Panorama

Weltkulturerbe Tango Getanzte Erotik in Moll

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Tangotänzer-Paar auf einer Straße in Buenos Aires.

(Foto: AP)

"Der Tango ist der vertikale Ausdruck eines horizontalen Verlangens", schrieb George Bernhard Shaw. Und der bekannte argentinische Tango-Komponist Enrique Santos Discépolo ergänzte: "Der Tango ist ein trauriger Gedanke, den man tanzen kann." Verlangen und Romantik, Herzschmerz und Liebeskummer, Scheitern und Abschied, diese heftigen Gefühle bestimmen fast alle Tangolieder und den Tanz vom Rio de la Plata. Entstanden ist er Ende des 19. Jahrhunderts in der argentinischen Hauptstadt Buenos Aires und der uruguayischen Hauptstadt Montevideo. Tango, Erotik in Moll, wurde nun von der UNESCO zum Teil des immateriellen Kulturerbes der Menschheit erklärt.

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Bei einer Milonga in Montevideo.

(Foto: AP)

Schummriges Licht, Paare und Singles allen Alters an kleinen quadratischen Tischchen mit einem Weinglas vor sich, schmachtende Tango-Musik entweder vom Band oder live: So sehen die typischen Milongas, die Tango-Tanzveranstaltungen, in Buenos Aires aus. Aufgefordert wird per Blickkontakt: Die Männer lassen ihre Blicke über die Tische schweifen, und wenn eine Frau den Blick erwidert, darf sie zum Tanz gebeten werden. Hier sind nicht die Recken aus dem Fitnessstudio die Helden, sondern oft ältere Herren, für die man im Bus schon mal den eigenen Platz räumen würde.

Alte Schule trifft junge Dame

Mit Bauch und Glatze im billigen schwarzen Anzug, in diesem Aufzug fordern solche Könner der alten Schule ihre Partnerin, die ihre Enkelin sein könnte, zum Tanz. Und dann schieben sie die junge Dame gleitend und elegant übers Parkett, immer linksherum, und im besten Falle nicht aufdringlich. Beim argentinischen Tango muss die Frau nicht perfekt sein. Aber wenn der Mann sein Handwerk nicht versteht, geht gar nichts mehr. "Es ist mir ziemlich egal, wie er aussieht, nur Tanzen können muss der Kerl", sagt eine junge Argentinierin über ihre Vorlieben bei der Milonga. Ins Bett führt so ein Tanzvergnügen eher selten. "Es geht um die anonyme Nähe, die Erotik des Augenblicks", meint Pablo, ein schon etwas älterer Argentinier.

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Dort trifft Alt auf Jung.

(Foto: AP)

Entstanden ist der Tango aus unklaren Vorläufern am Ende des 19. Jahrhunderts in den Slums am Rio de la Plata. Millionen Europäer flohen vor wirtschaftlicher Not in der Heimat, angelockt von der Verheißung auf ein besseres Leben in der Neuen Welt. Da das Land aber schon lange an Großgrundbesitzer verteilt war, landeten viele der überwiegend Spanier und Italiener, aber auch Deutschen, Polen und Russen in den Elendsquartieren von Buenos Aires. Heimweh, Verzweiflung und der Schmelztiegel der Kulturen waren ein ideales Milieu für den neuen Tanz.

Erst sündhaft, dann salonfähig

In einer Atmosphäre aus Kleinkriminalität, Prostitution und Frauenhandel wurde die frühe Form des Tango nicht selten in Bordellen getanzt. Wegen des ständigen Frauenmangels taten sich oft auch zwei Männer zusammen. Die bessere Gesellschaft rümpfte zunächst die Nase über den "anrüchigen" Tanz der armen Leute. Sogar die katholische Kirche verbot den "sündhaften" Tanz zeitweise.

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Straßen-Vorstellung in Buenos Aires.

(Foto: AP)

Anfang des 20. Jahrhunderts jedoch eroberte der Tango dann auch die eleganten Salons der Reichen und schaffte schnell den Sprung über den Atlantik, zunächst nach Paris, und von dort aus in den Rest des alten Kontinents. Nach einer Tango-Krise von der Mitte der 1950er Jahre bis in die frühen 1980er Jahre erfreut sich der Tango seither wieder steigender weltweiter Beliebtheit. Vor allem in Finnland, Japan und Deutschland hat er viele Anhänger, aber auch in der Türkei oder Russland wird im Viervierteltakt getanzt. Buenos Aires will die Anerkennung des Tango als Weltkulturerbe nun mit einer großen Milonga unter freiem Himmel feiern. Und sicher etwas melancholisch auf die lange Geschichte des Tanzes zurückblicken.

Quelle: ntv.de, Jan-Uwe Ronneburger, dpa