Panorama

Neues Polizei-Konzept "Gleich reingehen"

Bei dem Amoklauf eines 17 Jahre alten Jugendlichen an einer Realschule in Winnenden hat die Polizei in Baden-Württemberg ihr neues Amokkonzept angewendet. Dies habe ein größeres Blutbad in der Albertville-Realschule verhindert, sagte Landespolizeipräsident Erwin Hetger in Waiblingen. Davor hatte die Polizei bei solchen Einsätzen erst die Lage analysiert und dadurch wertvolle Zeit verloren. "Das Konzept hat gegriffen", sagte auch Innenminister Heribert Rech (CDU). Der Unterschied zu früher sei, dass die Polizei nun nicht nur von außen sichere: "Die Beamten gehen gleich rein."

Laut Hetger war es bundesweit bis vor zwei Jahren die Philosophie, bei derartigen Amoklagen zuzuwarten, bis die Spezialeinsatzkräfte vor Ort sind. Sie gingen dann "ins Objekt", um den Täter zu bekämpfen. "Das hat aber in konkreten Fällen dazu geführt, dass das Einschreiten der Polizei zu spät erfolgte. Deswegen haben wir uns durchgerungen, zu sagen, die Erstintervention muss von den Kräften erfolgen, die vor Ort verfügbar sind und sofort - wie es hier gelaufen ist - in das Objekt hineinkönnen." Größere Gefahren für die Beamten werden dabei bewusst in Kauf genommen.

Die baden-württembergischen Streifendienstbeamten - insgesamt 14.500 - mussten dafür gesondert geschult werden. "Wir haben in Baden-Württemberg diese 14.500 Kollegen geschult und muten ihnen deswegen zu - wie es hier in Winnenden der Fall war - im Sinne des Erstzugriffs, im Sinne der Erstbekämpfung des Täters ins Objekt einzudringen." Dies sei von zwei Interventionsteams getan worden. "Das sind sogenannte Dreierteams. Und das mit Erfolg und zwar in dem Sinne, das wir ein größeres Blutbad hier in der Realschule verhindert haben." Diese Interventionskräfte gebe es bei jedem Polizeirevier, betonte Rech.

Die baden-württembergische Polizei hatte ein Trainingskonzept mit Videosimulationen und Rollenspielen entwickelt. Unter zehn verschiedenen Einsatzsimulationen ist auch eine Geiselnahme an einer Schule. Die Beamten müssen vor allem lernen, das richtige Maß zu finden. Sie dürfen nicht wahllos drauflosschießen, aber auch nicht zögern, wenn sie vom Amokläufer bedroht werden. "Ein Amoktäter zögert nicht, er tötet", sagte Hetger. Wichtig ist auch, dass die Beamten sich im Einsatz gegenseitig schützen können - Einzelkämpfer sind nicht gefragt.

Die Diskussion um das richtige Einsatzkonzept bei Amokläufen hatte bundesweit begonnen, nachdem ein Amokläufer 2002 an einem Gymnasium in Erfurt 16 Menschen und sich selbst getötet hatte. In Baden-Württemberg hatte ein Unbekannter vor mehr als zwei Jahren ein Blutbad an einer Schule ankündigt und damit Angst und Schrecken verbreitet. Laut Stuttgarter Innenministerium gab es in der Folge allein an Schulen des Landes mehr als 110 Amok-Drohungen.

Quelle: n-tv.de, Tatjana Bojic, dpa