Panorama
Freitag, 22. April 2011

Küng kritisiert Papst: "Fassade der Kirche bröckelt"

Hinhaltetaktik, Placebo für's Kirchenvolk - der Theologe Hans Küng erwartet nicht viel von dem Dialogprozess, den die Bischöfe in der katholischen Kirche angestoßen haben. Es gehe vor allem darum, mit "Jubel-Katholiken" die prächtige Fassade der bröckelnden Kirche zu erhalten.

Ende der 1960er Jahre lehrte der heute Papst gemeinsam mit Hans Küng an der Uni Tübingen.
Ende der 1960er Jahre lehrte der heute Papst gemeinsam mit Hans Küng an der Uni Tübingen.(Foto: dpa)

Der katholische Theologe Hans Küng fürchtet, dass der von den Bischöfen angestoßene Reformdialog zum "Placebo für's Kirchenvolk" werden könnte. Dass die Bischöfe eine Abschaffung des Zölibats oder die Öffnung des Priesteramts für Frauen von vornherein ablehnen, sei ein großes Problem.

"Wenn man gerade die dringendsten Reformen aus dem Dialog ausschließt, braucht man den Dialog gar nicht erst zu beginnen", sagte der 83-Jährige in Tübingen der Nachrichtenagentur dpa. Er forderte Papst Benedikt XVI. auf, bei seinem Deutschland-Besuch "außer den gewohnten schönen Reden über Gott und die Welt endlich Reformimpulse für die katholische Kirche und die Ökumene in seinem Reisegepäck" mitzubringen.

"Für das Volk längst sonnenklar"

Gründonnerstag im Vatikan: Der Papst wäscht die Füße von Priestern.
Gründonnerstag im Vatikan: Der Papst wäscht die Füße von Priestern.(Foto: dpa)

Solange sich die Bischöfe auf den Standpunkt stellten, dass die Gläubigen zwar über alles reden dürften, die Entscheidungsbefugnis aber allein den Bischöfen und dem Papst zukomme, habe der Dialogprozess keinen großen Wert. Dann würden sich die Gläubigen "um die Früchte des Reformdialogs betrügen lassen", sagte Küng. "Das Kirchenvolk und dieMehrheit des Klerus haben die ständig gleichen Ausreden und Ausflüchte derHierarchen schon längst satt und erwarten besonders nach dem Versagen des Episkopats in der Missbrauchsaffäre klare, konstruktive Antworten." Manches, was konservativen Bischöfen nicht einleuchten wolle, sei "für das Volk schon längst sonnenklar: Etwa dass es verheiratete Priester geben darf", sagte Küng.

Den Dialogprozess hatte die Deutsche Bischofskonferenz auf ihrer Frühjahrskonferenz in Paderborn gestartet. Als Reaktion auf Kritik, Mitgliederschwund und Priestermangel soll es in den nächsten vier Jahren Austausch mit den Gläubigen über Reformen in der Kirche geben.

"Jubel-Katholiken" und "Benedetto-Rufer"

Mit Blick auf den Besuch des Papstes im September in Berlin,Erfurt und Freiburg forderte Küng von seinem früheren Tübinger Professoren-Kollegen Joseph Ratzinger ein deutliches Zeichen für die Ökumene: "Es wäre an der Zeit, dass der Papst gerade in Erfurt die Exkommunikation Luthers aufhebt und gleichzeitig die von vielen ökumenischen Kommissionen empfohlene Anerkennung evangelischer Kirchenämter und Abendmahlsfeiernverkündet."

Der deutsche Papst erfahre sechs Jahre nach der "Wir sind Papst"-Welle in Deutschland nur noch wenig Zustimmung. Von den beim Besuch des Pontifex zu erwartenden vielen "Jubel-Katholiken" und "Benedetto-Rufern" dürfe man sich nicht blenden lassen, sagte Küng. Die Kirche zeige dort wieder einmal "eine prächtige römisch-katholische Fassade, hinter der es aber allenthalben bröckelt".

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Quelle: n-tv.de