Panorama

"Festung Europa" Grass schlägt Zwangseinquartierungen vor

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Günter Grass erinnert an die Aufbauleistung von Flüchtlingen ach dem Zweiten Weltkrieg.

(Foto: picture alliance / dpa)

Nach dem Zweiten Weltkrieg fliehen Millionen Menschen aus den Ostgebieten. In Westdeutschland werden sie vielfach zwangsweise bei Privatpersonen einquartiert. Für Nobelpreisträger Grass ein erneut zu debattierendes Modell.

Mit einem ungewöhnlichen Gedankenspiel hat sich Literaturnobelpreisträger Günter Grass in die Debatte über die Unterbringung von Flüchtlingen eingeschaltet. Er sehe bei den Deutschen mehr Bereitschaft zu helfen, sagte er in Hamburg bei einer Veranstaltung der Schriftstellervereinigung PEN. Zugleich halte er, sollte es Notfälle bei der Unterbringung von Flüchtlingen geben, auch Zwangseinquartierungen für eine Option.

Dabei erinnerte der 87-Jährige daran, dass dies nach dem Zweiten Weltkrieg auch gemacht wurde - unter Murren teilweise, aber die 14 Millionen Deutschen und Deutschstämmigen aus dem Osten seien so wieder schnell auf die Beine gekommen. Ohne diese Menschen, wie später auch die Gastarbeiter, hätte es das deutsche Wohlstandswunder nicht gegeben. Dagegen diagnostizierte der 70-jährige Schriftsteller Christoph Hein eine wachsende unterschwellige Ausländerfeindlichkeit in Deutschland. Der Hintergrund sei "Angst um Wohlstand".

Kursschwenk beim PEN

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6000 Euro kamen bei der Versteigerung von Grass-Grafiken zusammen.

(Foto: picture alliance / dpa)

Ziel des deutschen PEN ist es, die "Festung Europa" zu knacken. Den Kursschwenk der Autorenvereinigung zu offener politischer Einmischung begründeten die beiden PEN-Ehrenpräsidenten Grass und Hein sowie der amtierende PEN-Präsident Josef Haslinger mit dem "eklatanten Versagen der Politik" nicht nur bei der Flüchtlings- und Asylpolitik.

In harschen Worten prangerten sie das Versagen des Westens an. Dieser habe nach der friedlichen Revolution 1989 in Osteuropa samt Mauerfall in der DDR Hoffnungen auf ein Ende des Blockdenkens und eine Überwindung des Nord-Süd-Konflikts, des Gegensatzes von Arm und Reich, enttäuscht.

"Wir sind in eine neue Gefahrenzone geraten", beschrieb der Österreicher Haslinger die Weltlage. Von einer Mauer, die härter ist als Stein, nämlich "eine Mauer aus Geld", sprach der Ostdeutsche Hein. Sie habe schon jetzt mehr Tote gefordert als die Berliner Mauer "und es werden mehr folgen".

Dazu verlas Haslinger einen Aufruf des deutschen PEN, der die Abschottung der EU gegen Flüchtlinge verurteilt und ein gemeinsames humanes Asylrecht aller EU-Staaten anmahnt. Der Aufruf soll an alle PEN-Zentren in Europa gehen und dort möglichst viel Unterstützung finden. 

Der Anlass zum politischen Aufbruch war symbolträchtig: Der PEN feierte in der Freien Akademie der Künste in Hamburg seinen 90. Geburtstag - nicht inszeniert als Selbstbeweihräucherung, sondern als Benefiz-Gala mit Lesungen beklemmender Texte von verfolgten und inhaftierten Autoren, die der PEN mit den Programmen "Writers in Exile" und "Writers in Prison" unterstützt. Mehr als 6000 Euro für "Writers in Prison" brachte eine von Ex-"Tagesthemen"-Moderator Ulrich Wickert launig-humorvoll geleitete Versteigerung von sechs Grafiken, die Grass zur Verfügung gestellt hatte. Teuerstes Bild war die Grafik "Worüber ich schreibe", eine Butt-Darstellung, für 2700 Euro.

Quelle: n-tv.de, jwu/dpa

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