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In Sachen Gleichberechtigung gibt es noch eine Menge zu tun.
In Sachen Gleichberechtigung gibt es noch eine Menge zu tun.(Foto: imago/Westend61)
Mittwoch, 11. Oktober 2017

Lieber Paul als Paula?: Frauen, versteckt euch nicht

Von Diana Sierpinski

Erfolgreiche Frauen wirken unsympathisch und sanfte Männer schwach. Schuld sind unsere Rollenbilder und unbewussten Vorurteile. Ethische Appelle bringen wenig. Doch es gibt Licht am Ende des Tunnels.

Keith Mann ist ein netter Kerl. Er ist ehemaliger Footballspieler, seit fünf Jahren fest liiert, freut sich auf sein erstes Kind - und außerdem ist er frei erfunden. Seine geistigen Mütter sind Penelope Gazin und Kate Dwyer. Die beiden Gründerinnen von Witchsy, einem Onlineshop für skurrile Kunst, waren es leid, von Geschäftspartnern wie süße kleine Mädchen behandelt zu werden. Also erfanden sie Keith und ließen alle E-Mails von ihm unterschreiben. Seitdem läuft es für die Gründerinnen. Ihre Anliegen werden ernster genommen, Anfragen schneller beantwortet und der flapsige Tonfall in E-Mails ist verschwunden. Und: Witchsy ist ziemlich erfolgreich - im ersten Geschäftsjahr wurden 200.000 Dollar Umsatz generiert.

Die Geschichte von Gazin und Dwyer ist kein Einzelfall, sie zeigt nur besonders deutlich, in welchem Dilemma Frauen immer noch stecken. Zwar sind wir alle vor dem Gesetz gleich, und das schon seit 1949, doch die Realität hinkt auch in den 2010er-Jahren mächtig hinterher. Noch immer werden Frauen schlechter bezahlt, sind Frauen trotz gleicher Qualifikation selten in Führungsetagen zu sehen, besorgen Frauen vorwiegend den Haushalt, verlaufen verheißungsvolle Karrieren für viele Frauen mit dem ersten Kind im Sande.

Schuld sind unsere unbewussten Vorurteile, die allgegenwärtig sind. Man geht immer noch davon aus, dass Frauen sanft und fürsorglich und Männer stark und machtorientiert sind. Während diese vorauseilenden Annahmen im Alltag oft nützlich und meist harmlos sind, können sie im beruflichen Kontext erhebliche Probleme verursachen, schrieb Verhaltensökonomin Iris Bohnet jüngst in einem Gastbeitrag der FAZ. "Was bei einem Mann als Unternehmergeist, Selbstbewusstsein und visionäre Kraft gepriesen wird, erscheint bei einer Frau als Arroganz und Selbstinszenierung." Dutzende Studien würden zeigen, dass Frauen zwischen Kompetenz und Beliebtheit wählen müssen.

Wenn das Bauchgefühl trügt

"Wenn Frauen versuchen, wie Männer zu sein, also deren Machtstrategien kopieren, Ellbogen zeigen oder aggressive Verhandlungstechniken einsetzen, dann gelten sie zumeist als unsympathisch", sagt auch Geschlechterforscherin Christiane Funken gegenüber n-tv.de. Die Soziologin forscht seit vielen Jahren zum Thema Frauen und Karriere. "Frauen werden oft systematisch, mitunter durchaus unbewusst, aus den Entscheidungs- und Machtzentren der Unternehmen ferngehalten, selbst dann, wenn sie eine hohe Managementposition bekleiden und sehr erfolgreich sind", so Funken. Es zeige sich deutlich, dass der vielgepriesene rationale Kosmos der Unternehmen irrational durchtränkt ist und gesellschaftliche Einflüsse und lang gehegte Wertvorstellungen die Unternehmenskultur prägen. 

Viele Führungskräfte geben an, bei wichtigen Fragen ihrem Bauchgefühl zu folgen. Doch dieses Bauchgefühl richte sich nach unbewussten Vorbehalten, Stereotypen und Vorurteilen, die zu Unrecht einige Menschen benachteiligen und andere bevorzugen, schreibt Bohnet in ihrem viel beachteten Buch "What Works". Mit ethischen Appellen allein bekomme man die stereotypen Vorurteile nicht aus den Köpfen der Menschen. Um die Gleichstellung der Frauen voranzubringen, müsse man die Spielregeln bei der Einstellung, der Beförderung und der täglichen Arbeit verändern. Die Verhaltensforscherin plädiert deshalb für datenbasierte Entscheidungen. Einfache Änderungen können ihrer Ansicht nach dazu beitragen, dass Institutionen die Muster überwinden und faire Ausgangspositionen für beide Geschlechter schaffen.

Die Arbeitswelt der Zukunft ist weiblich

Funken hingegen glaubt, dass die Zeit der Frauen ohnehin gekommen ist. Ihrer Ansicht nach gibt es erstmalig eine historische Situation, die den Frauen eine reale Chance gibt - und zwar aufgrund von drei wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Prozessen, die parallel laufen: der radikale Wandel der Arbeitswelt, der Wandel des Anspruchs an die Arbeit und der Wandel im Geschlechterverhältnis.

Unternehmen müssen sich für den digitalisierten und globalen Wettbewerb umstrukturieren, Hierarchien abbauen und neue Machtstrategien entwickeln, so Funken. Dafür würden zwingend auch Kompetenzen wie Integrationskraft, gute Vernetzung, psychologisches Gespür und Flexibilität benötigt. "Frauen sollten diesen Wandel aktiv mitgestalten", appelliert Funken, "denn sie bringen genau die Kompetenzen und Einstellungen mit, die in der Arbeitswelt der Zukunft gebraucht werden."

Quelle: n-tv.de

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