Panorama

Thüringer schmecken überall Eine Ode an die Bratwurst

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Vermutlich vom selben Autor wie "Warum liegt hier eigentlich Stroh?": Bratwurst-Werbung mit halbnackter Schäferin.

(Foto: Stefanie Bär)

Aufreizend glitzert das 20 Zentimeter lange Prachtstück in der Hand der halbnackten Schäferin - lasziv und mit kaum gezügelter Vorfreude blinzelt sie in die Kamera. Knisternde Erotik rund um verarbeitete Darmschläuche, das gibt es wahrscheinlich nur in Thüringen.

Uwe Keith steckt den Schlüssel in die Lücke im Schafsdarm und entriegelt die Bratwurst. Normalerweise ist das gewaltige Brätstück im Winter nicht begehbar, aber diesmal macht der Vorsitzende der "Freunde der Thüringer Bratwurst" eine Ausnahme: Drinnen kann der geneigte Besucher des Holzhausener "Bratwurstmuseums" nämlich nachvollziehen, was die Königin unter den deutschen Würsten zu dem gemacht hat, was sie heute ist.

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Im Inneren der Riesenwurst gibt es vor allem eines: Noch mehr Wurst

Eine lange rote Linie verläuft an der Innenseite der "größten begehbaren Bratwurst der Welt", wie Keith den 26 Meter langen Plastikschlauch liebevoll nennt, entlang und verbindet Santiago de Compostela in Spanien mit dem ukrainischen Kiew. Erfurt liegt ziemlich genau in der Mitte dieser "Via Regia" oder Königsstraße - und genau das soll auch eines der Geheimnisse für die besondere Schmackhaftigkeit des Thüringer Exportschlagers sein. "In unserer Region kam alles zusammen: Exzellentes Fleischerhandwerk traf auf exotische Kräuter aus fernen Ländern, heraus kam eine Bratwurst zum Niederknien", sagt Keith. Und das schon seit mindestens 610 Jahren.

Von Bratwurstschaukeln und wurstförmigen Sitzmöbeln

Am 20. Januar 1404 vermerkt ein Mönch in den Buchhaltungsunterlagen des Arnstädter Jungfrauenklosters, einen Groschen für Bratwurstdärme ausgegeben zu haben. Das Datum stellt die symbolische Geburtsstunde der Thüringer Bratwurst da - und wird von den wurstverliebten Einheimischen auch dementsprechend zelebriert. Nicht umsonst wurde das Gemisch aus Schweine- oder Kalbsfleisch und regional unterschiedlichen Gewürzen wie Majoran, Knoblauch oder Kümmel zusammen mit der Nürnberger Rostbratwurst von der EU-Kommission mit einer geografischen Herkunftsbezeichnung geschützt. Während die Holzkohlegrills in der restlichen Bundesrepublik noch mindestens ein Vierteljahr im Keller rosten, laden die "Bratwurstfreunde" mitten im Januar zum Anbraten. Und das auch noch in ihrer ganz eigenen Kultstätte.

Würde man Wurstfabrikant Uli Hoeneß LSD ins Trinkwasser mischen und ihn dann darum bitten, das "1. Deutsche Bratwurstmuseum" zu entwerfen, herausgekommen wäre wahrscheinlich so etwas Ähnliches wie das Gelände am Ortsrand von Holzhausen im Ilm-Kreis: Vom Bratwurstkreisel an der Zufahrtsstraße des Dorfes über eine Bratwurstschaukel für Kinder und diverse wurstförmige Sitzmöbel bis hin zur eingangs erwähnten begehbaren Riesenwurst haben die Kuratoren so ziemlich alles durch den ideentechnischen Fleischwolf gedreht, was man normalerweise garantiert nicht mit dem Braterzeugnis in Verbindung bringen würde. Momentanes Highlight der bizarren Freiluftausstellung ist aber ohne Zweifel das "Thüringer Abendmahl", eine Hommage an Leonardo da Vincis berühmtes Gemälde - gemalt hat es Arno Funke, besser bekannt als der Kaufhaus-Erpresser Dagobert.

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Neben lokalen und historischen Größen haben auch Angela Merkel und Barack Obama ihren Weg auf das "Thüringer Abendmahl" gefunden.

Nun naschen die Thüringer "Bratwurstfreunde" wahrscheinlich eher selten bewusstseinsverändernde Drogen - umso bemerkenswerter ist, dass Keith und seine Kompagnons mit skurrilen Events wie dem Bratwursttheater, dem Bratwurstsongcontest und der Bratwurstliga quasi nebenher eine öffentlichkeitswirksame Kampagne nach der anderen aus dem Hut zaubern. Mit Erfolg: Die damalige Bundeslandwirtschaftsministerin Ilse Aigner war schon da, jedes Jahr finden 20.000 Besucher ihren Weg nach Holzhausen. "Von denen sind 30 Prozent aus de m Ausland", berichtet Keith stolz. Die Bratwurst als ultimatives deutsches Markenzeichen mag vielleicht ein Klischee sein, aber eben eines, das stimmt. Unter den 300 Mitgliedern des Vereins finden sich Menschen aus 15 Nationen, eine große Fangemeinde hat die Bratwurst vor allem in den USA - und in China.

Darmschleißer und Rückgratspreizer

Auch wegen des großen Interesses aus dem Ausland möchten sich die "Bratwurstfreunde" nicht nur auf augenzwinkernde PR-Kampagnen beschränken. "Wir haben ja schließlich auch einen Bildungsauftrag", sagt Keith und lächelt schelmisch - dem wird auf zwei Etagen im Haupthaus nachgekommen.

Bratwurstromantik wie im Grimm-Märchen "Von dem Mäuschen, Vögelchen und der Bratwurst" trifft hier auf die blutige Realität des Fleischerhandwerks: Vom Darmschleißer bis zum Rückgratspreizer haben die "Bratwurstfreunde" in den vergangenen Jahren jede Menge historische Werkzeuge zur Schweineverarbeitung aufgetrieben. Das wirkt auf den ersten Blick ganz schön brutal, ist aber eigentlich nur konsequent. Der kleine Junge, der gerade mit großen Augen an der Hand seiner Oma durch den Raum geführt wird, weiß jetzt jedenfalls, dass seine Lieblingswürste nicht bereits fertig eingeschweißt in der Kühltruhe des Supermarktes gewachsen sind.

Ob sie das am Darß auch wissen, ist allerdings eher unklar. Hier, am äußersten Zipfel Deutschlands, mit der Ostsee direkt vor der Tür und Fischbuden bis zum Horizont, reibt sich der unvorbereitete Besucher verwundert die Augen: Was hat die Schäferin mit dem kecken Blick und der dicken Wurst in der Hand nur vor und warum ist sie dabei halbnackt? Fragen, die wohl nie geklärt werden - die aber auch gar nicht mehr so wichtig erscheinen, sobald ein Gast die Tür zur Grillstation öffnet und der betörende Duft aus dem Inneren strömt. Ob in Mitteldeutschland oder an der Ostsee: Eine Thüringer schmeckt überall. Alles Gute zum Geburtstag, liebe Bratwurst.

Quelle: ntv.de