Panorama

Wulff und Merkel in Krisenregion Land unter am Elbunterlauf

Die Hochwasserlage an der Elbe in Norddeutschland hat sich weiter verschärft. An mehreren Orten erreichten die Fluten neue Höchststände jenseits der Werte des Jahrhunderthochwassers von 2002. Im niedersächsischen Hitzacker war bei einem Pegelstand von 7,60 Metern -zehn Zentimeter mehr als 2002 -die historische Altstadt nahezu komplett überflutet. Im schleswig-holsteinischen Lauenburg standen Teile der Altstadt unter Wasser. Der Fluss schwoll dort auf einen Pegelstand von 9 Metern an. Normal sind hier rund fünf Meter. Meckenburg-Vorpommern rüstete sich für das größte Elbehochwasser seit Beginn der Aufzeichnungen vor 110 Jahren.

Während sich in den Hochwassergebieten in Sachsen-Anhalt und Brandenburg die Lage leicht entspannte, wurde in Sachsen der Katastrophenalarm aufgehoben.

Hochwasserschutz länderübergreifend

Bundesumweltminister Sigmar Gabriel (SPD) plädierte für eine europäische Hochwasserrichtlinie. "Flüsse und Hochwasser machen vor den Grenzen innerhalb Europas nicht Halt", sagte er bei einem Besuch im Flutgebiet der Elbe in Brandenburg. Vorsorgender Hochwasserschutz müsse künftig Vorrang vor dem Deichbau haben. Schleswig-Holsteins Ministerpräsident Peter Harry Carstensen (CDU) kündigte im Krisengebiet in Lauenburg eine Initiative mit anderen Bundesländern zum gemeinsamen Hochwasserschutz an der Elbe an.

Bundeswehr hilft in Hitzacker

In Hitzacker wurde die Lage immer bedrohlicher. Rund 300 Bundeswehrsoldaten trafen in Dannenberg ein, um bei der Sicherung der Deiche zu helfen. "Das Wasser steigt etwa alle zwei Stunden um einen Zentimeter", sagte eine Sprecherin des Kreises Lüchow-Dannenberg. In Dannenberg und bei Laasche sickerte Wasser durch alte Deiche an Jeetzel und Seege. Der Höchststand der Elbe wird in Hitzacker mit 7,75 Metern am Sonntag erwartet. Normal ist dort ein mittlerer Wasserstand von 2,75 Metern.

Politische Konsequenzen gefordert

Die Kreise Lüchow-Dannenberg und Lüneburg hatten nach Ansicht vieler Anwohner viel zu spät erst am Freitag Katastrophenalarm ausgelöst. Im Ort Lüddau helfen 100 Bundeswehr-Soldaten aus Lüneburg bei der Sicherung der Deiche. Die Bewohner sind derweil nicht mehr gut auf den Landrat zu sprechen. Es heißt, Katastrophenalarm werde um jeden Preis so lange es geht vermieden, weil ein solcher Warnruf vom Landkreis – in diesem Fall Lüchow-Dannenberg – bezahlt werden müsse. Die allein gelassenen Anwohner fordern schon jetzt politische Konsequenzen wegen der "fahrlässigen Verzögerungstaktik". Für Sonntag haben sich Niedersachsens Ministerpräsident Christian Wulff und Bundeskanzlerin Angela Merkel beide (CDU) zu einem Besuch im Hochwassergebiet angekündigt.

Weiterer Anstieg in Lauenburg

In Lauenburg kämpften die Helfer gegen die drohende Überschwemmung weiterer Gebäude. Etwa 100 Altstadt-Häuser standen unter Wasser oder waren stark gefährdet. Der Fluss soll bis Montag noch 30 Zentimeter steigen. Damit werden frühere Prognosen weit übertroffen. Experten hatten bis Freitag ausgeschlossen, dass der Wert der Jahrhundertflut von 2002 (8,70 Meter) erneut erreicht werde. Überall in der Altstadt, die direkt an das Flussufer grenzt, wurden Barrieren aus tausenden Sandsäcken gebaut. Als kritisch gilt ein alter Deich am Lauenburger Hafen, der dem hohen Druck auf Dauer nicht standhalten und brechen könnte. Dann sind 900 Hektar Hinterland in Gefahr.

Höchststände in Mecklenburg-Vorpommern

In Mecklenburg-Vorpommern wurde am Pegel in Dömitz mit 6,63 Meter der bisher höchste Wert überhaupt gemessen. Akute Gefahr bestehe aber derzeit nicht, sagte Klaus Möller vom Krisenstab im Landkreis Ludwigslust, wo Katastrophenalarm ausgerufen worden war. In Boizenburg stieg das Wasser auf 6,66 Meter - 21 Zentimeter mehr als 2002 und nur knapp unter dem Maximalwert von 6,70 Metern aus dem Jahr 1895. Der Wasserstand liegt damit gut 4 Meter über Normal.

In den kommenden Tagen wird in der Region der Höchststand der Elbe erwartet. In Boizenburg wird am Sonntag mit 6,85 Metern, am Montag mit 6,90 Metern gerechnet. Trotz dieser Vorhersagen bestehe kein Grund zur Panik, hatte Umweltminister Wolfgang Methling (Linkspartei) betont. Die Deiche seien stabil. Gefährlich werden könnte aber die lange Dauer des Hochwassers.

Pegelrückgang in Sachsen-Anhalt

In Sachsen-Anhalt gingen die Wasserstände der Elbe allmählich zurück. In Magdeburg sinkt der Fluss um einen Zentimeter pro Stunde. In Kreisen Wittenberg und Stendal galt weiter Katastrophenalarm. Der Druck auf die Deiche sei weiter hoch, sagte ein Sprecher des Amtes für Katastrophenschutz. "Wir sind optimistisch, dass wir das Hochwasser ohne größere Probleme überstehen werden", äußerte er sich aber zuversichtlich.

Im brandenburgischen Wittenberge wurde ein Pegelstand von 7,21 Metern gemessen - nur wenige Zentimeter unter der Höchstmarke von 2002 (7,34 Meter). Normal sind etwa 3,70 Meter. Der Höhepunkt der Flut wird hier am Dienstag erwartet. In Mühlberg (Kreis Elbe-Elster) nahe der Landesgrenze zu Sachsen sank die Elbe unter die Acht-Meter-Marke. Eine wesentliche Entlastung der Deiche wäre er bei 7,50 Metern erreicht, sagte eine Sprecherin des Katastrophenstabes. "Daher bleibt die gegenwärtige Situation angespannt, aber nicht dramatisch."

Entspannung in Sachsen

In den sächsischen Hochwasserregionen entspannte sich die Lage weiter. Die Wasserstände gingen langsam, aber kontinuierlich zurück. Der Katastrophenalarm für den Landkreis Sächsische Schweiz und Teile des Kreises Torgau-Oschatz wurde aufgehoben. Die Stadt Dresden hob die Evakuierungsanordnung für den Stadtteil Gohlis auf. In Dresden sank der Pegel um mehr als einen halben Meter in 24 Stunden.

Quelle: ntv.de

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