Panorama
Im brandenburgischen Wittenberge versuchen Helfer mit allen Mitteln, die Altstadt zu schützen.
Im brandenburgischen Wittenberge versuchen Helfer mit allen Mitteln, die Altstadt zu schützen.(Foto: dpa)
Sonntag, 09. Juni 2013

Die Flut rollt unerbittlich weiter: Magdeburg stöhnt laut - der Norden zittert leise

Auch die neue Woche wird vor allem eines bringen: Wassermassen, bröckelnde Deiche und viele, viele Sandsäcke. In Magdeburg verlassen 23.000 Menschen ihre Häuser, auch in Niedersachsen packen die ersten längst zusammen. Bundespräsident Gauck besucht Menschen, die die Flut überstanden haben - und ist erschüttert.

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Das zurückliegende Wochenende wird in die Geschichte der Stadt Magdeburg eingehen - die Flut ist schon jetzt eines der dunkelsten Kapitel der Historie. Weitere 23.000 Menschen mussten ihre Wohnungen östlich der Elbe verlassen. Auch der Stadtteil Rothensee bereitete den Behörden Sorgen. Soldaten kämpften für den Schutz eines Umspannwerks, um die Stromversorgung Magdeburgs zu sichern. "Rothensee läuft voll wie eine Badewanne", lautete der Kommentar von Bundeswehrsprecher Andrè Sabzog.

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Bundesweit stemmen sich weiterhin rund 70.000 Feuerwehrleute und 11.000 Bundeswehrsoldaten gegen die Flut. Mindestens sieben Menschen sind bisher durch das Hochwasser gestorben, mehrere werden noch vermisst. Zehntausende Flutopfer wissen nicht, wann sie zurück in ihre Häuser dürfen. Sie sind in Notquartieren, bei Verwandten oder Freunden untergekommen. Dazu kamen am Sonntag neue Unwetter: Im ohnehin gebeutelten Sachsen fielen extreme Mengen Regen und Hagel. Für die kommenden Tage sagen Meteorologen schon wieder Starkregen in der Mitte und im Süden Deutschlands sowie in Tschechien und Polen voraus.

Chaoten drohen mit Deich-Anschlägen

In Sachsen-Anhalt sind unzählige Soldaten auf den Beinen.
In Sachsen-Anhalt sind unzählige Soldaten auf den Beinen.(Foto: dpa)

Kopfschütteln und Unverständnis lösten anonyme Anschlagsdrohungen aus: Chaoten drohten damit, Deiche in Sachsen-Anhalt anzugreifen, um die Umgebung unter Wasser zu setzen. Innenminister Holger Stahlknecht sagte, die Drohung stamme von einer Gruppe, die sich "Germanophobe Flutbrigade" nennt. Die Deiche würden nun von der Luft und vom Boden aus verstärkt überwacht, fügte er an.

Dass der Pegel der Elbe am Sonntagnachmittag um einige Zentimeter sank, ist für Holger Platz, Leiter des Katastrophenstabes der Stadt, kein Grund zur Entwarnung: "Auch wenn einiges dafür spricht, dass wir jetzt den Scheitel erreicht haben, ist das noch kein Befreiungsschlag." Deiche könnten auch bei sinkenden Pegelständen noch brechen. Es müsse noch tagelang mit einem hohen Druck auf die aufgeweichten Deiche gerechnet werden.

Gauck vertraut auf Solidarität

Bundespräsident Gauck sprach in Meißen mit Fluthelfern.
Bundespräsident Gauck sprach in Meißen mit Fluthelfern.(Foto: dpa)

Bundespräsident Joachim Gauck sprach den Hochwasser-Opfern sein Mitgefühl aus. Er besuchte zunächst die betroffenen Gebiete in Sachsen-Anhalt. "Man kann sich nicht vorstellen, was da alles zu bewältigen ist", sagte er. Er sei aber zuversichtlich und vertraue auf den weiteren Zusammenhalt der Menschen in der Not. Deutschland ist ein solidarisches Land, betont Gauck. Diejenigen, die nicht überlegen müssten, wenn sie eine teure Flasche Wein aufmachen, sollten auch für andere ihre Herzen und Geldbörsen öffnen.

In der Marktkirche in Halle gedachte der Bundespräsident gemeinsam mit Hunderten Menschen der Opfer der Flutkatastrophe, die ihr Leben, ihr Hab und Gut und ihre Existenz verloren haben. Den Blick von oben auf das Flutgebiet bezeichnete Gauck nach einem anschließenden Flug über das sächsische Meißen als "Erschütternd."

Magdeburger Bürgermeister mahnt zur Ruhe

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Wegen des Hochwassers sperrte die Bahn bei Magdeburg eine Elbebrücke. Davon ist der Fernverkehr zwischen Hannover und Leipzig betroffen, wie der Konzern in Berlin mitteilt. Die Intercity-Züge von und nach Hannover enden und beginnen im Magdeburger Hauptbahnhof. Zwischen dem Hauptbahnhof und Halle wird ein Busnotverkehr eingerichtet. Ab Halle müssen Reisende dann Nahverkehrszüge nach Leipzig nutzen. Auch der Regionalverkehr aus Leipzig und Berlin nach Magdeburg ist betroffen.

Dramatisch zugespitzt hat sich nach einem Dammbruch auch die Lage unweit von Barby, wo das Hochwasser der Saale auf das Hochwasser der Elbe prallt. Zahlreiche Ortschaften wurden dort evakuiert. In der Chemiestadt Bitterfeld konnten hingegen 10.000 Bewohner zurückkehren, nachdem ein Deich abgedichtet wurde. Auch in Halle entspannte sich die Lage.

Nordbrandenburg steht das Schlimmste derweil noch bevor. In Wittenberge stand die Elbe mit 7,85 Metern schon etwa einen halben Meter höher als im Rekordjahr 2002. Rund 1500 Bewohner der Altstadt wurden aufgefordert, ihre Häuser zu verlassen. Am Dienstag werden sogar 8,10 Meter erwartet. Den Einsatzkräften stehe ein tagelanger Kampf gegen das Hochwasser bevor, sagte ein Sprecher des Koordinierungszentrums Krisenmanagement. Lautsprecherwagen der Polizei forderten die Einwohner einiger Stadtteile auf, ihre Wohnungen zu verlassen. Zur Entlastung sollten Polder an der Havel geflutet werden. Dies sind von Deichen umgebene Gebiete, die bei Hochwasser absichtlich gefüllt werden.

Norddeutschland erwartet Rekordpegel

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In Mühlberg schleppten zahlreiche Helfer und Bundeswehrsoldaten 35.000 Sandsäcke an die Deiche. Aber erst in drei bis vier Tagen gebe es wohl eine spürbare Entspannung, sagte ein Sprecher des Katastrophenstabs. Bis dahin müssten die Dämme halten. Und noch länger - denn auch das abfließende Wasser drücke noch mit einer gewaltigen Wucht gegen die Deiche.

In Norddeutschland hat sich die Hoffnung zerschlagen, diesmal glimpflich davonzukommen. Am Mittwoch und Donnerstag sollen Rekord-Wasserstände erreicht werden. Wegen des steigenden Pegels wurde die Altstadt von Hitzacker evakuiert. Im Wendland wurden Freiwillige gesucht, die Sandsäcke befüllen. Einsatzkräfte stapelten eilig Sandsäcke auf die Deiche. Die Bundeswehr schickte Soldaten zur Verstärkung. In Mecklenburg-Vorpommern rief der Ludwigsluster Landrat Rolf Christiansen (SPD) die Menschen in der betroffenen Region Dömitz und Boizenburg zu größter Vorsicht auf: "Wer nicht in der Region bleiben muss, sollte sich langsam auf den Weg machen."

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Sachsen hat das Schlimmste zwar schon überstanden, doch das Wasser sinkt nur langsam und drückt weiterhin auf die Deiche. Rund 13.000 Menschen sind nach wie vor von Evakuierungen betroffen. Nahe Großtreben-Zwethau in Sachsen waren Einsatzkräfte damit beschäftigt, eine defekte Klappe in einem Deich zu schließen - Wasser strömte aus. Mehrere Häuser mit 50 Bewohnern wurden geräumt.

Zudem gab es starke Regengüsse, die nach Einschätzung der Behörden aber für die Elbe nicht gefährlich werden. In vielen Orten gehen die Aufräumarbeiten weiter. Hoteliers klagten über Stornierungen, selbst für den weit entfernten Sommerurlaub und in von der Flut nicht betroffenen Gebieten. In der Elbe bei Pirna wurde eine Leiche entdeckt. Mit großer Wahrscheinlichkeit handle es sich um einen 74 Jahre alten Bewohner eines nahen Seniorenheimes

Regierung plant nationalen Flutgipfel

Auch an der bayerischen Donau ist das Hochwasser weitgehend überstanden - doch zurück bleiben Unmengen Schlamm. Bewohner schaufelten die Überreste der Flut aus ihren Häusern. Die Stadt schätzt den Schaden auf rund 500 Millionen Euro.

Auch donauabwärts in Österreich schaufeln Feuerwehr, Soldaten und freiwillige Helfer Tonnen Schlamm aus zuvor überfluteten Ortschaften. Die Schäden werden mit der Jahrhundertflut 2002 verglichen. Das Rekordhochwasser erreichte auch die ungarische Hauptstadt Budapest. Tausende Helfer sind im Einsatz, um Dämme mit Sandsäcken zu verstärken. In Tschechien begannen an der Moldau die Aufräumarbeiten.

Bundeskanzlerin Angela Merkel versprach den Flutopfern, man werde beim Wiederaufbau alles tun, was möglich sei. "Deutschland steht in bewundernswerter Weise zusammen in diesen Tagen - und das soll auch so bleiben." Bundesfinanzminister Wolfgang Schäuble deutete in der "Passauer Neuen Presse" an, dass die Hilfen für Flutopfer aufgestockt werden könnten. Bisher hat der Bund 100 Millionen Euro Soforthilfe zugesagt.

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Quelle: n-tv.de