Panorama

Eine Hölle aus Wasser und Lärm Fünf Jahre nach "Katrina"

Fünf Jahre nach dem Monster-Hurrikan "Katrina" steht New Orleans wieder recht gut da, wenn auch mit verändertem Gesicht. Dann kam mit der Ölpest der nächste Schlag. Viele fragen sich, ob die Jazzmetropole im Süden inzwischen wirklich sicher ist.

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Investoren schrecken aus Furcht vor neuen Stürmen zurück. Die Folge: Baulücken.

(Foto: REUTERS)

Heinz Neumann hatte an vieles gedacht, an das Trinkwasser, die Notration aus Nüssen und Rosinen. Nur die brutale Urgewalt des Sturms, die viel zu schwachen Kanalwände keine zwei Kilometer entfernt - die hatte er nicht auf der Rechnung. "Es gab einen unheimlichen Knall, als der Beton brach", erinnert sich der Pastor der deutschen Seemannsmission in New Orleans. "Ich fragte mich: Was war das denn? Aber ich merkte sehr schnell, was los war - als das Wasser anfing zu steigen, hoch und immer höher", zeichnet er das Drama der Morgenstunden jenes 29. August 2005 nach - der Tag, an dem Hurrikan "Katrina" wie eine Gigantenfaust auf Louisianas Küste niedergeht. Der Geistliche mit dem gütigen Blick und dem schlohweißen Haar, damals 72, muss plötzlich um sein Leben fürchten.

Es war der Tag, an dem sich Tod und Trauer über die weltberühmte Jazzmetropole im Mississippi-Delta senkt, an dem die Leichtigkeit des "Big Easy" mit einem Schlag stirbt. 80 Prozent der beinahe 300 Jahre alten Stadt, Heimat von Louis Armstrong und Fats Domino, steht unter Wasser. Über 1800 Menschen lassen ihr Leben, die allermeisten davon in Louisiana und dort in New Orleans. Bilder verzweifelter Menschen auf Dächern gehen um die Welt, während in den brackigen Fluten geblähte Leichen und Kadaver schwimmen.

Auf "Katrina" folgen "Rita", "Gustav", "Ike" und die Ölpest

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Bis zu 1800 Menschen kamen ums Leben.

(Foto: REUTERS)

"Katrina" war das tödlichste Drama der vergangenen fünf Jahre für Stadt und Region, aber es sollte nicht das letzte sein. Kurz danach folgt Hurrikan "Rita", später "Gustav" und "Ike" - dann kam die Ölpest. Manche sprechen von einem Fluch, andere sind nicht erstaunt. ""Katrina" und die BP-Ölkatastrophe sind zwei Seiten derselben Medaille", meint New Orleans' neuer Bürgermeister, Mitch Landrieu. "Beide waren von Menschen gemachte Desaster. Beide hätten vermieden werden können. Beide zwangen die Golfküste in die Knie."

Die Wunden, die der Horror-Sturm schlägt, sind selbst heute nicht verschwunden, nicht im Stadtbild, nicht in den Seelen der Menschen. "Mutter Natur war in den vergangenen Jahren nicht eben hilfreich", meint bitter Charterkapitän Owen Langridge in Venice, eine Autostunde südlich von New Orleans. Durch "Katrina" hatte er alles verloren. Voriges Jahr war das erste, in dem die Geschäfte mit den Angeltouren im Golf von Mexiko wieder einigermaßen liefen. Dann kommt das Öl, legt die wichtige Fischerei lahm, vertreibt die Touristen.

Teuerster und tödlichster Hurrikan der US-Geschichte

Aber Kapitän Langridge kam während "Katrina" noch mit dem Leben davon. Allein in Louisiana sterben mehr als 1500 Menschen, im Nachbarstaat Mississippi noch einmal weit über 200. Der Monsterwirbel füllt fast den ganzen Golf von Mexiko, als er sich an die Küste schiebt. Über eine Million Menschen flüchten. Den Gesamtschaden beziffert das Datenzentrum für den Großraum New Orleans (GNOCDC) auf 151 Milliarden Dollar - der teuerste Hurrikan der US-Geschichte und der tödlichste seit 75 Jahren.

Nicht, dass die katastrophalen Folgen völlig überraschend gewesen wären. Schon Jahre vor "Katrina" hatten Experten gemahnt, dass die Dämme der zum Großteil unterhalb des Meeresspiegels liegenden Stadt einem schweren Hurrikan der Stärke 3 und darüber nicht standhalten.

Kriege statt notwendige Maßnahmen

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Katrina hinterließ pure Zerstörung.

(Foto: REUTERS)

"Unser Problem ist, dass wir von Wasser umgeben sind", sagt Mark Schleifstein, Umweltkorrespondent der lokalen Tageszeitung "Times- Picayune". "Die schützenden Feuchtgebiete verschwinden. Und die Wälle waren nicht so hoch wie man annahm." Damit nicht genug: Für Ausbesserungen fehlte das Geld, auch wegen der Kriege im Irak und in Afghanistan. Am Ende zählt man über 50 Stellen, wo Wälle brachen. Binnen Stunden füllt sich das Stadtgebiet wie eine Badewanne.

Die gewaltige Sturmflut, die "Katrina" vor sich hertreibt und an die östlichen Wälle drückt, ist höher als viele Schutzanlagen. Das Wasser frisst die Dämme gleich meilenweise weg. Im Osten der Stadt brechen beiderseitig die Wände eines Kanals. Am schwersten getroffen: das arme, schwarze Viertel Lower Ninth Ward. Viele wollten nicht fliehen oder konnten nicht. Wer lebend dem Wasser entkommt, rettet sich mit letzter Not auf Dächer, betet um Hilfe. Etwa die Hälfte der Toten, die Louisiana zu beklagen haben wird, stammt von dort.

Unterschätzte Katastrophe

Nur ein paar Stunden später ist der Westen von New Orleans dran - dort, wo Pastor Neumann 2005 seit 35 Jahren lebt, von wo aus er Seeleute seelsorgerisch betreut, zu Gemeindetreffen lädt. Es geht alles minutenschnell. Die Flut nimmt die Stadt nun von links und rechts in die Zange - nur ein paar Stunden, nachdem "Katrina" um 6.10 Uhr Land erreichte, mit Windgeschwindigkeiten von über Tempo 200 und alles in eine Hölle aus Wasser und Lärm verwandelt.

"Ich bin immer rauf und runter gelaufen, um Sachen zu retten. Aber ich musste aufgeben", erzählt der Geistliche. "Dann hab ich mich in den dritten Stock zurück gezogen, da kam ja nichts hin." Schon bald sollten die Hubschrauber der Küstenwache kommen, auf der Suche nach Überlebenden. Heinz Neumann wird entdeckt, doch weist er die Helfer ab. Lose Stromleitungen ängstigen ihn. "Das war mir zu riskant, da hab ich dann abgewunken, und sie sind weitergeflogen."

Szenen wie aus der Dritten Welt

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Das Gelände vor dem "Superdome" in New Orleans am 2. September 2005.

(Foto: REUTERS)

Im "Superdome", dem überdachten Sportstation der Stadt, war schon um 5.00 Uhr morgens der Strom ausgefallen - als letzte mögliche Zufluchtstätte beherbergt es 30.000 Menschen. Es wird zum Symbol der nationalen Schande. Tage dauert es, bis Nahrung herangeschafft wird, die sanitären Bedingungen sind unerträglich. Die Welt wird Zeuge von Szenen wie aus der Dritten Welt: Sie sieht hungrige, verzweifelte, von der Hitze ausgelaugte Menschen.

Im Zentrum der Kritik: Bürgermeister Ray Nagin und Gouverneurin Kathleen Bianco, die Evakuierungspläne zu zögerlich umsetzten. Aber auch die Bundesregierung und allen voran die Behörde für Katastrophenmanagement (FEMA) scheint planlos, gelähmt, chaotisch. Die Koordinierung der Hilfe dauert Tage. Es fehlt an Busfahrern, um Menschen herauszubringen. Der US-Kongress gibt nach einer Untersuchung den Behörden auf allen Ebenen - lokal, bundesstaatlich und in Washington - die Verantwortung für das Desaster. Für Präsident George W. Bush wird das Desaster zum politischen Sargnagel.

Irgendwann hält es aber auch Pastor Neumann nicht mehr aus. "Am nächsten Morgen kamen die ersten Boote", erzählt der gebürtige Schlesier. Erst wollte er wieder ablehnen. Proviant hatte der Pastor. "Als die Toiletten wieder alles hochbrachten, da wusste ich, was die Stunde geschlagen hatte. Ich musste weg." Über Umwege und mit viel Glück schafft er es dann zu seinen Kindern, die auch in den USA leben.

Klaffende Baulücken

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Fünf Jahre nach Hurrikan "Katrina" sind die Spuren noch vielerorts zu sehen.

(Foto: AP)

Ein Jahr lang ist Neumann in einem Appartement anderswo in der Stadt ausquartiert, während die Seemannsmission von Grund auf renoviert wird, als erstes Gebäude im Stadtteil Lakeview. Aber die Baulücken sind noch immer unübersehbar. Wieder hergerichtete Häuser stehen leer, weil Angst vor Flut Käufer zurückschrecken lässt. Aber immerhin ist Lakeview beinahe wieder bei zwei Dritteln seiner früheren Bevölkerungszahl angelangt. In der gesamten Region leben nach Zählung des Datenzentrums für den Großraum New Orleans wieder fast so viele Menschen wie vor "Katrina". Und New Orleans selbst hat sich mit rund 360.000 Einwohnern auf knapp 80 Prozent seiner einstigen Zahl erholt. Es gibt mehr Restaurants als vor dem Sturm.

Das Herz von New Orleans, das Sinnbild für Seele und Genuss, für Jubel und Trubel des Mardi Gras, Jazz und Blues, schlägt ohnehin längst wieder. Die Altstadt, das berühmte French Quarter mit seiner Bourbon Street, der Garden District mit seinen alten Eichen, hatten dank ihrer höheren Lage von den Fluten ohnehin wenig abbekommen.

Kleine Inseln des Wiederaufbaus

"New Orleans ist auf jeden Fall wieder auf den Beinen", sagt Jim Amoss, Chefredakteur der "Times-Picayune", die für ihre Berichterstattung über Hurrikan "Katrina" den angesehenen Pulitzer-Medienpreis bekam. "Vor fünf Jahren hätte niemand gedacht, dass es mal so wird wie jetzt." Aber Amoss kennt auch die Kehrseite: "Zur Normalität sind wir noch nicht zurückgekehrt, weil einige Viertel noch nicht wieder so bewohnt sind wie einst."

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Jim Amoss, Chefredakteur der Times Picayun.

(Foto: picture-alliance/ dpa/dpaweb)

Die Lower Ninth Ward gehört dazu, das am härtesten von "Katrina" gestrafte Viertel. Nur ein paar Autominuten sind es zum Stadtzentrum. Aber ist ein Sprung in eine andere Welt. Gerade einmal ein Viertel der Bevölkerung ist zurück. Von Unkraut überwucherte Ruinen stehen neben den wenigen, wieder herausgeputzten Häuschen. Oft verhindern ungeklärte Besitzverhältnisse den Abriss. Oft fehlt einfach das Geld für den Neuanfang. An verrammelten Türen und Fenstern gesprayte Kreuze und Daten legen noch immer Zeugnis ab, dass einst Einsatztrupps dort nach Überlebenden und Toten suchten.

Schlecht vernarbte Wunden

Hier und da schimmern inmitten des Trübsals bunte, mit Spenden finanzierte Inseln des Wiederaufbaus, wie das Projekt von Hollywood-Star Brad Pitt "Make it right", das 150 ökologische Häuser errichten will. Oder die pastellfarbenen 72 Häuser des "Musiker-Dorfes", das Künstlern eine neue Heimat geben will. "Es sind die Einkommensverhältnisse, es sind die Immobilienwerte vor "Katrina", die bestimmen, welches Viertel zuerst wieder auf die Beine kommt", sagt "Times-Picayune"-Korrespondent Schleifstein. "Es ist ein sehr frustrierendes System, gelinde ausgedrückt."

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Brad Pitt in New Orleans.

(Foto: REUTERS)

Die Wunden in den Seelen sind derweil allenfalls vernarbt. "Wenn ich Donner höre und Blitze sehe, und der Wind an meinem Haus rüttelt, verstecke ich mich unter der Decke", notiert jemand in einem Blog der "Times-Picayune", die derzeit nach der Befindlichkeit der Leser fünf Jahre nach dem Sturm fragt. "Ich habe meine Ehe, mein Geschäft, mein Haus und alles, was ich liebte, verloren." Jemand anderes vermerkt: "Seit "Katrina" scheine ich äußerlich stärker. Aber ich zittere bis ins Mark, wenn sich ein Sturm zusammenbraut."

Schutz noch immer ungenügend

Und der Schutz vor künftigen Hurrikanen? Wird es New Orleans nun anders ergehen, sind die Menschen sicherer, die Lektionen aus der Katastrophe vor fünf Jahren gelernt? Knapp 15 Milliarden Dollar stellte der Kongress für höhere und neue Wälle, Fluttore und weiteres Abwehrarsenal gegen die Naturgewalt zur Verfügung. Im Juni nächsten Jahres soll das generalüberholte System fertig sein - und die Stadt vor den Folgen eines "Jahrhundert-Hurrikan" bewahren - was aber keine Horror-Stürme wie "Katrina" einschließt, die Statistiker östlich von New Orleans alle 250 Jahre erwarten.

"Die Stadt ist jetzt besser geschützt. Aber angemessen ist es nicht, angesichts der Risiken, denen sie ausgesetzt ist", urteilt Schleifstein nüchtern. Das Evakuierungsprozedere sei auch verbessert worden, nun kümmere man sich sogar um Unterkünfte für die Haustiere. Dennoch wird es erneut Menschen geben, die nicht gehen wollen, aus Geldnot, weil sie alte Menschen im Haus pflegen, aus Angst um ihre Habe. "Im Falle einer zweiten Sturms des Ausmaßes von "Katrina" wird es wieder Tote geben", sagt der Umweltexperte.

Keine Lehren gezogen

Jeder in der der Region weiß, dass ihr Schicksal nicht nur vom Schutz aus Menschenhand abhängt, sondern auch von den Feuchtgebieten am Golf von Mexiko. New Orleans' Bürgermeister Landrieu spricht vom "Küsten-Selbstmord". Jedes Jahr verliert allein Louisiana 62 Quadratkilometer Küste - zwei Drittel der Insel Sylt. "Washington ist noch immer unentschlossen, die Küste Louisianas wieder aufzubauen", meint "Times-Picayune"-Chefredakteur Amoss. "Das Wasser kommt immer näher an unsere Hinterhöfe heran."

Hat man alle Lehren aus "Katrina" gezogen? Umweltexperte Schleifstein, Co-Autor des Buchs "Path of Destruction" (Pfad der Zerstörung), meint : Nein, und dramatisch deutlich habe es die Ölpest an den Tag gebracht. Sowohl im Falle des Hurrikans wie auch bei dem jüngsten Umweltdrama im Golf habe man schlicht Restrisiken ignoriert. Niemand rechnete mit dem schlimmsten Fall, niemand damit, dass der Unfall überhaupt passiert und dass das Öl dann auch noch weite Teile der Golfküste erreichen könnte. "Und das Ergebnis war, dass es keinerlei Planungen für das gab, was sich während der Ölpest ereignete." Fast wie beim Monstersturm vor fünf Jahren.

Quelle: ntv.de, Frank Brandmaier, dpa