Panorama

Wenn Förderschüler Arbeit suchen Hoffnung und Hartz IV

In seinen vier Jahren als Leiter der Bochumer Fröbelschule ist Christoph Graffweg schon erfreulichere Post ins Büro geflattert. "Ich möchte ihnen miteilen, das ich mein Praktikum Heute beende", steht orthografisch holpernd auf dem Papier mit Filzstift geschrieben. "Ich werde dort nur Herrum Gescheucht das ist nix für mich. Ich komme am Donnerstag wieder in die Schule." Sieben Neuntklässler hat Graffweg ins dreiwöchige Berufspraktikum geschickt. Jetzt, wo der nächste das Handtuch geworfen hat, sieht es so aus, als ob nur zwei von ihnen bis zum Ende durchhalten werden. Dabei wäre es gerade für Graffwegs Schüler wichtig, ihre Chancen zu nutzen. An die Fröbelschule gehen Kinder, die sich mit dem Lernen besonders schwertun. Wer hier seinen Abschluss macht, der hat es nicht leicht, einen Job zu bekommen.

Nur zwei Schüler hat Graffweg in vier Jahren eine Lehrstelle finden sehen. Aber noch mehr als die Statistik bedrückt ihn die Überzeugung, dass den meisten die Förderschule erspart geblieben wäre, hätte ihre Kindheit eine andere Richtung genommen. Den wenigsten hier bereitet nur das Rechnen oder Lesen Probleme. "Die Lebensumstände führen dazu, dass diese Jugendlichen denken: Ich will mich nicht scheuchen lassen", sagt Graffweg. "Das ist ein Armutsproblem."

Keine Struktur im Leben

Beinahe zwei Drittel der Fröbelschüler leben von Hartz-IV- Leistungen, und ihr Anteil wächst. Von zehn Zweitklässlern sind aktuell fünf in der Obhut des Jugendamtes. "Wer langfristig keine Arbeit hat, der hat keine Notwendigkeit, früh aufzustehen", sagt Graffweg. "Der hat keine Struktur im Leben - und das überträgt sich auf die Kinder."

Solchen Schülern haben die Lehrer der Fröbelschule Grundlegenderes mitzugeben als das ABC oder Einmaleins: frisches Obst und Gemüse in der Frühstückspause, eine warme Mahlzeit am Tag, auch wenn mal wieder kein Essensgeld auf dem Schulkonto eingegangen ist, einfachste Regeln im Umgang miteinander. Die Jugendlichen fit zu machen für den Arbeitsmarkt - das klingt im Bochumer Stadtteil Wattenscheid wie ein pädagogischer Auftrag aus einer anderen Welt. Trotzdem hat Graffweg die Zuversicht nicht verloren: "Wir sind dabei, die Sache umzudrehen", sagt er.

Im Herbst hat die Fröbelschule ehrenamtliche Mentoren gewonnen, die die Schüler der Abschlussklasse bei der Arbeitssuche an die Hand nehmen. Ein Gewerkschafter, eine Kunststudentin, die ehemalige Schulsekretärin - sie alle suchen den Kontakt zu den Eltern, helfen Bewerbungen schreiben, gehen mit zu Vorstellungsgesprächen, drängen am Ball zu bleiben, wenn es Rückschläge gibt. Jedes Kind werden sie nicht erreichen können, das räumt auch Graffweg ein. Aber diejenigen, die sich darauf einlassen, bekommen vielleicht doch noch eine Chance.

Traum von der Ausbildung geplatzt

So wie Tobias. In seiner Freizeit bastelt der 16-Jährige Modellautos. Zum Kfz-Mechaniker wollte ihn trotzdem keine Werkstatt ausbilden. "Die haben gesagt, sie nehmen nur welche von Gesamtschulen. Da war das für mich geplatzt", sagt er. Jetzt schult ihn das Berufsbildungswerk, das Lernbehinderte auf die Arbeitswelt vorbereitet. Und Gina, die Köchin werden will, macht gerade ein Praktikum bei einem Party-Service. "Da ist eine große Last von einem genommen", sagt ihre Mutter. "Ich hatte schon Angst davor, was aus meiner Tochter wird, wenn sie mit der Schule fertig ist."

Der erste Schritt ist gemacht, aber gesichert ist Ginas Zukunft damit natürlich noch lange nicht. "Direkt nach der Schule ist gar nicht der Knackpunkt", weiß Sabine Stemmer, die als Berufsberaterin der Arbeitsagentur Bochum regelmäßig die Fröbelschule besucht. Wer keine Lehrstelle findet und nicht zu stark verhaltensauffällig ist, wandert weiter in Förderprogramme und Berufsvorbereitungskurse. Ob die Fröbelschüler - auf sich allein gestellt - bestehen können in einem Arbeitsmarkt, der vor allem auf Leistung setzt, zeigt sich erst Jahre später.

Von Anja Semmelroch, dpa

Quelle: ntv.de