Panorama

In Biloxi hunderte Tote Hohe Opferzahlen befürchtet

Viele Tote, Rekordschäden und Rufe nach einer Trendwende in der US-Klimapolitik: Hurrikan "Katrina" wird als eine der folgenschwersten Naturkatastrophen in die Geschichte eingehen. Binnen weniger Stunden stieg die Zahl der Hurrikan-Toten auf mehr als 80. Die Behörden gingen jedoch von deutlich höheren Zahlen aus.

Fassungslos standen die Menschen vor den Trümmern. Allein in Biloxi an der Golfküste des Bundesstaates Mississippi wurden Dutzende Menschen unter einem Wohnhaus begraben. In den überfluteten Straßen der Südstaatenmetropole New Orleans saßen zahlreiche Menschen auf den Dächern und riefen um Hilfe.

Änderung der Klimapolitik gefordert

Bundesumweltminister Jürgen Trittin warf den USA vor, zu wenig für den Klimaschutz zu tun. Die Häufung von Naturkatastrophen wie Hurrikan "Katrina" könne man nur mit der von Menschen verursachten Erderwärmung erklären, sagte Trittin im ZDF. Umweltschützer forderten eine Kehrtwende in der amerikanischen Klimapolitik.

Zweistelliger Milliarden-Schaden

Die versicherten Gesamtschäden durch den Hurrikan könnten 12 bis 26 Milliarden US-Dollar (21 Milliarden Euro) betragen, schätzt die auf die Risiko-Analyse von Katastrophen und Wetter spezialisierte US-Firma AIR Worldwide Corporation. Damit sei "Katrina" möglicherweise die teuerste Naturkatastrophe der USA. Zum Vergleich: 2004 hatten dort vier Hurrikans insgesamt Versicherungsschäden von 22,9 Milliarden US-Dollar verursacht.

Dammbruch in New Orleans

Gespenstisch war die Lage in New Orleans. Am zentralen Pontchartrain-See brach ein Damm auf etwa 50 Metern Länge. Das Wasser schwappte in die Straßen und stieg immer höher. 80 Prozent der Stadt glichen einem See. Ganze Häuserzeilen verschwanden bis zu den Dächern in den Fluten. Hilfstrupps mussten alle Rettungsversuche wegen der gefährlichen Stromleitungen unter der Wasseroberfläche vorübergehend einstellen.

"Man hörte die Stimmen in der Dunkelheit um Hilfe rufen und konnte nichts tun", berichtete eine Reporterin des n-tv Partnersenders CNN. Fotografen beobachteten, wie Menschen mit Stangen und Werkzeugen verzweifelt Löcher in die Dächer hackten, um den steigenden Wassermassen zu entkommen.

Hospital evakuiert

Bei einem spektakulären Rettungseinsatz wurden Patienten aus einem überfluteten Krankenhaus von Hubschraubern in Sicherheit gebracht. In New Orleans verbliebene Bewohner wurden aufgefordert, wegen der Seuchengefahr nur noch abgekochtes Wasser zu trinken. "Die Zahl der Toten wird sich noch erhöhen, dies war einer der verheerendsten Hurrikans an der Golfküste in den vergangenen 50 Jahren", berichtete CNN.

Flutwelle in Biloxi

Mindestens 30 Menschen ertranken oder wurden beim Einsturz der Häuser in Biloxi verschüttet, berichtete die Tageszeitung "Clarion-Ledger" unter Berufung auf die Behörden. Ein Sprecher erklärte, hunderte Menschen könnten ihr Leben verloren haben. Die Opfer seien bei der Ankunft einer neun Meter hohen Flutwelle in ihren Häusern eingeschlossen gewesen. 1969 seien beim Hurrikan "Camille" 200 Menschen ums Leben gekommen. "Und dieses Mal werden es viel mehr sein", so der Sprecher.

Ein Bild des Grauens bot sich den Überlebenden. Ganze Appartementanlagen wurden weggespült. "Da ist nichts mehr", berichtete die ehemalige Bewohnerin Suzanne Rodgers. "Der Appartementkomplex, in dem ich lebte, wurde dem Erdboden gleich gemacht. Alles was ich von mir noch gefunden habe, war ein Schuh." "Meine Frau, meine Frau", jammerte ein Mann, der mit zwei Kindern orientierungslos durch schlammbedeckte Straßen irrte. Seine Frau habe er seit Montag nicht mehr gesehen. Sein Haus sei wie von einer Axt in zwei Teile gerissen worden. "Ich habe nichts mehr, ich weiß nicht wohin."

Von Restaurants und Pubs an der Uferpromenade von Biloxi blieben nur Schutt und Trümmer übrig. Das neue Hard Rock Casino, das kommende Woche eröffnet werden sollte, muss vollständig neu gebaut werden. Der Hafen ist nach Augenzeugenberichten nicht mehr vorhanden. Weitere Menschen starben durch umstürzende Bäume oder bei Verkehrsunfällen. In Florida hatte der Wirbelsturm zuvor bereits sieben und in Louisiana drei Menschenleben gefordert.

Stromversorgung gekappt

In weiten Landstrichen des Katastrophengebietes war die Stromversorgung noch unterbrochen. In 1,3 Millionen Haushalten, Geschäften und Unternehmen in Louisiana, Mississippi und Alabama blieb es dunkel. Tausende Telefone funktionierten nicht mehr, Bewohner konnten nicht einmal mehr um Hilfe rufen. Über das in Dunkelheit getauchte Mobile (Alabama) wurde eine Ausgangssperre verhängt. Zehntausende Häuser standen meterhoch unter Wasser. In New Orleans und Gulfport (Mississippi) wurden Plünderer gesichtet. Über diese Küstenstadt war eine bis zu 6,70 Meter hohe Flutwelle hereingebrochen.

Katastrophengebiete

Der Gouverneur des Bundesstaates Mississippi, Haley Barbour, sagte, die Küste entlang des Golfs von Mexiko sei wie von einer schweren Keule getroffen worden. US-Präsident George W. Bush brach angesichts der verheerenden Naturkatastrophe seinen Arbeitsurlaub in Texas ab, um eine Sitzung des Krisenstabes zu leiten. Das Rote Kreuz in den USA kündigte die größte Hilfsaktion seiner Geschichte an. Die Nationalgarde stellte Hunderte von zusätzlichen Soldaten für die Rettungs- und Bergungsaktionen ab. Bush erklärte Teile von Louisiana und Mississippi zu Katastrophengebieten. "Katrina" wurde inzwischen zum Tropensturm herabgestuft, der über den Norden von Mississippi in den Bundesstaat Tennessee weiterzog.

Teures Öl

Der Hurrikan wird die internationale Versicherungsbranche nach Einschätzung der Münchener Rück teuer zu stehen kommen. "Wir schätzen den versicherten Marktschaden auf 15 bis 20 Milliarden US-Dollar", sagte ein Sprecher des weltgrößten Rückversicherers. Zugleich verursachte "Katrina" auch einen Sturm auf dem Ölmarkt und trieb den Ölpreis auf neue Rekordhöhen. Wegen des riesigen Wirbelsturms mussten zahlreiche Ölplattformen, Häfen, Raffinerien und petrochemische Werke am Golf von Mexiko geschlossen werden.

Quelle: ntv.de