: Das Haus aller Nationen". Bis in den Zweiten Weltkrieg gingen in dem Pariser Edelbordell in- und ausländische Würdenträger ein und aus. Auch Filmstars ließen sich gerne hier sehen - und nicht nur Männer. Wie viele Pariser Freudenhäuser der Luxusklasse war das "Chabanais" fester Bestandteil im gesellschaftlichen Leben der Stadt. Eine Ausstellung zeichnet jetzt die Geschichte der "maisons closes" nach.
Das "Chabanais" gibt es schon lange nicht mehr, Bordelle sind in Paris seit 1946 verboten. Direkt gegenüber befindet sich heute die Galerie von Nicole Canet, die sich auf erotische Fotos und historisches Sexspielzeug spezialisiert hat. Sie hat 400 Fotos, Zeichnungen und Bücher sowie zahlreiche andere Ausstellungsstücke aus der Epoche der Edelbordelle ab 1860 zusammengetragen.
Fast ein Nationaldenkmal
Canet hat vor zehn Jahren angefangen, die Geschichte der Bordelle zu erforschen. "Ich finde es faszinierend, in der Zeit zurückzureisen und die Geschichten hinter den Fotos zu entdecken", sagt die 50-Jährige, die einst als Tänzerin auftrat. Quer durch Paris besuchte sie alte Adressen von Bordellen auf der Suche nach weiteren Stücken.
"Das Chabanais war praktisch ein Nationaldenkmal und wurde von den Reiseagenturen als Sehenswürdigkeit aufgeführt", sagt Canet. Bekanntester Besucher war in seiner Zeit als Thronfolger der spätere britische König Edward VII. "Bertie", wie er genannt wurde, hatte Ende des 19. Jahrhunderts sein eigenes Zimmer mit "Liebessitz". Daneben gab es auch eine riesige Kupferbadewanne, die der damalige Prince of Wales gerne mit Champagner füllen ließ.
Palastartige Zimmer und "Folterkammern"
Die High-Society-Bordelle trennten Welten von den Hinterzimmern in billigen Hotels, die dem gemeinen Volk als Absteigen für den schnellen Sex dienten. Ihre Ausstattung glich Luxus-Stadtpalästen, deren Dekor die Phantasie anregen sollten. Alte Fotos des "Chabanais" zeigen die Eingangshalle als primitive Höhle aus bloßem Stein. Im Inneren hatte jeder Raum aber seine eigene, oft üppige Ausstattung, von palastartigen Zimmern bis zu japanisch anmutenden Räumen.
Dabei ging es in den Häusern nicht nur um Liebe gegen Bezahlung. Viele waren gleichzeitig schicke Bars und Restaurants für Party-Gänger. Sie zogen männliche Filmstars wie Humphrey Bogart oder Cary Grant an, aber auch Schauspielerinnen wie Mae West oder Marlene Dietrich. Lieblingsort der Dietrich war das "Eins, zwei, zwei", dessen Name von seiner Adresse, Rue de Provence 122, stammt. Der Fotograf Robert Doisneau schoss dort eine Reihe von Bildern; sie zeigen Zimmer im Musketier-, Afrika- oder Piratenstil sowie einen Spiegelsaal in klein. Und wie in fast allen der Luxus-Bordelle gab es auch eine "Folterkammer".
Besitzer gehörten zur Oberschicht
Der Schriftsteller Marcel Proust, der Männern zuneigte, investierte in zwei der Hauptstadt-Bordelle für Homosexuelle. Die Häuser warfen meist hohe Gewinne ab. Anrüchig war ihr Besitz nicht, viele ihrer Eigner gehörten zur Oberschicht. Der Maler Henri de Toulouse-Lautrec verbrachte viel Zeit in den Bordellen, die ihm Inspirationen für seine Bilder lieferten.
In Canets Ausstellung ist neben allerlei erotischen Accessoirs auch eine große Holzkiste mit geschliffenen Linsen zu sehen, ein sogenanntes Stereoskop. Es ermöglichte den Bordell-Besitzern, den Kunden Bilder ihrer Prostitutierten zu zeigen. Ein Stück fehlt Canet aber noch in ihrer Sammlung: Der "Guide Rose", der "rosa Führer", in dem Freudenhäuser "in Paris, den Provinzen und den Kolonien" verzeichnet waren. "Ich kenne zwei ältere Herren, die noch Kopien haben", sagt die Bordell-Forscherin. "Aber sie wollen nicht verkaufen."