Panorama

Papstschreiben "Amoris Laetitia" Halb voll das Glas oder halb leer?

"Freude der Liebe" heißt das neue Papstschreiben - es ist der bestmögliche Kompromiss gegen viele konservative Widerstände. Die römische Kirche bewegt sich auf ihre Gläubigen zu. Doch eine Gruppe fällt vollkommen durch das Raster.

So schwierig hatte sich Papst Franziskus das sicher nicht vorgestellt. So viel Widerstand gegen auch nur die kleinste Veränderung – das hat den Papst klar überrascht. Die Konservativen, unter Führung vieler Kurienkardinäle wie Robert Sarah und Georg Pell, warfen dem Papst vom rechten Glauben vor, weil er standesamtlich Wiederverheiratete katholische Eheleute zu den Sakramenten wieder zulassen wollte, weil er sich weigere, deren "Stand der Todsünde" auch als solche anzuerkennen. Schlimmer noch der Verdacht, auch die Homo-Ehe anerkennen zu wollen, gar die wilden Ehen: All das, was man im katholischen Kirchensprech als "irreguläre" Verhältnisse bezeichnet. Und "irregulär" leben heute immer mehr Paare, bald die Mehrheit der Menschen. Konservative sehen darin das Wirken Satans, die Reformer einen Anlass, sich den Menschen wieder anzunähern.

Der riesengroße Widerstand gegen den Papst zeigte sich in den Abstimmungen der letzten Familiensynode Ende 2015. Ein knappes Drittel aller Teilnehmer stimmte gegen die von Kardinal Walter Kasper vorgestellten Reformwege. Dem Papst wurde klar, dass weite Bereiche der Weltkirche überhaupt nicht auf seinem Reformkurs liegen. Schon fiel das Wort von der deutschen Kirchenmafia, die ihn allein unterstütze: Der deutschsprachige Zirkel der Synode stellte sich als einer der wenigen deutlich hinter die päpstlichen Reformvorschläge, sie mussten sich als verkappte Lutheraner verleumden lassen.

"Amoris Laetitia" ist maximal möglicher Kompromiss

Nun hat der katholische Berg gekreißt, und zwar keine Riesenreform geboren, aber auch keine Maus. "Das Fenster ist aufgemacht worden, so sehe ich das. Es sind wichtige Beschlüsse gefasst worden, aber nun liegt es ganz wesentlich an den Ortskirchen, an den einzelnen Bischöfen, was sie aus den Möglichkeiten der 260-Seiten-Schrift 'Amoris Laetitia' machen", meinte zu n-tv Marco Politi, Autor der Papstbiographie "Franziskus unter Wölfen" - ein Titel, der die Arbeitsbedingungen des Papstes durchaus richtig darstellt.

Die Arbeitsgruppe des Papstes um die Kardinäle Lorenzo Baldisseri und Christoph Schönborn hat das Ergebnis der wohl härtesten Auseinandersetzung in seiner katholischen Kirche, die seit den Tagen von Martin Luther ausgetragen worden ist, einem bis auf den letzten Platz gefüllten Pressesaal des Heiligen Stuhles vorgestellt.

Selten war man sich so uneinig. Das Papstschreiben ist der maximal mögliche Kompromiss. Eine katholische Ehescheidung - weiterhin absolut unmöglich. Erlaubt ist es nur, die Ehe für von Anfang an für null und nichtig zu erklären. Aber welches Paar will das schon, nach vielleicht 20 Ehejahren und Kindern? Das ist für fast alle Wiederverheirateten eine "Nicht-Lösung". Und obendrein das Makel der "Todsünde", die Ausschließung von den Sakramenten.

Dem Nicht-Katholiken mag das als eine Diskussion um das Geschlecht der Engel erscheinen, dem Gläubigen aber sind das lebenswichtige Punkte.

Die Einzelfallentscheidung

Am Ende ist nun doch Hochinteressantes herausgekommen. Die große Kirche hat sich bewegt, hin auf ihre Gläubigen. Wir fragten nach bei Kardinal Christoph Schönborn, ob die wiederverheirateten katholischen Ehepaare, einer der Kernpunkte des Streites, nun auch weiterhin im Stande der Todsünde seien. Das mochte der Wiener Kardinal nicht so pauschal verneinen, es komme doch immer auf den Einzelfall an. "Wenn ich da Leute sehe, die korrekt katholisch verheiratet sind, aber dann vielleicht viele Steuern hinterziehen, oder als Unternehmer ihre Angestellten wie Sklaven ausbeuten, dann sind das Menschen, die in der Sünde leben." Also nicht die guten Katholiken, die aber eine zweite Ehe eingegangen sind, folgern wir.

Die Einzelfall-Entscheidung. Die Kirche müsse alle Sünder aufnehmen, niemand sei auf Ewigkeit verdammt. Wer sich scheiden lässt und dann noch einmal heiratet, der ist eben ein Sünder, in den Augen der römischen Kirche. Nun aber wolle es die "Bewertung des Einzelnen, seine Reue, sein Wunsch, wieder dabei zu sein, man muss anschauen, wie die Kinder aus der ersten Ehe behandelt werden, der frühere Ehepartner. All das zählt", erläuterte der Kardinal. Ganz oben steht der Wunsch Papst Franziskus', "einzuschließen, mitzunehmen, Verständnis, Milde und Barmherzigkeit" zu zeigen. Wenn diese Einzelfall-Prüfung dann gut gelaufen ist – wer sich dem Urteil des Bischofes unterzieht, hat ja im Prinzip schon gezeigt, dass er zur Kirche weiterhin dazu gehören will. Dann kann der Bischof auch die Wiederverheirateten zu den Sakramenten erneut zulassen.

Kein für alle gleicher "Bußweg", wie ihn Kardinal Walter Kasper einfacher und allgemein gültig vorgeschlagen hatte, aber immerhin: Ein Fenster ist auf. "Nicht alle wiederverheirateten Geschiedenen leben im Zustand der Todsünde" - eine Fußnote des Papstes klärt die am meisten diskutierte Frage unter den Kirchenmännern. Auch habe der Ortspriester kein Recht, diesen "individuellen" Bußweg zu verweigern. Das ist eine Mahnung an die Konservativen, dass der Papstbrief für alle gilt.

Homosexuelle fallen durch das Raster

Die größte Unart der Kirche sei es, alles Abweichende abzuurteilen. Sie als einzig Gerechte aufzuführen. Auch bei den im römischen Katechismus als "irreguläre" Verhältnisse bezeichneten, wie etwa "wilde Ehen", gäbe es nicht selten einen Kern großer Liebe. Hallelujah, die Kirche ist auf dem Weg in die Wirklichkeit, möchte man sagen. Sehr schön ist auch, dass der Papst den besonderen Wert der Sexualität für die Menschen deutlich anerkennt. In der Ehe, ca va sans dire, aber immerhin. Ein weiterer kleiner Schritt.

Bei all der neuen Offenheit für die in der wirklichen Gesellschaft gelebten Formen von Familie, die sich immer mehr von der kirchlichen Lehre entfernt haben, ist aber nun eine große Gruppe von Menschen vollkommen durchs Raster gefallen: die Homosexuellen. Ihren wird weiterhin nur Barmherzigkeit zuteil, weil die Kirchenmehrheit wohl noch immer der Meinung ist, dass es sich bei dieser Form der Sexualität um eine persönliche Perversion handelt und nicht um das, was die moderne Biogenetik immer deutlicher belegt: um ein genetisch entstandenes Verhaltensmuster. Aber um das zu verstehen, wird wohl noch ein wenig Wasser unter den Tiberbrücken hindurch fließen. Nicht alle Kirchenfürsten sind so weit wie Kardinal Walter Kasper, die die Frage stellte: "Und was ist, wenn die Homosexualität Teil der Schöpfung wäre?"

Ein Thema für die übernächste Synode ist also schon gefunden.

Quelle: n-tv.de

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