Panorama

Weltweite Weihnachten Kitsch und Küsse, Guinness und Gebete

Überall auf der Welt ist Weihnachten hektisch, kommerzialisiert und von ästhetisch zweifelhaftem Wert. Doch halt: New Yorker treffen ihre Wodka-trinkende Tante, Irische Frauen erholen sich am 6. Januar, Chinesen küssen unterm Christbaum, Kinder in Kamerun singen und tanzen. Es ist halt doch das Fest der Liebe.

Kitschbaumtag in China

Von Marcel Grzanna, Schanghai

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Ein weihnachtlicher Verkaufsstand in der chinesischen Stadt Huaibei.

(Foto: REUTERS)

Wenn die Chinesen etwas aus dem Rest der Welt für ihre eigene Kultur übernehmen, dann geschieht das unter vollem Einsatz. Weihnachten zählt seit einigen Jahren zu den Importschlagern. In den Zentren großer Städte findet man geschmückte Tannenbäume, Weihnachtsmärkte mit Glühwein und belgischen Rahmwaffeln, Weihnachtsmänner auf Rentierschlitten und natürlich das unverzichtbare "Jingle Bells" als gefühlte Dauerschleife durch die Lautsprecher von Kaufhäusern und Einkaufsstraßen. Das macht China längst zu einem interessanten Absatzmarkt für die produzierende Industrie, die natürlich auch zu großen Teilen chinesisch ist: 80 Prozent des weltweiten Bedarfs an Christschmuck wird in der Volksrepublik hergestellt.

Der entscheidende Unterschied zu Deutschland ist das Image von Weihnachten. In China wird Weihnachten als Fest der Romantik vermarktet. Valentinstag hoch fünf sozusagen. Es wird geküsst und verkuppelt unter dem Christbaum, bis dem Weihnachtsmann die Liebe aus den Ohren heraus kommt. Der christliche Hintergrund ist den meisten Menschen fremd. Das liegt natürlich am angespannten Verhältnis der autokratischen Diktatur zur Religion. Weihnachten ist solange okay, wie es ohne engen Bezug zur katholischen Kirche gefeiert wird. Es sei denn es handelt sich um die staatliche Kirche, die den Menschen die Inhalte des christlichen Glaubens vorgibt und deswegen mit dem Vatikan ziemlich über Kreuz liegt.

Feiertage gibt es zu Weihnachten dennoch nicht. Schon gar nicht in chinesischen Unternehmen, aber auch manche ausländische Firmen lassen ihre Mitarbeiter zum Dienst erscheinen. Beispiel: Bosch. Deutsche Angestellte müssen sich dort Urlaub nehmen, wenn sie mit der Familie die Weihnachtstage verbringen wollen. Das Hauptargument für solche eine Firmenpolitik ist dann immer, dass die Deutschen im Gegenzug an chinesischen Feiertagen frei haben. Das stimmt aber nur bedingt, weil in den deutschen Hauptquartieren niemand darauf Rücksicht nimmt, ob ein Manager gerade das Drachenbootfest feiert. Er wird trotzdem zur Telefonkonferenz gebeten.

 

Keine Feierstimmung in Homs

Von Samir Matar, früher Homs, heute Berlin

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Syrische Jugendliche tragen eine Krippe mit Jesusfigur durch Damaskus. Das Bild entstand am 23. Dezember 2008.

(Foto: ASSOCIATED PRESS)

Weihnachten ist bei uns in Syrien ein sehr soziales Fest. Man geht Bekannte und Nachbarn besuchen, bleibt höchstens eine halbe Stunde und geht dann weiter. Genauso kommen umgekehrt viele Leute zu Besuch, denen man Bonbons, Obst und Kaffee anbietet. So geht es den ganzen Tag. Anders als andere Orthodoxe feiern die syrisch-orthodoxen Christen Weihnachten am 25. Dezember und nicht am 6. Januar. Auch Muslime und andere Religionsgruppen haben zu diesem Datum frei, es ist ein gesetzlicher Feiertag.

Daher feiern die Christen nicht nur unter sich, auch muslimische Nachbar kommen vorbei, um den Christen zu ihrem Feiertag zu gratulieren. In der Familie gibt es dann am Abend ein großes Essen. Meist beginnt das Mahl mit den typischen syrischen Vorspeisen, den Mezze. Das sind zum Beispiel frische Salate und pikante Dips mit Fladenbrot oder Kibbe, Bulgur-Hackfleisch-Bällchen, die in einer Joghurtsuppe gekocht werden. In Homs wird zu Weihnachten traditionell Schakiriya gegessen, eine Joghurtsuppe mit Lammfleisch und Reis.

Ähnlich wie in Deutschland gehen nicht alle Syrer zu Weihnachten in die Kirche. Wer zum Gottesdienst geht, hört in vielen orthodoxen Kirchen Weihnachtslieder und Gesänge, und Zuhause das Lied "Laylat Eid" (Heiligabend) der Sängerin Fairuz. Es hat die gleich Melodie wie "Jingle Bells" und ist ein echter arabischer Weihnachtsklassiker. Während die Syrer sich auch beim Weihnachtsschmuck sehr an europäische Traditionen angepasst haben - es gibt sogar Weihnachtsbäume und Krippen - sind sie bei den Geschenken bescheidener: Bei uns kriegen nur die Kinder etwas. Aber sie bekommen kein Spielzeug, CDs oder Spielekonsolen, sondern neue Festtagskleidung, die sie dann sofort für das Fest auch anziehen.

In diesem Jahr werden die syrischen Christen ihr Weihnachtsfest allerdings stiller als sonst begehen. Bei unseren Verwandten in Homs ist niemand in Feierstimmung. Alle haben Angehörige und Freunde verloren. Dieses Jahr geht es nur darum, Mitgefühl zu zeigen mit den anderen.

 

Wodka in New Jersey

Von Josh Powers, New York City

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Am Rockefeller Center in New York.

(Foto: ASSOCIATED PRESS)

In New York sind die Feiertage ganz besonders geschäftig. Es gibt Weihnachtspartys bei der Arbeit, man trinkt und lacht mit Kollegen, von denen alle rote oder weiße Pullover zu tragen scheinen. Es gibt Weihnachtskonzerte - mein Lieblingskonzert ist das eines Chores, in dem mein 68-jähriger Vater singt. Seit er im Ruhestand ist, ist das seine Leidenschaft. Zuhause bereitet er sich auf seine Auftritte vor, indem er Triller übt. Er zieht Anzug und Krawatte an und packt seine Notenblätter vorsichtig in eine Aktentasche. Dann macht er sich auf den Weg zur Kirche. Dabei wirkt er wie ein Kreditvermittler, der einem kleinen Land eine Geldspritze bringt.

An Heiligabend renne ich immer herum und erledige meine allerletzten Einkäufe an den glitzernden Weihnachtsständen am Union Square, wo ich das perfekte Geschenk für einen Cousin oder einen Freund finde. Am nächsten Tag fahren meine Frau und ich mit dem Bus zu meinem Vater, der auf der anderen Seite des Flusses in New Jersey wohnt. Sein Haus ist voll mit Freunden und Verwandten. Es gibt ein Buffet mit Plätzchen und Kuchen. Meine Tante Mary hat schon ein paar Glas Wodka mit Cranberrysaft getrunken. Sie trägt ihren Lieblingsweihnachtspullover mit Batteriebetrieb: Wenn sie einen Knopf auf dem Ärmel drückt, dann gehen die Lichter am Weihnachtsbaum an. Auch ihre Socken haben Lichter. Sie ist die Härteste.

Wir öffnen die Geschenke, und wenn wir Glück haben, befindet sich ein annehmbarer Pianist im Haus, der ein paar Weihnachtslieder schmettern und dazu auf dem verstimmten Klavier spielen kann. Im Haus sind Republikaner und Demokraten, aber man merkt den Unterschied nicht. Wir sprechen nicht über Politik. Wir verhätscheln meine zwölfjährige Nichte, die gerade ein Dutzend Geschenke ausgepackt hat. Der Boden ist übersät mit Geschenkpapier. Draußen schneit es, zumindest in diesem Bericht. Manchmal schneit es aber wirklich zu Weihnachten. Ein perfektes Bild für die Busfahrt zurück nach Manhattan. Fröhliche Weihnachten! Happy Holidays!

 

Guinness für Santa in Irland

Von Brendan Hennessy, Cork

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Die Finanzkrise hat dem irischen Boom ein Ende gesetzt. Irland wurde wieder zum Auswanderungsland.

(Foto: REUTERS)

Nollaig Shona Daoibh go léir - Frohe Weihnachten aus Irland! Wie jedes Jahr warten wir darauf, dass der Weihnachtsmann, Dadaí na Nollag, am Heiligen Abend vom Nordpol zu uns kommt. Die Kinder finden ihre Geschenke dann am nächsten Morgen - manche an ihrem Bett, aber meist liegen die neuen Spielsachen um den Kamin und in den Socken, die am Kaminsims hängen. Manchmal hinterlässt Santa eine ziemliche Unordnung: Asche ist verstreut um den Kamin, die Schürhaken liegen herum. Das kann schon mal passieren, denn er kommt ja durch den Schornstein. Ich glaube, er trinkt auch ganz gern mal die Flasche Guinness, die wir ihm hinstellen, denn sie ist am Morgen immer leer.

Wie wahrscheinlich überall ist Weihnachten in Irland eine ziemlich kommerzialisierte Veranstaltung geworden, auch wenn es ein paar Initiativen gab, die Feierlichkeiten auf den Dezember zu beschränken. Trotzdem sind die Mitternachtsmesse (die an manchen Orten schon um 20 Uhr beginnt!) und die Gottesdienste am 25. Dezember noch immer sehr gut besucht. Viele Familien werden für Angehörige beten, die auswandern mussten und jetzt weit weg sind. Andere beten, dass sie den Truthahn nicht haben anbrennen lassen.

Da Weihnachten als Zeit des Gebens bekannt ist, sammeln die Hilfsorganisationen Geld, Spielzeug und Lebensmittel für Familien in Irland, aber auch in den armen Ländern dieser Welt. Irland hat gerade einen wirtschaftlichen Albtraum hinter sich gebracht - wir haben den heiligen drei Königen von der Troika gerade erst Lebewohl gesagt. Wir hoffen, dass sie im nächsten Jahr nicht wiederkommen.

Der letzte irische Weihnachtsbrauch, bevor die Weihnachtsbäume abgebaut und Lametta, Kugeln und Lichter weggeräumt werden, Nollaig na mBan, die Frauenweihnacht, die auf den 6. Januar fällt. An diesem Abend gehen Frauen aus, feiern zusammen und erholen sich von Sandwiches mit gekochtem Schinken, Truthahnsuppe und dem furchtbaren Krach elektrischer Spielsachen. Bis dahin Ath Bhliain faoi mhaise daoibh go léir: ein glückliches neues Jahr euch allen!

 

Das Fest der Kinder in Kamerun

Von Edith Fosso, früher Kamerun, heute Irland

Über seine christliche Bedeutung hinaus ist Weihnachten in Kamerun ein großes Fest, das Familien zusammenbringt. Am Weihnachtstag, dem 25. Dezember, verwischen religiöse Grenzen und Animisten, Muslime und Christen kommen am gleichen Tisch zusammen, um den gleichen Wein und die gleiche Freude zu teilen. Und alle rufen sich "joyeux noël", fröhliche Weihnachten, zu.

Für Eltern ist es an Weihnachten besonders wichtig, ihre Kinder glücklich zu machen und vor allem: das Tier für das Fest zu kaufen. Familien ohne Einkommen verkaufen die Produkte ihrer Farm, um davon Kleidung und Schuhe für ihre Kinder zu kaufen und die Zutaten für das Fest.

Das Tier wird am Morgen des 24. Dezember von einem Familienmitglied geschlachtet. Das Weihnachtsessen ist normalerweise ein Eintopf mit Reis und Tomaten.

Auf den Straßen ist alles im Rhythmus der Kirche. Am Heiligen Abend gehen einige Familienmitglieder zur Abendmesse, während die anderen zu Hause bleiben und das Essen vorbereiten. Nach der Andacht laufen die Kinder zu einem eigens für diesen Anlass von ihnen gebauten kleinen Häuschen aus Stroh. Den ganzen Abend tanzen die Kinder oder singen christliche Lieder. Immer wieder finden sich neue Gruppen auf der Straße zusammen und führen kleinen Vorstellungen auf oder erzählen lustige Geschichten.

Am Morgen des 25. machen sich alle Familienmitglieder zurecht und gehen zum Gottesdienst. Nach der Messe laufen die Kinder weite Strecken, um anderen Familien frohe Weihnachten zu wünschen und mit ihnen zu feiern. Sie verschenken Blumen als Zeichen für Frieden und Gemeinschaft. Alle Kinder, egal ob sie mit der Familie verwandt sind oder nicht, werden überall herzlich empfangen und bekommen für ihre Festtagsgrüße Geld, Essen oder Süßigkeiten geschenkt.

 

Schnee im chilenischen Hochsommer

Von Alejandro Salazar, Valparaíso

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In Valparaíso kommt der Weihnachtsmann traditionell mit einem Fischerboot.

(Foto: REUTERS)

Hier in Chile ist vieles an Deutschland und den USA orientiert, was vor allem historische Gründe hat: Deutsche Einwanderer im 19. Jahrhundert, im 20. Jahrhundert wirtschaftliche Berater aus dem Norden. Was Weihnachten angeht, ist auch deshalb vieles ähnlich. Zwei Ausnahmen gibt es. Erstens: Es gibt keinen Nikolaustag. Zweitens: Es ist Sommer! Die aus der nördlichen Hemisphäre importierten Bräuche sind manchmal etwas seltsam.

So sind unsere schwitzenden Weihnachtsmänner in ihren Kostümen wirklich nicht zu beneiden. Wir stellen auch Weihnachtsbäume in unsere Wohnzimmer und schmücken sie. Viele bei uns verzichten noch nicht einmal auf Schnee aus weißem Farbspray oder Watte auf Zweigen und Tannennadeln. Das alles, während es draußen so warm ist, dass wir in T-Shirt, kurzen Hosen und getönten Brillen in der brennenden Sonne sitzen! Bis Ende Februar, also den kompletten Hochsommer über, gibt es übrigens keinen Schulunterricht. Weihnachten ist auch deshalb ein Fest - es läutet die monatelangen Ferien ein. Feliz navidad!

 

Novij God mit Thymian-Tee und Trinksprüchen

Von Shenja Gunter, Moskau

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Nicht alle Moskauer verlassen die Hauptstadt am Silvesterabend.

(Foto: REUTERS)

Das russische Weihnachtsfest findet erst im Januar statt. Geschenke und einen geschmückten Baum gibt es in Russland ohnehin nicht zu Weihnachten, sondern zu Silvester. Kurz vor Novij God herrscht immer großes Treiben, und es gibt furchtbar viel zu tun. Aber sobald wir aus der Stadt heraus sind und uns auf dem Land versammeln (wir sind immer mindestens zu sechst) und die riesige Blaufichte erblicken, die weit über das Dach der alten Datscha ragt, ist alle Moskauer Hektik vergessen, und wir spüren, dass das neue Jahr naht!

Zuvor hast du eine Tasche vollgepackt, in der sich so viele Lebensmittel befinden, dass du ein ganzes Regiment Soldaten damit sättigen könntest, doch dann machst du dir einen Tee mit Thymian und genießt die friedliche Winterruhe. Das ist wahrscheinlich der eigentliche Grund, weshalb jeder versucht, Moskau zu verlassen. Und abseits von all dem Lärm und Stress der Stadt hat man auch die nötige Muße, um die typischen Wintersalate, das Entengericht und die traditionellen Kuchen vor- und zuzubereiten und nebenbei ein wenig Krimsekt zu schlürfen.

Um zehn Uhr abends sitzen wir alle um den Tisch versammelt, und es werden die ersten Trinksprüche auf das vergangene Jahr ausgebracht. Jeder findet irgendetwas, das im alten Jahr gut war und erwähnenswert ist, und einen Grund, weshalb sich die vergangenen zwölf Monate überhaupt gelohnt haben. Um Mitternacht öffnen wir das Fenster, damit das alte Jahr hinaus und das neue sich seinen Platz suchen kann, und dann beschenken wir einander. Dann gehen wir hinaus in den Garten zu unserer geschmückten Jolka. Wenn nicht gerade minus 20 Grad herrschen, sodass einem vor Kälte die Wimpern gefrieren, singen wir mit Gitarrenbegleitung in Stiefeln und Mänteln Lieder. Doch normalerweise hört keiner unseren Gesang, denn das Feuerwerk rundherum ist lauter. Jeder genießt diese Nacht auf seine Weise.

Zusammengestellt von Jan Gänger, Nora Schareika, Roland Peters und Hubertus Volmer

Quelle: n-tv.de

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