Panorama

Kindesmissbrauch Forscher ergründen Ursachen

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Forensiker Michael Osterheider im Hörsaal der Bezirksklinik in Regensburg.

(Foto: dpa)

Tausende Kinder werden jedes Jahr in Deutschland Opfer von sexuellem Missbrauch. Doch die Kriminalitätsstatistiken erfassen nur einen kleinen Teil, die Dunkelziffer ist enorm hoch. Forscher wollen deshalb nun genaue Daten über sexuellen Missbrauch sammeln.

Mit einem bundesweiten Forschungsprojekt wollen Wissenschaftler mehrerer Universitäten genaue Daten über sexuellen Kindesmissbrauch in Deutschland sammeln. In den nächsten vier Jahren sollen dafür auch tausende anonyme Internet-Interviews mit Jugendlichen und Erwachsenen geführt werden, sagte der Regensburger Forensikprofessor Michael Osterheider bei der Vorstellung des Projekts.

An dem Vorhaben sind auch Psychiater, Psychologen und Kriminologen von Universitäten aus Hamburg, Bonn, Dresden, Ulm sowie aus dem finnischen Turku beteiligt. Es wird vom Bundesfamilienministerium mit zweieinhalb Millionen Euro finanziert. Ziel der Forscherteams ist es, die Ursachen und Folgen sexueller Gewalt zu erforschen, um Präventionsmöglichkeiten zu entwickeln. Dabei soll laut Projektleiter Osterheider ein besonderer Schwerpunkt auf die Bedeutung von Internet-Chaträumen quasi als Kontaktbörse gelegt werden.

Hauptaugenmerk auf Neuen Medien

Denn immer wieder werden Kinder Opfer von Männern, die sie über solche Chats kennengelernt haben. "Kinder nutzen ab dem siebten, achten Lebensjahr das Internet", sagte Osterheider. Aber auch die Familien, in denen es zu Missbrauchsfällen kommt, sollen untersucht werden.

Laut Kriminalitätsstatistik 2009 wurden in der Bundesrepublik rund 14.000 Kinder missbraucht, drei Viertel davon waren Mädchen. Bei den Tätern handelt es sich zu 98 Prozent um Männer. Doch dies sind nur die offiziellen Zahlen. Experten gehen davon aus, dass viele Fälle nie angezeigt werden und die Dunkelziffer deutlich höher liegt.

Kindesmissbrauch ist dennoch bislang kaum wissenschaftlich untersucht worden. "Repräsentative Studien dazu sind in Deutschland Mangelware", sagte Osterheider. Anfang der 1990er Jahre gab es zwar einige Befragungen, doch seitdem seien keine neuen Untersuchungen mit verlässlichen Daten gemacht worden. In den fast zwei Jahrzehnten, die seitdem vergangen sind, hat sich der Alltag der Kinder und Jugendlichen jedoch gerade auch durch die Neuen Medien deutlich verändert. Diese neuen Bedingungen sollen nun durch die Untersuchung dokumentiert werden.

Bei dem Projekt sollen auch pädophile Straftäter befragt werden. Zudem sind Opferschutzverbände eingebunden. Mögliche Opfer, die sich an den Internet-Befragungen beteiligen, sollen dort auch Kontakt zu Hilfsangeboten erhalten können. Osterheider geht zwar davon aus, dass sich Einzelne mit falschen Angaben an den Umfragen beteiligen, jedoch soll es trotzdem aussagekräftige Ergebnisse geben. Die Erfahrungen bei solchen Online-Untersuchungen zeigten, dass die allermeisten Teilnehmer ehrlich antworteten.

Quelle: ntv.de, Ulf Vogler, dpa

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