Panorama

Jahrelange Wartelisten in Städten Kleingärtnerei erlebt einen Boom

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Blick auf eine Dresdner Kleingartenkolonie.

(Foto: picture alliance / dpa)

In Kleingärten wird die deutsche Regelungswut ausgelebt. Oder nicht? Tatsächlich lassen die Parzellenanlagen dieses Image immer mehr hinter sich. Großstädter und junge Familien entdecken die Vorzüge des naturnahen Refugiums.

Penibel und engstirnig zu sein - dieser Ruf haftet Kleingärtnern oft an. Die Hecken akkurat geschnitten, die Gemüsebeete unkrautfrei, der Rasen exakt drei Zentimeter hoch. Der für die Imagepflege der rund 950.000 deutschen Kleingärtner zuständige Geschäftsführer des Bundesverbands Deutscher Gartenfreunde, Stefan Grundei, kennt das: "Wir gelten oft als Ansammlung von Spießern, die nichts Besseres zu tun haben als den Nachbarn zu schikanieren."

Im Bemühen um ein besseres Image haben die Gärtner nach Überzeugung von Verbandschef Peter Paschke aber viele gute Argumente. Früher lag der Schwerpunkt auf der Produktion von Lebensmitteln für den Eigenbedarf. "Heute sind wir Vorreiter der Nachhaltigkeit", sagt Paschke beim Verbandstag in Rostock. Die Menschen wollten wissen, woher die Lebensmittel kämen. Und Eltern ihren Kindern zeigen, dass die Kartoffel nicht im Regal wächst. 

In Berlin muss man mit vier Jahren Wartezeit rechnen

So liegt der Anteil junger Familien bei Neuverpachtungen den Angaben zufolge bei 40 Prozent. Der Run auf Kleingärten in den Städten ist Paschke zufolge riesig. Anders als auf dem flachen Land gebe es kaum Leerstand. So umfasse die Warteliste auf einen der 70.000 Berliner Gärten 12.000 Namen. Bei jährlich 3000 Pächterwechseln ist klar, dass hier eine jahrelange Wartezeit ansteht.

Die Kleingärtner sehen sich als großer Umweltverband. "Wir setzen auf naturnahes Gärtnern, wir sind Vorreiter der Bio- und Ökobewegung", erklärt Paschke. Die Gärten seien die grünen Lungen der Städte. Doch es gibt Konflikte mit den Städten: Der Renaissance der Gärten steht das stete Wachstum der Metropolen gegenüber. Es kommt zu erbitterten Auseinandersetzungen, wenn Gärten Wohnbauten weichen sollen.

Grundei will solche Streitpunkte entschärfen: "Wir müssen der Gesellschaft etwas zurückgeben, weil wir unter sehr privilegierten Umständen Flächen zur Verfügung gestellt bekommen." Grundei sieht die Möglichkeit zum Kompromiss mit den meist finanziell gebeutelten Großstädten in Kleingartenparks statt halbverwilderten kommunalen Grünanlagen. "Die sind städtebaulich so organisiert, dass sie von der Bevölkerung als Durchgang etwa beim Einkauf oder nur zum Spaziergang genutzt werden können."

Ohne Zaun haben viele Angst vor Dieben

Zum einen seien solche Gärten abwechslungsreich und ein schöner Blickfang. Zum anderen hätten die Kommunen keinen teuren Pflegeaufwand mehr. Solche Parks seien die Umkehrung von geschlossenen Kleingartenanlagen: "Wir propagieren als Bundesverband: Die Gärten müssen öffentlich zugänglich sein. Hohe Zäune, verschlossene Tore - das soll es nicht mehr geben", sagt Grundei. Oft gebe es die Befürchtung, dass Gemüse und Obst in solchen offenen Anlagen vor Dieben nicht sicher seien. "Es ist auch nicht schlimmer als bei Anlagen, die einen Zaun haben."

Der Status der Gemeinnützigkeit bedeute auch, dass man für die Gemeinschaft da sei, betont Verbandschef Paschke. "Da kann man sich nicht einigeln." Genau hier hakt Umweltministerin Barbara Hendricks (SPD) ein - und bringt die Gärtner mit den Tausenden Flüchtlingen in Verbindung, die nach Deutschland kommen oder schon da sind. Sie bräuchten Brücken in die Gesellschaft. "Wer könnte diese Brücken besser schlagen als die ehrenamtlichen Vereine - vom Sport bis zu den Kleingartenvereinen."

Quelle: ntv.de, Joachim Mangler, dpa

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