Panorama

Kampf um Moskaus "grüne Lunge" Lage in Chimki eskaliert erneut

2sgf2149.jpg7905836547983904731.jpg

Sergei Udaltsov von einer linken Jugendbewegung unterhält sich im Wald von Chimki mit Polizisten. Der Wald soll abgeholzt werden damit die gebührenpflichtige Autobahn Moskau - St. Petersburg errichtet werden kann.

(Foto: dpa)

Das Wäldchen von Chimki soll gerodet werden, damit Platz für eine Autobahn ist. Wenn das passiert, so befürchten die Moskauer, wird die Luft in der Haupstadt noch schlechter.

Sogar Blut ist schon geflossen im Kampf um den Wald von Chimki vor den Toren Moskaus. Wegen seiner kritischen Berichte über Baumrodungen für eine neue Autobahn wurde etwa der Chef der Lokalzeitung "Chimkinsker Prawda", Michail Beketow, Ende 2008 fast totgeprügelt. Er ist heute Invalide. In diesen heißen Juli-Tagen - wo die schwersten Waldbrände seit Jahrzehnten in Russland wüten - ist die Lage erneut eskaliert. Erst stürmten Schlägertrupps, die nationalistische Parolen grölten, ein Lager von Umweltschützern. Dann beschossen maskierte Linksextreme mit Rauchbomben und Gummigeschossen die Verwaltung von Chimki. "Rettet den russischen Wald", riefen sie.

Nur selten erhitzt ein Thema die russische Öffentlichkeit so. Es geht um einen Wald mit Eichen, die Hunderte von Jahren alt sind. Die Bäume sollen weichen, damit hier eine Autobahn von Moskau nach St. Petersburg gebaut werden kann. 7 Hektar sind schon gerodet - von 1000 insgesamt. Es geht auch um etwa sechs Milliarden Euro für das Projekt. Doch immer wieder stoppen die beispiellosen Proteste die Arbeiten. Der Wald ist Teil der wichtigen "grünen Lunge" für die mehr als zehn Millionen Menschen in der Hauptstadt Moskau.

Engagement stößt an seine Grenzen

Wie so oft bei Fragen von nationalem Interesse, sehen die kritischen Medien die Fäden bei einem Mann zusammenlaufen: Regierungschef Wladimir Putin. Aus Protest gegen das Abholzen luden Umweltschützer auch vor Putins Regierungssitz Baumstämme ab. Putin-Sprecher Dmitri Peskow bestätigte, dass sein Chef die Vorgänge um Chimki genau verfolge.

"Das endgültige Todesurteil für den Wald wurde mit einem Erlass Putins 2009 unterzeichnet, hier eine Schnellstraße von Moskau nach St. Petersburg bauen zu lassen", sagt Jewgenija Tschirikowa von der Bürgerinitiative "Bewegung für den Schutz des Waldes von Chimki". Mit ihren Dutzenden Mitstreitern muss Tschirikowa aber derzeit immer wieder erleben, wie schnell zivilgesellschaftliches Engagement in Russland an seine Grenzen stößt.

Sie und die anderen Waldschützer, aber auch Journalisten fanden sich schon mehrfach in Polizeigewahrsam wieder. Einigen Aktivisten drohen Anklagen nach den gefürchteten Extremismus-Gesetzen. Dabei zweifeln sie in friedlichen Protesten - aber seit Jahren mit Nachdruck und wachsender Anhängerschaft - lediglich an, dass die Bäume wirklich nach Recht und Ordnung gerodet werden. Auch seien etwa andere Varianten einer Trassenführung nicht ausgelotet worden.

Gefälschte Gutachten

Die Umweltorganisation World Wide Fund For Nature (WWF) kritisiert in einer Stellungnahme, dass die russischen Behörden die Umweltgesetze je nach Bedarf zurechtbögen. Das zeige sich auch in dem Schwarzmeerkurort Sotschi, wo 2014 die Olympischen Winterspiele ausgetragen werden. Immer wieder würden Materialen von öffentlichen Anhörungen und Gutachten zulasten der Umwelt gefälscht, sagt die WWF-Mitarbeiterin Jewgenija Schwarza.

Dabei hat auch Kremlchef Dmitri Medwedew kurz nach seinem Amtsantritt 2008 mehr Umweltschutz versprochen. 40 Millionen Menschen in Russland lebten in einer ungesunden Umgebung, eine Million davon leide unter einer gefährlichen Verschmutzung ihrer Umwelt, sagte er damals. Der Moskauer Konfliktforscher Boris Kagarlizki sieht den Grund für die gewaltsamen Proteste um Chimki darin, dass die russischen Behörden die Gespräche mit Bürgern mieden und damit soziale Spannungen unnötig schürten.

Ein Ende in dem Streit ist nicht in Sicht: Die Baufirma wies immer wieder Vorwürfe zurück, sie habe gar keine gültigen Papiere zum Abholzen des Waldes. Die stämmigen Bauarbeiter beschimpfen die Waldschützer als "Öko-Terroristen". Sie können ihre Bulldozer nur unter Polizeischutz roden lassen. Umweltschützer verdächtigen die Firma und die Behörden auch, selbst die Schlägertrupps für die brutale Attacke auf das Zeltlager der Umwelt-Aktivisten organisiert zu haben, damit die Maut-Autobahn schon bald profitable Wirklichkeit wird.

Quelle: ntv.de, Ulf Mauder, dpa