Panorama

Omikron offenbar milder Londons Covid-Zahlen machen Hoffnung

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Trotz der hohen Inzidenz ist die Londoner City sehr belebt.

(Foto: picture alliance / empics)

Die Covid-19-Zahlen aus London machen Hoffnung, dass eine Omikron-Welle ohne Überlastung des Gesundheitssystems zu überstehen ist. Trotz enorm vieler Infektionen bleibt die Zahl der Intensivfälle dort relativ niedrig. Das bedeutet aber nicht unbedingt, dass auch Deutschland glimpflich davon kommt.

In Großbritannien hat Omikron bereits die Oberhand gewonnen, rund 60 Prozent der Infektionen gehen auf das Konto der Sars-CoV-2-Variante. In London sind es schon fast alle neuen Covid-19-Fälle, die 7-Tage-Inzidenz erreichte dort schon vor Weihnachten 2000 Ansteckungen pro 100.000 Einwohner. Bisher ist die Belastung des Gesundheitssystems aber überschaubar, denn die Hospitalisierungen von schwer Erkrankten steigen wesentlich langsamer als die Neuinfektionen.

Allein gestern wurden in London rund 23.000 Neuinfektionen registriert. Die tatsächliche Zahl dürfte noch höher sein, das britische Gesundheitsministerium weist darauf hin, dass die Daten aufgrund der Feiertage unvollständig sind. Auch die Anzahl der Hospitalisierungen steigt in der 9-Millionen-Einwohner-Metropole seit Ende November deutlich an. Am 1. Dezember lag der 7-Tage-Durchschnitt der Neuaufnahmen bei 108 Patienten, am 23. Dezember bei 343. Laut Chris Hopson, Chef von NHS Providers verdoppelt sich die Anzahl der Covid-19-Patienten aktuell etwa alle 14 Tage.

Nur ein Fünftel wegen Covid-19 im Krankenhaus

Hopson weist aber darauf hin, dass aktuell etwa 3000 Corona-Fälle in Londoner Krankenhäusern liegen, während es zum Höhepunkt der vergangenen Winterwelle Mitte Januar fast 8000 waren. Er hat auch festgestellt, dass viele Kliniken berichten, zahlreiche Patienten seien nicht wegen Covid-19 eingeliefert worden, sondern die Infektion sei erst später festgestellt worden. Laut "The Telegraph" könnte aktuell nur ein Fünftel der Corona-Patienten tatsächlich aufgrund der Infektion im Krankenhaus sein.

Das deckt sich mit Daten, die Bob Wachter von Krankenhäusern der University of Califonia in San Francisco hat, wo laut "The Mercury News" Omicron ebenfalls schon für mindestens 70 Prozent der Infektionen verantwortlich ist. Demnach hat dort der Anteil von symptomlosen Patienten, die positiv getestet wurden, von 0,92 Prozent am 14. Dezember auf 4,6 Prozent zugenommen. Wachter errechnet daraus, dass jetzt in San Francisco die Wahrscheinlichkeit, dass eine asymptomatische Person Covid-19 hat, bei fast 1 zu 20 liegt.

Geringer Anstieg auf Intensivstationen

Dass viele Covid-19-Fälle aktuell nicht wegen, sondern mit der Infektion hospitalisiert wurden, sieht man an der Entwicklung bei den Corona-Patienten, die in London beatmet werden müssen. Hier stieg der 7-Tage-Schnitt seit 1. Dezember lediglich von rund 181 auf knapp 215 Fälle. Mitte Januar 2021 wurden in London noch 1200 Covid-19-Patienten beatmet.

Für das gesamte Vereinigte Königreich sieht die Entwicklung bisher sogar noch positiver aus. Hier sind trotz stark zunehmenden Neuinfektionen auch die Covid-19-Hospitalisierungen im Dezember kaum gestiegen, und die Zahl der beatmeten Patienten ist sogar rückläufig.

Omikron-Erkrankungen offenbar deutlich milder

Die Entwicklung untermauert Erkenntnisse, die die UK Health Security Agency (UKHSA) am 23. Dezember veröffentlichte. Laut "The Guardian" geht sie davon aus, dass bei Omikron das Risiko, wegen einer Infektion ins Krankenhaus zu müssen, um 50 bis 70 Prozent niedriger als bei der Delta-Variante ist. Das Risiko einer Intensivbehandlung sieht die UKHSA um 31 bis 45 Prozent reduziert.

Einen Tag zuvor kam das Imperial College London zu dem Ergebnis, dass die Wahrscheinlichkeit, wegen einer Omikron-Ansteckungen einen Tag oder länger im Krankenhaus zu liegen, um 40 bis 45 Prozent niedriger als bei Delta ist. Eine vorangegangene Infektion senkt das Risiko den Wissenschaftlern zufolge um 61 Prozent, und besonders wichtig: Bei zweimal Geimpften gehen sie davon aus, dass der Schutz vor schweren Erkrankungen weitgehend so hoch wie bei Delta ist.

Auch Omikron kann sehr gefährlich werden

Es scheint also belegt zu sein, dass es bei Omikron deutlich seltener zu schweren Verläufen kommt. Trotzdem kann die Variante für Gesundheitssysteme zu einer großen Bedrohung werden. Das ist alleine schon durch die vielen Patienten der Fall, die erst im Krankenhaus positiv getestet werden. Denn sie müssen isoliert unter besonderen Vorsichtsmaßnahmen behandelt werden, was für die Kliniken einen sehr hohen Aufwand bedeutet.

Entscheidend ist außerdem, dass die Welle nicht so weit ansteigt und lange anhält, dass trotz eines deutlich geringeren Risikos schwerer Erkrankungen die Masse von Infektionen zu so vielen Klinikeinweisungen führt, dass Krankenhauskapazitäten nicht mehr ausreichen. Ob das in London bereits der Fall ist, wird sich erst in der kommenden Woche zeigen, wenn die Zahlen wieder vollständig und aktuell sind.

Hinzu kommen bei extrem hohen Inzidenzen viele Arbeitsausfälle durch Quarantäne, die zu Versorgungsengpässen führen und große ökonomische Schäden verursachen können. Und schließlich besteht die große Gefahr, dass es trotz überwiegend milder Verläufe zu sehr vielen Long-Covid-Fällen kommt, die langfristig das Gesundheitssystem und die Wirtschaft belasten - von den Folgen für die Betroffenen ganz zu schweigen.

Fast alle Briten haben Antikörper

Ob die Entwicklung in Deutschland ähnlich verlaufen wird wie in London oder Großbritannien insgesamt ist zu hoffen, aber noch höchst ungewiss. Wie heftig die Auswirkungen hoher Omikron-Inzidenzen sein werden, hängt von mehreren Faktoren ab. Besonders wichtig sind die Impfquoten und der Anteil der Bevölkerung, der einen Schutz durch eine vorangegangene Infektion hat.

Die britische Statistikbehörde schätzt, dass in England rund 95 Prozent der Bevölkerung Antikörper gegen Covid-19 im Blut hatten. Ebenso hoch sind die Werte für Nordirland und Schottland, für Wales gibt die Behörde rund 94 Prozent an.

Wie in Großbritannien sind in Deutschland zwar rund 70 Prozent der Gesamtbevölkerung geimpft, doch die Zahl der Infektionen ist hierzulande geringer. So kam das RKI bei Stichproben bei Blutspenden zwar auf einen Wert von fast 87 Prozent, doch in dieser Gruppe ist die Impfbereitschaft höher als beim Durchschnitt der Bevölkerung. Einer Modellierung der Leipziger Universität für den MDR zufolge betrug im September der Anteil der immunisierten Menschen in Deutschland möglicherweise etwa 80 Prozent.

Viele ungeimpfte über 60-Jährige in Deutschland

Selbst wenn es inzwischen 85 Prozent sind, wäre dies möglicherweise nicht ausreichend, um eine sehr hohe und länger anhaltende Omikron-Welle zu überstehen, ohne das Gesundheitssystem an die Belastungsgrenzen zu bringen. Denn nach wie vor sind in Deutschland nur rund 87 Prozent der über 60-Jährigen "vollständig" geimpft. Etwa 62 Prozent der Covid-19-Intensivpatienten stammen aktuell aus dieser Altersklasse.

Der Anteil der über 60-Jährigen an der Bevölkerung beträgt knapp 29 Prozent, das sind rund 24,1 Millionen Menschen. Eine Impfquote von 87 Prozent bedeutet, dass rund 3,1 Millionen über 60-Jährige nicht oder nur unzureichend (88 Prozent Erstimpfung) geschützt sind. Regional sehen die Zahlen teilweise noch schlechter als im Bundesdurchschnitt aus. So sind lediglich rund 80 Prozent der über 60 Jahre alten Sachsen vollständig geimpft.

Besser vorbereitet als Frankreich?

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Mit nur 62 Prozent "vollständig" geimpften über 12-Jährigen hat London zwar insgesamt keine gute Quote - im gesamten Königreich liegt der Wert bei 82 Prozent. Die über 60-Jährigen haben aber ähnliche Werte wie in Deutschland und der Altersmedian von London ist mit 38,5 Jahre wesentlich niedriger als derjenige der Bundesrepublik (45,9).

Die Bundesrepublik ist auf Omikron aber möglicherweise besser als andere Länder vorbereitet, da es hierzulande gelungen ist, die Delta-Welle zu brechen und so die Krankenhäuser zu entlasten. Ein Negativbeispiel ist Frankreich mit einer 7-Tage-Inzidenz über 900 und weiter rasant zunehmenden Neuinfektionen.

Fast ebenso schnell steigt dort ungebremst seit Anfang November die Zahl der Covid-19-Intensivpatienten. Omikron ist in unserem Nachbarland zwar auch schon angekommen, aber noch nicht dominant. Laut Santé Publique France waren vergangene Woche aber bereits 30 Prozent der sequenzierten Proben auf die Variante zurückzuführen.

Quelle: ntv.de

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