Panorama

Kirche hat Glaubwürdigkeitsproblem Exodus der Katholiken ist nicht aufzuhalten

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Genau 217.716 Menschen kehren der katholischen Kirche 2014 den Rücken - ein neuer Negativrekord.

(Foto: picture alliance / dpa)

Bei 217.716 Kirchenaustritten könnte man meinen, es habe einen neuen Skandal in der "Una Sancta" gegeben. Doch eine Analyse zeigt: die Probleme gehen tiefer. Selbst Papst Franziskus schafft es nicht, die Gläubigen im 21. Jahrhundert abzuholen.

Was war eigentlich letztes Jahr so Schlimmes los in der katholischen Kirche? Der Missbrauchsskandal liegt Jahre zurück, auch "Protzbischof" Tebartz-van Elst residiert schon länger nicht mehr in Limburg. Gut, da war das neue Verfahren zur Erhebung der Kapitalertragssteuer auf die Kirchensteuer - ziemlich komplizierte Sache, letztlich ging es darum, dass viele Katholiken das Gefühl hatten, ihre Mitgliedschaft werde jetzt langsam zum unbezahlbaren Luxus. Aber kann das wirklich die Erklärung sein für die größte Austrittswelle, die die katholische Kirche in Deutschland je erlebt hat?

Ganz genau 217.716 Menschen kehrten der Kirche 2014 den Rücken, wie die Deutsche Bischofskonferenz in Bonn mitteilt. Das sind noch einmal deutlich mehr als die 181.193 Mitglieder, die sich 2010 auf dem Höhepunkt des Missbrauchsskandals abwandten. Und das trotz eines Papstes, der sich Umfragen zufolge größter Beliebtheit erfreut. Die Tatsache, dass die Gläubigen selbst dann massenhaft austreten, wenn es gar keinen handfesten Skandal gibt, muss die Kirche zutiefst beunruhigen. Ganz offenkundig geht es hier um eine grundlegende, alles umfassende Vertrauenskrise.

"Der Geist von Franziskus"

Der junge Generalvikar des Erzbistums Köln, Dominik Meiering, sagt dazu: "Der Kirchenaustritt ist nur der letzte Schritt auf einem langen Weg, auf dem einem Menschen die Kirche immer fremder wird." Die Laienorganisation "Wir sind Kirche" hat eine Erklärung dafür zur Hand: Der "Geist von Franziskus" sei noch nicht ausreichend spürbar, die deutschen Bischöfe hinkten hinterher. Doch trifft das den Kern? In Fragen, die deutsche Katholiken wirklich bewegen - etwa die Position von Homosexuellen oder wiederverheirateten Geschiedenen - vertritt die Deutsche Bischofskonferenz einen vorsichtigen Reformkurs. Ob Papst Franziskus das auch tut, weiß bisher noch niemand. Der Pontifex hält sich bedeckt.

Die Krise geht wohl noch viel tiefer. Der Grund für die Abkehr sei "weniger Kritik oder Enttäuschung, sondern eher eine Verschiebung der Aufmerksamkeit", sagte der Religionssoziologe Detlef Pollack kürzlich in einem Interview des "Kölner Stadt-Anzeiger". Seine These: "Je vielfältiger und pluraler die Gesellschaft ist, desto mehr Alternativen gibt es zu dem, was die Kirche tut. Es ziehen immer mehr Menschen am Sonntagvormittag den Weg ins Fitness-Studio dem Kirchgang vor." Die "Una Sancta", die eine, heilige katholische Kirche - sie ist nur mehr ein Angebot unter vielen. Noch vor einer Generation war das unvorstellbar. Deutschlands Katholiken hatten die Haltung: "Ich liebe meine Kirche - und ich leide an ihr." Natürlich, auch damals ärgerte man sich über vieles, aber austreten? Undenkbar! Die Kirche war ein unverzichtbarer Bestandteil des Lebens. Diese Selbstverständlichkeit ist für immer dahin. "Wir sind Kirche in einer durch und durch säkularisierten (ent-kirchlichten) Gesellschaft", stellt der Bischof von Münster, Felix Genn, fest.

Moralisches Glaubwürdigkeitsproblem

Heute geht es wohl vielen so wie dem katholisch erzogenen Mittelalter-Experten Kurt Flasch (85), dessen Glaube sich im Laufe der Zeit einfach verflüchtigt hat, ganz ohne Skandal oder auch nur negative Erfahrungen. In seinem vor zwei Jahren erschienenen Buch "Warum ich kein Christ bin" diagnostiziert Flasch ein "moralisches und politisches Glaubwürdigkeitsproblem" der Kirche: Egal wie sehr sie sich auch bemüht - eine Jahrtausende alte Lehre einschließlich solcher Mysterien wie Dreifaltigkeit, Jungfrauengeburt und Auferstehung des Leibes lässt sich demnach beim besten Willen nicht mehr an das 21. Jahrhundert anpassen.

Die katholische Kirche muss sich wohl darauf einstellen, dass ihre Mitgliederzahlen auf absehbare Zeit jedes Jahr massiv zurückgehen werden. Darüber nicht den Mut zu verlieren, sondern die Botschaft von Jesus Christus weiter offensiv und inspirierend zu verkünden, ist vielleicht ihre größte Herausforderung.

Quelle: ntv.de, Christoph Driessen, dpa