Panorama

Medienkrieg auf Kosten des Muftis "Kannibalismus"-Fatwa regt Muslime auf

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Abdul-Aziz Al-Sheikh hat mitunter gewöhnungsbedürftige Ansichten. Doch die Kannibalisierung von Frauen durch ihre Ehemänner befürwortet er dann doch nicht.

(Foto: ASSOCIATED PRESS)

Eine Fatwa des saudischen Großmuftis geistert durchs Internet. Er soll gesagt haben, Männer dürften bei Not ihre Frauen aufessen. Viele trauen das dem Hardliner zu. Aber das Gerücht passt zu gut in die Medienschlacht um den Jemen-Krieg.

Der oberste Mufti Saudi-Arabiens ist ein erzkonservativer Mann. So konservativ, dass manche ihm eine Äußerung zutrauen würden, die derzeit durch Nachrichten und soziale Netzwerke vor allem in der islamischen Welt geistert. Die vermeintliche Fatwa ist längst ein Skandal und zieht etliche Verschwörungstheorien nach sich.

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Frauen in Saudi-Arabien haben eine klar zugewiesene Rolle. Der Großmufti hält sogar zehnjährige Mädchen für heiratsfähig.

(Foto: ASSOCIATED PRESS)

Abd al-Aziz ibn Abdullah Al al-Scheich soll folgendes gesagt haben: Ein Mann dürfe im Extremfall einer Hungersnot seine Frau oder Teile von ihr essen, wenn er ansonsten den Tod zu befürchten habe. Das (im Idealfall freiwillige) Opfer der Frau symbolisiere dabei die ultimative Unterordnung unter den Mann. Und dadurch, dass der Mann sie esse, gingen die beiden Körper vollkommen in einen über.

Der Mann hat zwar schon andere krude Empfehlungen herausgegeben, etwa jene, dass Mädchen mit zehn Jahren reif genug zum Heiraten seien. 2012 sagte Al-Scheich dazu sinngemäß: Wenn ein Mädchen richtig erzogen wurde, ist es mit zehn Jahren bereit für die Aufgaben einer Ehefrau und Mutter. Den absolut reaktionären Vorstellungen des Großmuftis in Bezug auf Frauen und Familie steht eine Null-Toleranz-Linie zu Dschihadisten und Selbstmordattentätern gegenüber. Im August 2014 bezeichnete Al-Scheich die Terrormiliz Islamischer Staat als unislamisch. Zu Selbstmordattentätern sagte er im September 2013, sie seien Kriminelle, die ihres Verstandes beraubt worden seien.

Stecken iranische Medien hinter der Kampagne?

Nun also die "Kannibalen-Fatwa". Die Nachricht verbreitete sich in Windeseile von Marokko bis Indien. Auch die israelische Zeitung "Jerusalem Post" berichtete darüber und bezog sich auf die in London erscheinende Zeitung "Al-Quds al-Arabi". Demnach sollte der Großmufti gesagt haben, die Frau würde ihre Folgsamkeit zeigen, indem sie sich ihrem Mann als Opfer anbiete, um "mit seinem Fleisch eins zu werden".

Saudi-Arabien reagierte indessen empört auf die Berichte und verwies darauf, dass keine entsprechende Fatwa auf der offiziellen Internetseite des Fatwa-Instituts veröffentlicht worden sei. Auch die staatliche Nachrichtenagentur SPA sah sich genötigt, sich zu äußern. Die Fatwa vom "Essen der Frau im Zustand großen Hungers" sei falsch, heißt es. Die Internetseite des von Saudi-Arabien finanzierten Nachrichtensenders "Al-Arabiya" meldet, die Nachricht von der Fatwa sei substanzlos. Die Journalisten von Al-Arabiya verdächtigen iranische und libanesische Medien, die Gerüchte angeheizt zu haben. Bei Twitter schrieben Nutzer, es sei doch so offensichtlich eine Falschmeldung - doch leider hätten schon jetzt zu viele Menschen die Geschichte geglaubt.

Fromme islamische Ratgeber-Webseiten wie "Onislam.net" zeigen sich zutiefst entsetzt, dass solche Aussagen dem Großmufti zugeschrieben werden. Demnach hat sich das Gerücht von einer Seite aus Marokko aus verbreitet und fand dann seinen Platz im aktuellen Medienkrieg zwischen Saudi-Arabien und dem Iran (und ihren jeweiligen Anhängern) wegen des Jemenkrieges. Dort fliegt Saudi-Arabien gemeinsam mit einer arabisch-sunnitischen Allianz Luftangriffe auf die Huthi-Miliz. Die schiitische Gruppe schickt sich an, die Macht über den gesamten Jemen zu übernehmen und wird mutmaßlich vom Iran unterstützt.

Quelle: ntv.de