Panorama

"Olympische Küsse" in Guanajuato Eine Stadt will Ordnung

Mit dem Lied "Besame, besame mucho" der Sängerin Consuelito Velzquez hat Mexiko einen wichtigen Beitrag zur Kultur des Kusses in aller Welt geleistet. Wenn es jedoch nach Eduardo Romero Hicks, dem Bürgermeister von Guanajuato, ginge, dann müsste das "mucho" aus einem der wohl bekanntesten Lieder in spanischer Sprache nachträglich gestrichen werden.

Denn das rechte Stadtoberhaupt hat einen kommunalen Erlass beschließen lassen, mit dem unter anderem "olympische Küsse", das sind alle körperlichen Annäherungen jenseits von einem normalen "beso", und obszöne Berührungen in der Öffentlichkeit verboten werden sollten. Bei Zuwiderhandlungen drohten Festnahme und Haft von bis zu 36 Stunden und eine Geldstrafe von 1500 Pesos (80 Euro).

Störende Liebesbekundungen

Romero Hicks von der konservativen Regierungspartei PAN (Partei der Nationalen Aktion) hatte, wie viele seiner Bürgermeisterkollegen in Mexiko, die Sicherheit und Sauberkeit der Stadt und das Wohlbefinden der Einwohner im Auge. Denn auch in Guanajuato, einem Kleinod der spanischen Kolonialarchitektur und Weltkulturerbe, machen sich zahllose Straßenhändler breit, belästigen Bettler Bürger und Touristen, greifen Jugendliche zu Drogen und Alkohol. Und natürlich kommt es in den Parks und romantischen Straßen, von denen die berühmteste "Straße der Küsse" heißt, gelegentlich zu freizügigen Liebesbekundungen. Das störte den Bürgermeister und die christliche PAN, der auch Präsident Felipe Caldern angehört.

Doch im Lande und vor allem in der 300 Kilometer südlich gelegenen Hauptstadt hat die Maßnahme vor allem Unverständnis hervorgerufen. "Nur die Dummheit eines Bürgermeisters und eines mittelalterlichen Stadtrates konnten den Kuss zu ein Delikt machen", spottete die Tageszeitung "El Universal". Selbst der Bundesführung der Partei ging deshalb die Maßnahme zu weit. Oder sie kam zu einem unpassenden Moment. Denn in diesem Jahr stehen in sechs Staaten Gouverneurswahlen an und die Unterkammer des nationalen Parlaments wird neu gewählt. "Verschluckt von der extremen, undemokratischen und nach rückwärts gerichteten Rechten könnte die PAN in den Vorzimmern sitzen bleiben", kommentierte das Blatt im Hinblick auf mögliche Wahlschlappen.

Ein Geschenk des Himmels

Der Gouverneur des Bundesstaates Guanajuato, in dem auch Calderons Vorgänger Vicente Fox zu Hause ist, ließ - wohl auf Geheiß aus der Bundeszentrale - den Anti-Kuss-Text nicht im Staatsanzeiger veröffentlichen. Damit trat der Erlass auch nicht in Kraft. Nun muss er überarbeitet werden. Die Führung der PAN im Bundesstaat Guanajuato drohte ihren Abgeordneten im Stadtrat sogar Sanktionen an, wenn sie die Disposition von oben nicht befolgen sollten.

Für die Opposition ist das Ganze bereits jetzt ein Geschenk des Himmels. Gerardo Fernandez Noroa, ein führender Repräsentant der mexikanischen Linken, und rund 30 Mitglieder der Schwulen- und Lesben-Gemeinde demonstrierten vor der Vertretung des Bundesstaates in der mexikanischen Hauptstadt gegen "diese Barbarei". Noroa, forderte die Demonstranten auf, sich intensiv zu küssen, um ihre Abneigung gegen die konservative PAN von Guanajuato zum Ausdruck zubringen. Er selbst weigerte sich aber, dem Koordinator der Schwulen einen Kuss zu gegen. Stattdessen habe er mit seiner siebenjährigen Nichte geschmust, berichtete die Zeitung "Reforma".

Es ist nicht das erste Mal, dass eine städtische Verordnung zur Wahrung der Sittsamkeit in Mexiko für Wirbel sorgt. Vor einigen Jahren hatte der damalige Bürgermeister von Monterrey, der drittgrößten Stadt Mexikos, vergeblich versucht, den Frauen das Tragen von Miniröcken zu verbieten.

Quelle: ntv.de, Franz Smets, dpa