Panorama

Plötzlich Pflegefall Frau Lehmann ist eine von Millionen

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Fast in jeder Familie gibt es jemanden, um den man sich mehr oder weniger intensiv kümmern muss.

(Foto: imago stock&people)

Mit steigender Lebenserwartung steigt auch die Wahrscheinlichkeit, selbst einmal ein Pflegefall zu werden. Dennoch ist das Thema Pflege in den meisten Familien tabu. Dabei erleiden Millionen Menschen das gleiche Schicksal wie Frau Lehmann.

Edit Lehmann ist 86 Jahre alt. Das Laufen fällt schwer, auch das Bücken, Aufstehen, An- und Ausziehen ist nicht mehr so einfach wie früher. Schuld sind die Gelenke. "Das Rheuma wird mit jedem Lebensjahr schlimmer", sagt die alte Dame, die in einem Berliner Mietshaus zu Hause ist. Seit über 50 Jahren wohnt sie hier. Sie will nicht in ein Pflegeheim, obwohl es immer häufiger vorkommt, dass sie ihren Schlüssel vergisst, wenn sie die Wohnung verlässt.

Dass sich das Alter mit der Zeit physisch oder psychisch bemerkbar macht, gesteht sich nicht nur Frau Lehmann nicht gern ein. Über 2,5 Millionen Pflegebedürftige gibt es bereits heute, bis zum Jahr 2050 wird sich die Zahl verdoppeln. Die meisten Menschen wünschen sich, in den eigenen vier Wänden alt zu werden. Am liebsten wollen sie von der Familie versorgt werden. Der Gedanke, fremde Hilfe anzunehmen, löst viele Ängste aus.

Der Verlust der Selbstständigkeit, die mögliche Bevormundung durch Pflegekräfte oder das schlechte Gewissen, anderen zur Last zu fallen, sind nur einige dieser Ängste. Auch der schlechte Ruf der Pflegeheime führt nicht gerade dazu, entspannt in Richtung Lebensabend zu blicken. Die Schlagzeilen reichen von Fachkräftemangel bis zu Hygienedefiziten, von Vereinsamung über Fixierung bis zur gezielten Ruhigstellung durch Psychopharmaka.

Wünsche rechtzeitig ausloten

Das steht Frau Lehmann zu

  • Eingestuft ist Frau Lehmann in die Pflegestufe 1 plus Demenz. Dafür erhält sie ab 2015 nun 316 Euro Pflegegeld. Würde sie statt ihrer Tochter einen Pflegedienst beauftragen, könnte dieser 689 Euro pro Monat abrechnen.
  • Bei der Nutzung einer Tagespflege kommen weitere 225 Euro hinzu. Hinzu kommen 100 Euro Betreuungsgeld, die für professionelle Betreuer oder auch für den Eigenanteil der Verpflegung bei der Tagespflege ausgegeben werden können.

Sehr hilfreich ist dieser Pflegeleistungs-Helfer vom Bundesgesundheitsministerium.

Frau Lehmann hat Glück. Ihre Tochter Angelika lebt größtenteils bei ihr, auch wenn sie selbst noch eine eigene Wohnung unterhält. "Ich versorge meine Mutter jetzt gut zwei Jahre. Seit dem Tod meines Vaters vor sechs Jahren ist sie allein. Nach einem Treppensturz ging es ihr lange Zeit sehr schlecht", sagt die 59-Jährige und erinnert sich an die turbulente Zeit zurück. Von heute auf morgen änderte sich alles für die Lehmanns. Damals rächte sich, dass die Familie nie über das mögliche Eintreffen eines plötzlichen Pflegefalls gesprochen hat. Plötzlich tauchten all diese Fragen auf: Wie möchte die Mutter in so einem Fall betreut werden? Heim oder häusliche Pflege? Und wer bezahlt das alles?

Pflege-Wissenschaftler appellieren deshalb, die Frage einer möglichen Pflegebedürftigkeit nicht zu tabuisieren. Erwachsene Kinder sollten rechtzeitig ein Pflege-Szenario durchdenken, sich informieren und den Mut haben, den Notfall auch mit den El­tern zu besprechen - und zwar schon ab dem 60. Geburtstag. Dass bei einer solch wichtigen Entscheidung wie beim Thema Pflegebedürftigkeit oft vieles dem Zufall überlassen wird, ist kaum verwunderlich. Die Elterngeneration spricht das Thema bei den Kindern oft deshalb nicht an, weil sie Angst vor Zurückweisung hat. Die Kindergeneration verdrängt das Thema, weil sie mit dem eigenen Nachwuchs oder der Karriere beschäftigt ist.

Willkommen im Paragrafendschungel

In Deutschland liegt die durchschnittliche Pflegezeit heute bei acht Jahren. Ohne vorausschauende Planung kann das Leben der Angehörigen mit dem Eintritt eines Pflegefalls schnell völlig auf den Kopf gestellt werden. Schon bei der Suche nach geeigneten Pflegemodellen und Finanzierungsmöglichkeiten verliert man sich in einem Paragrafendschungel und wird von einer Fülle von Anbietern erschlagen. Zwar steht im Sozialgesetzbuch 11 geschrieben, was Pflegebedürftigen zusteht, aber es ist kompliziert. Nicht wenige verschenken deshalb wertvolle Leistungen.

Auch bei den Lehmanns dauerte es lange Monate, bis sich alle Beteiligten an die veränderten Lebensbedingungen gewöhnt hatten. "Ich hatte ja keine Ahnung, welche emotionale und körperliche Belastung da auf mich wartet. Mir wäre einiges erspart geblieben, wenn ich Informationen eingeholt hätte, bevor uns der Pflegefall ereilte. Ich bin wochenlang auf dem Zahnfleisch gekrochen", erinnert sich Tochter Angelika.

Um Leistungen von der Pflegeversicherung zu erhalten, muss frühzeitig ein Antrag gestellt werden. Wenige Wochen später erfolgt der Besuch eines Gutachters, bei dem in einem Gespräch mit dem Pflegebedürftigen der notwendige Pflegeumfang ermittelt und eine Pflegestufe zugeteilt wird. Im vergangenen Jahr investierte Frau Lehmann viel Geld in den Umbau ihrer Wohnung. Die Badewanne wurde durch eine neue barrierefreie Dusche ersetzt. Die Pflegekasse gewährte einen Zuschuss. Wenn ihre Tochter in den Urlaub fährt, wird die alte Dame in der sogenannten Kurzzeitpflege versorgt. Zweimal wöchentlich wird die betagte Dame von einer Tagespflege abgeholt. Auch das bezahlt die Pflegekasse zusätzlich. Seit Beginn des Jahres gibt es dank der Reform für die Tagespflege spürbar mehr Geld, so dass Frau Lehmann öfter hier sein wird.

Noch bewältigt Tochter Angelika die Pflege ihrer Mutter allein, doch wie lange noch? Welches Pflegemodell kommt dann infrage und wie viel kostet das? Fragen, vor denen sich die Lehmanns nicht mehr fürchten müssen. Mutter und Tochter haben gemeinsam alle Eventualitäten durchgespielt und entsprechende Entscheidungen getroffen, bevor es sie noch einmal kalt erwischt. Denn so viel sollte jedem klar sein - der seltsame Fall des Benjamin Button ist nur eine Romanfigur von F. Scott Fitzgerald.

Quelle: n-tv.de

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