Panorama

In Polizeizelle verbrannt "Es klang nach Wasserschaden"

Im Prozess um den qualvollen Tod des Asylbewerbers Oury Jallow in einer Polizeizelle in Dessau haben die beiden angeklagten Polizisten ein Fehlverhalten bestritten. Der Hauptangeklagte sagte vor dem Dessauer Landgericht aus, er habe zunächst nicht mitbekommen, dass es in der Zelle des 21-Jährigen überhaupt gebrannt habe. Er sei von einem Wasserschaden ausgegangen. Zugleich äußerte er sein Bedauern über den Tod.

Der aus Sierra Leone stammende Asylbewerber starb vor zwei Jahren in einer Polizeizelle in Dessau, nachdem dort aus bislang ungeklärten Umständen ein Feuer ausgebrochen war. Dem 46 Jahre alten Hauptangeklagten Andreas S. wird vorgeworfen, den Feueralarm und Hilferufe des Opfers ignoriert zu haben.

Sein mitangeklagter 44-jähriger Kollege soll den afrikanischen Asylbewerber nicht gründlich genug durchsucht und ein Feuerzeug übersehen haben. Angeklagt sind die beiden Beamten wegen Körperverletzung mit Todesfolge beziehungsweise fahrlässiger Tötung. Bei rechtzeitiger Reaktion hätte der Afrikaner den Ermittlungen zufolge gerettet werden können.

An dem Prozess nahmen auch die Mutter und der Stiefbruder des Opfers teil. Die in weiße Tücher gehüllte Mutter brach nach Verlesung der Anklageschrift in Tränen aus, schluchzte laut und konnte kaum beruhigt werden. Für die Hauptverhandlung gelten scharfe Sicherheitsauflagen. Besucher wurden auf gefährliche Gegenstände durchsucht, mehrere Dutzend Polizisten waren im Einsatz. In dem Gericht finden an allen Prozesstagen keine anderen Verhandlungen statt.

Plätschern in der Sprechanlage

Der Hauptangeklagte sagte, er habe keine Hilferufe aus der Zelle gehört. Vielmehr habe er die Geräusche aus der Sprechanlage für Plätschern gehalten. "Ich bin von einem Wasserschaden ausgegangen." Er räumte allerdings ein, die Sprechanlage zeitweise leiser gestellt und den durch die Rauchmeldeanlage ausgelösten akustischen Alarm abgestellt zu haben. "Ich habe angenommen, dass das Wasser einen Kurzschluss verursacht und dadurch den Rauchmelder ausgelöst hat", betonte er. Auch früher habe es bereits Fehlalarme gegeben. Nach seiner Darstellung begab er sich anschließend zügig zu den Arrestzellen, eine Rettung sei zu dem Zeitpunkt aber wegen starker Rauchentwicklung nicht mehr möglich gewesen. Der Mitangeklagte bestritt zu Prozessbeginn, bei der Durchsuchung ein Feuerzeug übersehen zu haben.

Der Staatsanwaltschaft zufolge hätten die Beamten spätestens zwei Minuten nach Beginn der Rauchentwicklung an der Zelle im Keller sein können. Der Alarm sei bereits nach weniger als einer Minute ausgelöst worden. Oury Jallow starb Gutachten zufolge spätestens sechs Minuten nach Ausbruch des Feuers an einem Hitzeschock.

"Latenter Rassismus bei einzelnen Beamten"

Vertreter von Antirassismus-Initiativen und Nebenklage bezweifeln, dass sich der junge Mann selbst angezündet hat. Nebenklagevertreter Ulrich von Klinggräff sagte, "es ist unfassbar und unglaublich, dass ein Mensch in der Obhut der Polizei auf solche Weise ums Leben gekommen ist". Die Angehörigen hofften auf eine restlose Aufklärung der genauen Todesumstände und der vielen offenen Fragen. Es gebe zwar bislang keine konkreten Hinweise für einen rassistischen Hintergrund, allerdings sei ein latenter Rassismus bei einzelnen Beamten der Dessauer Polizei erkennbar, fügte er hinzu. Der Prozess wird von Menschenrechtsaktivisten und Opfern rassistischer Gewalt beobachtet. Vor dem Gerichtsgebäude wurde mit einer Mahnwache an den Tod des Asylbewerbers erinnert.

Die Mutter und der Bruder des Opfers sind mit Hilfe von Spenden zum Prozess nach Deutschland gereist. Nach Angaben einer Dessauer Initiative wurden dafür knapp 3.000 Euro gesammelt. Der Prozess soll zunächst bis zum 11. Mai dauern.

Quelle: n-tv.de