Panorama

Ansturm bei den Hausärzten "Flächen-Tests in Praxen nicht sinnvoll"

Die Hausarztpraxen sind überall voll. Nicht nur wegen Covid-19.

Die Hausarztpraxen sind überall voll. Nicht nur wegen Covid-19.

(Foto: picture alliance / dpa)

Die Wartezimmer in den Hausarztpraxen sind derzeit überfüllt - Sars-Cov-2 stellt das gesamte System auf eine Belastungsprobe. Der Bundesvorsitzende des Hausärzteverbandes, Ulrich Weigeldt, berichtet ntv.de über den Ansturm und die Herausforderungen - von der hohen Testnachfrage bis zum Desinfektionsmittel.

ntv.de: Die Hausarztpraxen müssen derzeit eine große Patienten-Welle verkraften. Was hören Sie von den Ärzten?

Ulrich Weigeldt: Wir haben aufgrund der Grippesaison sowieso einen großen Ansturm in den Praxen, das Coronavirus kommt da jetzt noch hinzu. Insofern haben wir derzeit viel zu tun und müssen gerade auch auf unser Desinfektionsmittel aufpassen, das sehr begehrt ist. Aufgrund der aktuellen Lage telefonieren wir sehr viel, weil wir den Menschen gesagt haben, dass sie bei Erkältungssymptomen in den Praxen anrufen sollen. Wenn sie Halskratzen, Schnupfen oder Fieber haben, sollte man das erstmal telefonisch abklären lassen. Wer einen normalen Infekt hat, kann sich auf diesem Weg eine Krankmeldung geben lassen und muss dann nicht extra in die Praxis kommen - so können andere geschützt werden.

Ulrich Weigeldt ist Bundesvorsitzender des Deutschen Hausärzteverbandes.

(Foto: „Georg Lopata/axentis.de")

Haben denn nun alle den Ernst der Lage verstanden?

Viele Leute halten sich schon an diese Anweisung. Aber es gibt Menschen, die sind vernünftiger und andere sind unvernünftiger und kommen einfach in die Praxis. Ich glaube aber schon, dass wir jetzt vorbereitet sind. Man sieht nun ganz konkret, dass die Hausärztinnen und Hausärzte die erste Versorgungslinie sind – und es auch in Zukunft genug Hausärzte geben muss. Darum muss man sich kümmern.

Wie gut oder schlecht kann man denn Corona-Patienten von anderen in den Praxen trennen?

Das ist schwierig, das geht vielleicht bei großen Praxen auf dem Land. Aber in der Regel gibt es diesen Platz nicht. Wir als Verband versuchen gemeinsam mit den anderen Akteuren wie den Kassenärztlichen Vereinigungen, den staatlichen Stellen und den Gesundheitsämtern Vereinbarungen zu treffen. Wir brauchen eigentlich eine Stelle, wo Menschen hingeschickt werden können, die Coronavirus-Verdachtsfälle sind. Nicht jeder, der glaubt, er müsste jetzt getestet werden, muss es auch. Es muss ein begründeter Verdacht dafür vorliegen. Da müssen wir schauen, dass das auch zu den Ressourcen passt, die unser System hergibt. Wir können die Tests nicht so verteilen wie die Menschen gerade Toilettenpapier kaufen.

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Die Nachfrage nach den Tests ist riesig. Wie ist die Situation aktuell?

Die Nachfrage ist vor allem bei den Menschen hoch, die gar kein großes Risiko haben, an Covid-19 erkrankt zu sein. Die Strukturen sind zwar regional unterschiedlich, wir sind aber in der Lage, die Tests zu machen und sie relativ schnell durchzuführen. Aber wir müssen natürlich mit den vorhandenen Ressourcen haushalten. Deswegen geht es darum, dass Menschen, die in keinem Risikogebiet waren oder keinen Kontakt zu einem Infizierten hatten, erstmal nicht zu testen. Es ist wichtig, dann zuhause zu bleiben, die Entwicklung zu beobachten und in Kontakt zu bleiben. Wir müssen in den Praxen vor allem die älteren Menschen schützen, die wegen anderer Erkrankungen behandelt werden und nun auch am meisten gefährdet sind.

Wie sollte das Testen denn am besten organisiert werden, damit das System funktioniert?

Wir brauchen eine vernünftige Struktur, wir brauchen eine oder mehr zentrale Stellen, wo Menschen getestet werden – ob im Drive-In-Verfahren oder in einer speziellen Einrichtung. Das hängt immer von den örtlichen Gegebenheiten ab. Aber ich denke, dass es nicht sinnvoll ist, die Menschen flächendeckend in den Hausarztpraxen zu testen. Das wird nicht funktionieren – hier und da muss man das machen, aber wir können nicht in jeder Praxis jeden Tag Masken und Schutzkleidung wechseln. Das würde uns überfordern.

Wie klappt es derzeit mit der Versorgung mit Schutzkleidung?

Die Hausarztpraxen sollen nun auch mit Schutzkleidung versorgt werden. Die spezifischen Masken, die auch hilfreich sind, werden geliefert.

Wie sieht das denn mit Desinfektionsmittel aus?

Ich rate meinen Patienten im häuslichen Bereich, damit sparsam umzugehen. Denn wir leben in einer Umgebung mit Keimen, die uns auch nichts tun. Wenn ich jetzt zu viel desinfiziere, dann werde ich diese harmlosen Keime beseitigen. Deswegen ist es vernünftig, häufig und mit viel Seife, die Hände zu waschen. Für den medizinischen Bereich gilt es natürlich, dass wir diese Desinfektionsmittel brauchen, und diese dürfen nicht knapp werden.

Wie groß ist die Gefahr für das medizinische Personal in der Praxis?

Die Ansteckungsgefahr in der Praxis ist natürlich groß. Wenn unsere Mitarbeiter und wir Ärzte angesteckt werden, dann muss die Praxis geschlossen werden. Deshalb sind wir da extrem vorsichtig und haben auch spezielle Verhaltensregeln für unsere Mitarbeiter. Die Menschen, die nicht unmittelbar behandelt werden müssen, sollten daheim bleiben, denn das ist das wichtigste Mittel, um das Gesundheitssystem nicht an die Grenze der Belastbarkeit zu bringen. Ich glaube, wenn uns etwas zu schaffen macht, dann ist es nicht das Virus, sondern der Egoismus, den man derzeit in den Supermärkten sieht.

Deutschland führt nun viele Maßnahmen ein, um die Virusausbreitung zu verlangsamen. Wie schätzen Sie den Erfolg dieser Strategie ein?

Ich glaube, dass es vernünftig ist, erstmal vieles herunterzufahren und die Grenzen zu kontrollieren. Denn, wenn man beispielsweise feiern geht, dann vergisst man bestimmt auch mal die notwendige Vorsicht. Es ist ein guter Weg, um die schnelle Ausbreitung zu vermeiden. Wenn sich das Virus über einen längeren Zeitraum ausbreitet, können wir mehr Menschen versorgen. Wir sehen in Italien, dass diese schnelle, explosionsartige Ausbreitung das Gesundheitssystem echt an die Grenze führt. Auch hier in Deutschland haben wir nur eine bestimmte Anzahl an Intensivbetten. Unser Hauptproblem ist aber, dass wir nicht genug Pflegekräfte haben. Wir müssen nun schauen, dass wir die Schwerkranken optimal versorgen können.

Mit Ulrich Weigeldt sprach Sonja Gurris

Quelle: ntv.de