Panorama
Mittwoch, 17. September 2008

Vom Kartoffelkopf zum Kindertraum: Käthe Kruse wäre 125

Die Geschäftsführerin der "Käthe-Kruse-Puppen", Andrea Kathrin Christenson, steht mit zwei Puppen in der Fabrik in Donauwörth.
Die Geschäftsführerin der "Käthe-Kruse-Puppen", Andrea Kathrin Christenson, steht mit zwei Puppen in der Fabrik in Donauwörth.

Es ist ein bisschen wie im Märchen: Eine junge Frau aus bescheidenen Verhältnissen erobert die Welt - mit Puppen. Dabei beginnt die beispiellose Erfolgsgeschichte vor mehr als 100 Jahren mehr als simpel: nämlich mit einer Kartoffel und Sand. Aber nicht die materielle Not veranlassen die junge Mutter Katharina Simon, aus eben diesen Zutaten eine Puppe für den eigenen Nachwuchs zu basteln. Vielmehr mag die 23-Jährige die handelsüblichen Puppen mit ihren zerbrechlichen Porzellanköpfen und hochmütigen Gesichtern überhaupt nicht leiden. Einfach "scheißlich", findet auch Lebensgefährte Carl Max Kruse, und die Idee seiner Käthe wunderbar. Am 17. September vor 125 Jahren wird Käthe Simon Kruse nahe Breslau geboren. Sie stirbt am 19. Juli 1968 im bayerischen Murnau als berühmte Frau. Ihre Puppen überlebten sie.

Nachdem die Sand-Puppe mit dem Kartoffelkopf gut bei der ersten Kruse-Tochter ankommt, bastelt Mutter Käthe neues Spielzeug - immer geschickter, immer besser. Inzwischen füllt sie die Ärmchen und Beinchen ihrer drallen Geschöpfe mit Tierhaaren statt Sand. Sie näht geschickt Kleider nach der neuesten Kindermode. Die Kunststoffgesichter bemalt sie - auch mit Hilfe ihres kunstsinnigen Partners - naturgetreu und kindgerecht. Heute zählen Käthe-Kruse-Puppen zu den bekanntesten und begehrtesten Spiel-, Kunst- und Sammlerobjekten weltweit - und zu den teuersten. "Unsere Puppen kosten zwischen 39 und 1250 Euro", sagt Brigitte Winter von der Käthe Kruse GmbH in Donauwörth (Bayern).

Ungewöhnlicher Lebensweg

Der Sammlerwert liege allerdings ungleich höher. "Wie uns bekannt ist, erreichte ein "Träumerchen" schon 24.800 und "Schielböckchen" um die 40.000 Euro." Neben die klassischen Puppen stellt das Unternehmen auch neue "moderne" her - selbstverständlich nach Kruse-Art - und erwirtschaftet nach eigenen Angaben einen Jahresumsatz im zweistelligen unteren Millionenbereich. So ist es gut vorstellbar, dass Käthe-Kruse-Puppen auch noch in hundert Jahren Kinderherzen höherschlagen lassen und ihre "Mutter" auch weiterhin unsterblich machen. Deren Lebensweg ist für die damalige Zeit durchaus ungewöhnlich.

Käthe Simon lässt sich als Schauspielerin ausbilden und spielt an Bühnen in Berlin, Warschau und Moskau. Mit dem Bildhauer Carl Max Kruse geht sie eine Liaison ein - ohne Trauschein. Erst 1910 heiraten die beiden, leben zeitweise in Italien und erhöhen ihr Kinderkonto auf drei Mädchen. Auch die Puppenherstellung läuft auf Hochtouren. Ein Berliner Kaufhaus ist begeistert von den herzigen, lebensechten Puppenkindern, bei denen die Kruse-Töchter Pate stehen, und stellt sie aus. Aufträge lassen nicht auf sich warten. Auch aus den USA gehen Bestellungen ein, umfangreiche, die in Heimarbeit nicht mehr zu schaffen sind. Also müssen eine Werkstatt eingerichtet, Mitarbeiter angestellt werden. Von Bad Kösen aus, im heutigen Sachsen-Anhalt, treten die Käthe-Kruse-Puppen ihren Siegeszug um die Welt an. Ein gewonnener Kunstschutzprozess 1925 sichert dem Unternehmen bis heute seine Einzigartigkeit.

Verstaatlichung in der DDR

Auch die private Produktion blüht. Der Kruse-Clan wächst zwischenzeitlich auf sieben Kinder an. Und zu den Puppenkindern Träumerle oder Schlenkerle gesellen sich neue - sommersprossig, mit Echthaar und beweglichen Armen und Beinen. Hampelchen, Pummelchen, Däumlinchen, Friedebald, Ilsebill, Henriette und Adelheid oder Goldkind gehören heute zu den Klassikern. Internationale Preise lassen nicht auf sich warten. Mit Schaufensterpuppen erweitert Kruse ihr Repertoire, das sie auch auf den Weltausstellungen in Barcelona (1929) und Paris (1937) zeigt.

Eine schwere Zeit für die Familie beginnt mit dem Zweiten Weltkrieg: Zwei Söhne fallen. Auch Max Kruse stirbt 1942. Mutter Käthe muss mitansehen, wie ihre Manufaktur in der DDR verstaatlicht und zum Volkseigenen Betrieb umgewandelt wird. Zwei ihrer Söhne, Max und Michael, gründen im Westen neue Werkstätten. Schon 1946 beginnt in Donauwörth die Produktion. Auch Käthe Kruse siedelt bald in die Bundesrepublik um. Erst mit 70 Jahren zieht sie sich aus dem Geschäft zurück, das seit 1990 als Familienbetrieb von Andrea und Stephen Christenson geleitet wird, "der Tradition verbunden und Neuem aufgeschlossen", wie sie sagen.

Ein Abbild von Kindern

Ein Kruse-Spross - Sohn Max - hat dank seiner Mutter nie den Bezug zu Puppen verloren. Der 1921 in Bad Kösen geborene und heute in Oberbayern lebende Schriftsteller und Kinderbuchautor schuf später die aus der "Augsburger Puppenkiste" bekannten Figuren Urmel, Lord Schmetterhemd oder Don Blech. In seinen drei Biografien "Die versunkene Zeit", "Die behütete Zeit" und "Die verwandelte Zeit" setzte er seiner Mutter und ihrem Puppenimperium ein literarisches Denkmal. "Meine drei Biografien richten sich nicht nur an meine Leser, sondern auch an alle Verehrer meiner Mutter", schreibt Max Kruse auf seiner Homepage.

Vielleicht hat das etwa 50-jährige dünne amerikanische Blondinchen Barbie inzwischen den drallen, knuddeligen und doppelt so alten Puppenkindern Käthe Kruses zumindest mengenmäßig den Rang abgelaufen. Von vielen Eltern, Pädagogen (Waldorf) und Sammlern aber werden Kruse-Puppen klar bevorzugt - weil sie natürlich und einmalig, vor allem aber, weil sie ein Abbild von Kindern sind. Der Kinder Katharina Simons, die als Käthe Kruse mit ihren Puppen die Welt eroberte.

Quelle: n-tv.de