Panorama

Alarmierende Sicherheitsmängel Jede zweite Halle ist betroffen

Alarmierende Sicherheitsmängel bei Hallen: Etwa vier Monate nach dem Unglück von Bad Reichenhall mit 15 Toten hat der TÜV Süd mehr als 200 Gebäude im gesamten Bundesgebiet untersucht. Mindestens jede zweite Halle weist danach Mängel auf. Ursache dafür ist aber nach Expertenmeinung nicht die hohe Schneelast des vergangenen Winters. Stattdessen gibt es Defizite bei Planung, Bau und Betrieb.

"Wir können eine zunehmende Häufung von schweren Schäden bei Hallen und Gebäuden beobachten", fasste Manfred Bayerlein, Geschäftsführer der TÜV Süd Industrie Service GmbH, das Ergebnis am Donnerstag zusammen. Der Schnee im Winter 2005/2006 sei nur der Auslöser für die Einstürze gewesen, die wirklichen Ursachen reichten wesentlich tiefer. Sie beträfen sowohl Konstruktionsfehler als auch Mängel bei Material, Ausführung sowie Wartung und Instandhaltung, erläuterte Bayerlein.

Die TÜV-Untersuchungen ergaben eine Häufung von Einstürzen schon kurz nach Errichtung der Hallen. Nach Anfangsproblemen spielt das Alter der Gebäude bei Einstürzen keine Rolle mehr. Besonders gefährdet sind Hallen aus Holz. So gingen bei Holzgebäuden 24 Prozent der Einstürze auf Konstruktionsfehler zurück, 29 Prozent auf Mängel bei Material und Ausführung sowie 37 Prozent auf Probleme in Betrieb und Instandhaltung. Holz sei kein schlechterer Werkstoff als Stahl oder Beton, betonte der TÜV-Süd-Bautechnik-Experte Herbert Gottschalk. "Aber Holz wird häufig bei kleineren Hallen eingesetzt, die mit wesentlich geringerem Planungs-und Berechnungsaufwand als größere Projekte umgesetzt werden."

Während bei Stahl-und Betonkonstruktionen in keinem der untersuchten Fälle eine Einsturzgefahr droht, mussten bei elf Prozent der Holzkonstruktionen die Hallen sofort geschlossen werden. "Wir haben ein erhebliches Qualitätsproblem, das den gesamten Prozess von der Planung über den Bau bis zum Betrieb von Gebäuden umfasst", sagte Bayerlein. Die Untersuchungen zeigten auch, dass bei sieben Prozent der Hallen die Statik nicht korrekt berechnet wurde. "Bei weiteren zwölf Prozent stimmte zwar die Statik, nicht aber die Ausführung", so Gottschalk.

"Um die Probleme bei der Hallen-und Gebäudesicherheit in den Griff zu bekommen, müssen wir die Prozesse bei Planung, Bau und Betrieb und ihre Umsetzung grundsätzlich überdenken", forderte Bayerlein als Konsequenz der Untersuchungsergebnisse. Mit einem Betriebshandbuch will der TÜV Süd Gemeinden und Städten einen Maßnahmenkatalog an die Hand geben, um die Sicherheit der Gebäude zu gewährleisten.

Der TÜV kennt auch die Ursache für den verheerenden Halleneinsturz von Bad Reichenhall. "Wir werden unser Gutachten Ende Mai oder Anfang Juni der Staatsanwaltschaft übergeben", sagte der Bautechnik-Experte des TÜV Süd, Herbert Gottschalk, am Donnerstag in München. Eine Auskunft über die Unglücksursache zum jetzigen Zeitpunkt lehnte er ab. Die Veröffentlichung behielten sich die Ermittlungsbehörden vor, sagte Gottschalk. Beim Einsturz der Eissporthalle von Bad Reichenhall waren am 2. Januar 15überwiegend junge Menschen ums Leben gekommen.

Unterdessen setzte Bundesbauminister Wolfgang Tiefensee (SPD) eine Richtlinie für Gebäudesicherheit in Kraft. Sie enthält Kriterien und Anhaltspunkte für die Risikoeinschätzung und vorsorgliche Kontrolle gefährdeter Gebäude und Bauteile. Die Richtlinie für die Überwachung der Verkehrssicherheit von baulichen Anlagen des Bundes (RUV) gelte sofort und verbindlich, berichtete das Bauministerium in Berlin. "Wir haben mit dem Gebäudecheck für alle Bundesbauten begonnen", teilte Tiefensee mit. Betroffen sind 4500 Immobilien des Bundes.

In Deutschland gibt es 35000 Sporthallen, 3500 Hallenbäder und etwa 1500 Theater oder Mehrzweckhallen. Die meisten davon sind in öffentlicher Hand. Im vergangenen Winter stürzten laut TÜV Süd in Deutschland, aber auch in Moskau und im polnischen Kattowitz an die 80 Hallen ein. Dabei wurden zusammen weit über 100 Menschen getötet.

Quelle: ntv.de