Panorama

99 Tage Pontifex Maximus Franziskus - ein Papst, der Brücken baut

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Papst Franziskus: Ein engagierter Kritiker, aber kein Modernisierer.

(Foto: picture alliance / dpa)

Rund drei Monate ist Papst Franziskus nun im Amt. Durch kleine Gesten, klare Worte und einen aussagekräftigen Lebensstil steht er für etwas ein, was die katholische Kirche dringend nötig hat: Glaubwürdigkeit. Wer allerdings eine Modernisierung der Kirche nach europäischen Maßstäben erwartet, wird enttäuscht werden.

"Habemus Papam!" hieß es vor 99 Tagen auf dem Petersplatz in Rom. Nach dem historischen Rücktritt des deutschen Papstes blickte die ganze Welt gespannt auf die kleine Monarchie im Herzen Italiens. Viele hatten von der Amtszeit Benedikt XVI. mehr erwartet, zahlreiche Hoffnungen auf Reformen blieben letztlich enttäuscht; umso größer war die Anspannung, wer dem erzkonservativen Theologen Joseph Ratzinger als Pontifex Maximus folgen würde. Würden die Kardinäle der größten christliche Kirche sich dazu durchringen können, einen Reformer an ihre Spitze zu wählen? Nach drei Monaten lässt sich sagen: Ja.

Schon mit seinem ersten Auftritt setzte Jorge Mario Bergoglio, der gerade gewählte Papst Franziskus, ein Zeichen: Statt mit den üblichen Insignien und dem prunkvollen Papsttornat tritt Franziskus in einer schlichten weißen Soutane mit einem Eisenkreuz um den Hals vor die Kameras. Am nächsten Morgen, beim Gebet vor einer der bekanntesten Marienikonen der Stadt, wollte er am liebsten nur einer unter vielen Pilgern sein. "Macht die Türen auf", forderte er. Dieser Wunsch blieb aber aus Sicherheitsgründen unerfüllt. Und doch sagt er viel über Franziskus aus.

Am Gründonnerstag, kurz vor Ostern, durchbricht er erneut den gewohnten Ablauf: Statt in einer prunkvollen Basilika feiert er das Abendmahl in einem Jugendgefängnis. Zwölf Jugendlichen, darunter eine Muslimin, wäscht er dort die Füße. Ein bemerkenswerter Bruch mit dem Protokoll, denn normalerweise gilt diese Geste nur Priestern oder Kirchenmitgliedern. Und nicht zuletzt wohnt Franziskus bis heute im Gästehaus des Vatikan. Den apostolischen Palast, der ihm als Residenz zustehen würde, nutzt er nur zu Repräsentationszwecken.

Taten, die hoffen lassen

Es sind kleine Gesten, die eine deutliche Sprache sprechen. Vor allem aber eine glaubwürdige. Denn Franziskus schrieb sich eine solche Haltung nicht erst nach seiner Wahl auf die Fahne. Schon zu seiner Zeit als Kardinal in Argentinien stand er für ein sozialpolitisches Programm, das sich an den Armen orientiert und sich für diese einsetzt. Alles, was dieser Papst in den letzten drei Monaten getan und gesagt hat, spricht dafür, dass er es ehrlich meint.

Jorge Mario Bergoglio will vor allem eines: Durch seine Lebensweise ein Vorbild sein in einer Kirche, in der der Protz und Prunk oft überdeckt, worum es eigentlich gehen soll. Ein solcher Papst kann der Kirche verschaffen, was sie so dringend wieder braucht. Glaubwürdigkeit. Seine Gesten und seine Worte geben tatsächlich eine berechtigte Hoffnung, dass sich in der katholischen Kirche etwas bewegt. Dass es eine Öffnung hin zu den Menschen gibt, hin zu mehr Ökumene und Dialog.

Abschied vom Eurozentrismus

Doch eines darf man dabei nicht vergessen. Der Papst mag zwar ein bescheidener alter Herr sein, der nicht davor zurückschreckt, viele seiner Kardinäle und Bischöfe durch seine asketische Art direkt zu kritisieren. In dieser Hinsicht wird er der Kirche auch weiterhin viele wichtige Impulse geben. Was die Dogmen und Lehrmeinungen angeht, steht Franziskus jedoch ganz in der konservativen Linie seiner direkten Vorgänger. Das haben nicht zuletzt die jüngsten Äußerungen des Argentiniers über die "Gay Lobby" gezeigt. Eine zielführende, längst überfällige Debatte über Homosexualität, Zölibat, Frauen im Priesteramt oder Verhütung wird es unter diesem Papst nicht geben. Eine Reform der Kirche unter Franziskus heißt nicht, sie an liberal-westliche Werte anzupassen: Europa ist nicht das Zentrum der Welt, sondern nur Teil eines größeren Ganzen.

Hier haben die Kardinäle mit ihrer Wahl am 13. März ein historisches Zeichen gesetzt. Rund 40 Prozent aller Katholiken weltweit leben auf dem lateinamerikanischen Kontinent. Und doch stammen nur rund 16 Prozent der Kardinäle aus diesem Teil der Erde. In Europa leben 25 Prozent der weltweiten Katholiken, aber rund die Hälfte aller Kardinäle sind Europäer. Dieses krasse Missverhältnis wurde nun zumindest ein Stück weit durch die Wahl des Argentiniers zum Bischof von Rom korrigiert. Die römisch-katholische Kirche verabschiedet sich mit Franziskus von ihrem Eurozentrismus.

Modernisierung nicht zu erwarten

Und das ist ein wichtiger Schritt. Franziskus weiß um die Probleme, die Menschen und Kirche in Lateinamerika haben, er kennt sie aus jahrzehntelanger eigener Arbeit als Seelsorger vor Ort. Er weiß, was Armut ist. Das Pontifikat des Franziskus wird zeigen, dass Europäer mit ihren Erwartungen an die katholische Kirche zurückstecken müssen. Denn die vorrangigen Probleme dieser Institution sind nicht Auseinandersetzungen um Dogmen wie Zölibat, weibliche Priester oder Homosexualität. Auch wenn dies die Themen sind, die wir häufig mit einem resignierten Kopfschütteln begleiten. Wer Reformen aber allein an diesen Forderungen festmacht, hat nicht nur eine sehr beschränkte Sichtweise. Er kann und wird Franziskus auch nicht als jemanden verstehen, der die katholische Kirche vorwärts bringt.

Eine Modernisierung der katholischen Kirche ist unter Bergoglio also nicht zu erwarten. Stattdessen gibt er aber vielleicht auch uns die Chance, die Perspektive zu wechseln. Den Blickwinkel zu verändern und auch den eigenen Eurozentrismus zu hinterfragen. "Pontifex Maximus" ist seit der Antike ein geläufiger Beiname für Päpste, wörtlich: "Der große Brückenbauer". Und das ist es auch, was Franziskus ganz offensichtlich zum Programm seiner Amtszeit macht. Eine Brücke zu bauen zwischen der Kirche und den Gläubigen weltweit. Er will die Kirche dort, wo sie ihrem Selbstverständnis nach von Beginn an hingehört, sich aber seitdem immer mehr davon entfernt hat: beim Menschen.

Quelle: ntv.de