Panorama

Streit über Grundschulbildung Länder lehren Orthografie unterschiedlich

Rechtschreibung.jpg

Bonner Psychologen haben ermittelt, dass Grundschüler Orthografie am besten nach der sogenannten Fibelmethode lernen.

picture alliance/dpa

Eine Studie ergibt: Kinder lernen die Rechtschreibung am besten nach der klassischen Fibel-Methode. Jetzt streiten sich Lehrer und Schulen darüber, wie der Lernstoff vermittelt werden soll. In den meisten Ländern ist die Begeisterung für neue Ansätze ohnehin klein.

In Deutschland ist ein Streit über die beste Rechtschreib-Lernmethode entbrannt. Auslöser ist eine Studie, in der die klassische Fibel-Methode für Grundschüler deutlich besser abgeschnitten hat als Ansätze wie "Lesen durch Schreiben" (LDS) und "Rechtschreibwerkstatt". Die Frage sei nun, ob man Grundschulen noch gestatten könne, "ausschließlich oder vorwiegend" nach den zwei Verfahren zu unterrichten, die in der Untersuchung sehr schlecht abgeschnitten hatten. Das sagte der Präsident des Deutschen Lehrerverbands, Hans-Peter Meidinger. "Die Bonner Studie gibt klar Hinweise, dass Schreiben nach Gehör nicht zu der angestrebten Rechtschreibkompetenz der Schüler führt."

Rechtschreib-Lernmethoden

Die Methode Lesen durch Schreiben basiert auf der Idee, dass Schüler möglichst viel frei schreiben und das Lesen darüber mitlernen sollen. Korrekturen von falsch geschriebenen Wörter sind diesem Modell nach unerwünscht, weil davon ausgegangen wird, dass es die Kinder demotiviere. Laut der Bonner Untersuchung machen Kinder, die mit „Lesen durch Schreiben“ unterrichtet wurden, am Ende der vierten Klasse im Schnitt 55 Prozent mehr Rechtschreibfehler als Fibelkinder.

Auch die Rechtschreibwerkstatt als Lernmethode gibt keine feste Abfolge der Lernschritte vor. Die Kinder sollen den Stoff selbstständig in individueller Reihenfolge und ohne zeitliche Vorgaben bearbeiten. Bei der „Rechtschreibwerkstatt“ unterlaufen den Schülern laut Studie sogar 105 Prozent mehr Rechtschreibfehler als Fibelkindern.

Die Fibel-Methode führt schrittweise einzelne Buchstaben und Wörter ein. Fibeln sind so aufgebaut, dass die Grundschulkinder die Schriftsprache in einem fest vorgegebenen, strukturierten Ablauf erlernen und so einen schriftsprachlichen Grundwortschatz aufbauen. Hilfestellungen und Korrekturen durch die Lehrperson sind fester Bestandteil. Laut Studie wiesen Fibelkinder die besten Rechtschreibleistungen auf.

In der Untersuchung hatten Bonner Psychologen ermittelt, dass Grundschüler Orthografie am besten nach der sogenannten Fibelmethode lernen. Dabei werden Buchstaben und Wörter schrittweise und nach festen Vorgaben eingeführt, systematisch aufgebaut vom Einfachen zum Komplexen. Die untersuchten Lernerfolge von gut 3000 Grundschulkindern in Nordrhein-Westfalen waren deutlich höher als bei dem Ansatz "Lesen durch Schreiben", mitunter auch als "Schreiben nach Gehör" bezeichnet. Die meisten Fehler ermittelte die Studie bei Kindern, die nach der eher seltenen "Rechtschreibwerkstatt" lernten. Die Studie hat eine breite Debatte ausgelöst.

Die Aussage, dass die "Fibel" zu einer besseren Rechtschreibung führe, ist dem Grundschulverband viel zu pauschal. "Eine solche Allgemeinaussage ist nach dem aktuellen Forschungsstand nicht möglich und höchst irreführend", kritisierte der Verband. Meidinger vom Deutschen Lehrerverband hält dagegen: Es gebe keinen Grund zur Vermutung, dass die Studie unwissenschaftlich sei, die Ergebnisse sollten ernst genommen werden. "Lehrkräfte brauchen großen pädagogischen Freiraum bei der Wahl der Methoden. Die Grenze ist aber erreicht, wenn das Lernziel nicht geschafft wird."

Udo Beckmann, Bundesvorsitzender der Lehrergewerkschaft Verband Bildung und Erziehung, warf ihm wiederum vor, die Arbeit vieler Grundschullehrkräfte zu diskreditieren. Viele Lehrer arbeiteten erfolgreich mit einem Ansatz, der das LDS-Konzept mit einbaue. "Jede einzelne Schule sollte die Entscheidung treffen, auf welche Weise sie den Kindern in den ersten Schuljahren das Lesen und Schreiben vermittelt", forderte der VBE-Chef.

Wie häufig unterrichten Pädagogen nach der in die Kritik geratenen "Lesen-Durch-Schreiben"-Methode und der weniger häufigen "Rechtschreibwerkstatt"? Ein Blick in die Bundesländer - sie sind zuständig für Schulfragen - zeigt ein unterschiedliches Bild, unter dem Strich aber eher wenig Begeisterung für "Lesen durch Schreiben" und viel Zuspruch für die Fibel-Methode.

Bundesweiter Flickenteppich bei Grundschulbildung

In NRW als bevölkerungsreichstem Bundesland gibt es derzeit keine zentral vorgeschriebene Methode. Aber: LDS soll demnächst noch in der ersten Klasse angewendet werden, wie FDP-Schulministerin Yvonne Gebauer bereits 2017 angekündigt hatte. Rheinland-Pfalz setzt auf einen Methodenmix. Eine Umfrage 2017 habe ergeben, dass nur in 14 von 960 Grundschulen ausschließlich mit LDS gearbeitet werde. 

Hamburg gehört zu den Ländern, die die LDS-Methode bereits für unzulässig erklärt haben.In Schleswig-Holstein darf seit Beginn dieses Schuljahres auch nicht mehr danach unterrichtet werden. Aus Berlin heißt es, LDS in "Reinform" gebe der Rahmenlehrplan nicht her. Baden-Württemberg hält ebenfalls nichts von LDS, spricht von einem "seit langem wissenschaftlich hoch umstrittenen" Ansatz. In Bayern kommt die Methode nicht zum Einsatz, ebenso wie im Saarland, jedenfalls nicht "in Reinform".

In Thüringen werden Grundschüler überwiegend nach der Fibel-Methode unterrichtet. Der aktuelle Vorsitzende der Kultusministerkonferenz, Erfurts Linken-Bildungsminister Helmut Holter, sagte, man werde nach den "wichtigen Hinweisen" der Bonner Studie über Schlussfolgerungen beraten.

In Sachsen lernen Kinder vor allem mit der Fibel, die Grundschulen sind aber frei in ihrer Wahl. Sachsen-Anhalt legt die Entscheidung ebenfalls in die Hände der Lehrkräfte. In Mecklenburg-Vorpommern nutzen 86 Prozent die Fibel und nur zwei Prozent LDS.

Brandenburg sagt, man habe aktuell keinen Überblick. Auch in Niedersachsen lägen keine landesweiten Erkenntnisse darüber vor, welche Schulen nach welchen Methoden arbeiteten. Das entschieden die Schulen selbst. Eine kritische Prüfung der eingesetzten Lernmethoden sei unabhängig von der Studie ohnehin vorgesehen.

Quelle: n-tv.de, nen/dpa

Mehr zum Thema