Panorama

Nach der Vertreibung der Juden aus dem Irak Israel ist entsetzt: Kulturgut soll nach Bagdad

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Bilder von der Aufbereitung der durchnässten Schriften.

Bis in die 1950er Jahre lebten rund 150.000 Juden im Irak. Heute sind es wohl nur noch zwei Dutzend. Der Judenhass der Araber verdrängt sie aus ihrer Heimat. Ihre Kulturgüter wurden geraubt, verscherbelt oder verrotten in Kellern. Vor zehn Jahren bergen engagierte US-Amerikaner und Iraker einige dieser Schätze - jetzt sollen sie zum Entsetzen Israels nach Irak zurück.

Bagdad, Mai 2003: US-Soldaten entdecken in einem gefluteten Keller des ehemaligen Geheimdienstes von Präsident Saddam Hussein das Archiv der irakischen jüdischen Gemeinden mitsamt Sakralgeräten. Zur Sicherheit werden alle Gegenstände in die USA gebracht und dort konserviert. Im Sommer kommenden Jahres sollen die Fundstücke an die irakische Regierung zurückgegeben werden.

Noch in diesem Herbst wird das National Archiv in Washington die Schätze der irakischen Judenheit in einer Ausstellung präsentieren. Von den insgesamt 2700 Büchern und Zehntausenden Dokumenten auf Hebräisch, Arabisch und Judäo-Arabisch sollen eine hebräische Bibel von 1568, ein babylonischer Talmud von 1793, Fragmente einer der 48 gefundenen Thora-Rollen sowie weitere Dokumente aus dem Archiv gezeigt werden - ehe alles wieder nach Bagdad transportiert wird.

Der Hintergrund

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Der Keller musste immer wieder ausgepumpt werden.

(Foto: Nationalarchiv/Washington)

Die irakische Regierung hatte im Keller des Mukhabarat (Geheimdienst) in Bagdad die Schätze der aus Irak vertriebenen Juden gehortet. Der US-Amerikaner Mark Hirshberg stand als arabisch und hebräisch sprechender Experte in den Diensten des US-Verteidigungsministers und der irakischen Übergangsregierung. Er erfuhr über Umwege von dem versteckten Schatz und informierte den damaligen Vorsitzenden des irakischen Nationalkongresses, Ahmed Chalabi.

Zwischen Blindgängern und tröpfelnden Wasserrohren drang schließlich ein Bergungstrupp in den halb unter Wasser stehenden Keller vor. Die US-Soldaten der sogenannten Alpha-Einheit entdeckten gemeinsam mit den Experten die "Israel-Abteilung" mit Bildern des Jerusalemer Felsendoms und russischen Luftaufnahmen des israelischen Atomreaktors von Dimona. Tiefer im Keller stießen sie dann auf die "jüdische Abteilung" - mit Thora-Rollen und Tausenden im Wasser liegenden Dokumenten.

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Die Schriften werden in der Sonne getrocknet.

(Foto: Nationalarchiv/Washington)

Die Iraker sollen die US-Amerikaner damals gebeten haben, das Material in die USA zu schaffen, ehe die Existenz des Archivs bekannt würde. Ohnehin wäre eine Konservierung des nassen Papiers im Irak unmöglich gewesen.

Dank einer Spende in Höhe von 15.000 US-Dollar eines New Yorker Bankiers besorgte Hirshberg Pumpen, um den vollgelaufenen Keller freizulegen. Mit Soldaten und irakischen Arbeitern barg er in "nächtlichen Kommandoaktionen" den Fund. Chalabi hatte Aluminiumbehälter besorgt. Darin wurden die nassen Funde verpackt. Die Aktion dauerte mehrere Wochen. Nacht für Nacht musste der Keller erneut ausgepumpt werden. Mangels Elektrizität und klimatisierter Räume wurden die auf Pergament geschriebenen Thora-Rollen im Hof der Orfali-Art-Gallery auf dem Boden ausgerollt und in der Sonne getrocknet.

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Die zerstörten Schriften werden verpackt.

(Foto: Nationalarchiv/Washington)

Hirshberg hatte Juden in aller Welt über das heimliche Projekt informiert, darunter Nathan Scharanski, früherer Sowjet-Dissident und israelischer Minister. Zunächst hatten die US-Behörden kein Interesse an der Unterstützung der Aktion. Erst nachdem Vizepräsident Dick Cheney und Verteidigungsminister Donald Rumsfeld von Scharanski informiert worden waren, stellte die US-Armee Hilfe zur Verfügung, bis das gesamte Material schließlich nach Texas ausgeflogen werden konnte. Das State Departement stellte 3 Millionen Dollar zur Verfügung, um die Dokumente von Experten digitalisieren und restaurieren zu lassen.

Der Pentagon-Mitarbeiter Harold Rhode erklärte dieser Tage: "Die Frage ist, wem das Material gehört. Laut internationalem Recht dürfen keine Schätze von einem Land ins Ausland gebracht werden. Aber dieser Fall liegt außerhalb der Norm, weil die Fundsachen Eigentum der jüdischen Gemeinde sind. Und die gibt es im Irak nicht mehr."

Die Schätze werden verloren gehen

Ziv Jehuda vom Institut für die Erforschung des Erbes der Juden aus Babylon in Israel verfolgt seit vielen Jahren das Schicksal des vom Saddam-Regime geraubten jüdischen Archivs: "Die haben Wertsachen verkauft und den Rest im Keller des Geheimdienstes weggeschlossen, unerreichbar für Forscher und interessierte irakische Juden", sagte Jehuda, der sich an den Raub jüdischer Wertsachen durch die Nazis erinnert fühlt. "Man stelle sich vor, dass von Juden geraubte Kunstwerke und andere Wertsachen heute an irgendwelche Neonazis erstattet würden und nicht an ihre rechtmäßigen jüdischen Besitzer", sagte Jehuda weiter.

Sowohl die US-Amerikaner als auch der Irak bestätigten unterdessen, dass es bereits einen Vertrag gebe, der die Rückgabe des Archivs an den Irak vorsehe. Jehuda fügte hinzu: "Die Iraker werden das Archiv weder schützen noch pflegen. Nachdem der Irak die fast 3000 alte jüdische Gemeinde seit dem babylonischen Exil zerstört, ausgeraubt und vertrieben hat, wird nun auch ihr schriftliches Erbe unwiederbringlich verloren gehen".

Quelle: ntv.de

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