Panorama

Suche vorerst abgebrochen MH370-Angehörige attackieren Reporter

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Chaotische Zustände im Pekinger Lido Hotel: Hier bedrängt die Presse "nur" einen Airline-Sprecher (Archivbild).

(Foto: REUTERS)

Nach mehr als zwei Wochen nimmt Malaysia Satellitendaten zum Anlass, den Angehörigen von Flug MH370 die offizielle Todesnachricht zu übermitteln. In einem Hotel in Peking kommt es zu Tumulten. Unterdessen musste die Suche nach den Wrackteilen wegen schlechten Wetters abgebrochen werden.

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Eine der dunkelsten Stunden in der jüngeren Geschichte Malaysias: "Mit großer Betroffenheit und Bedauern" überbringt Premierminister Najib Razak der Weltöffentlichkeit die Todesnachricht.

(Foto: imago/Xinhua)

Die Familien der chinesischen Insassen an Bord des Flugzeugs der Malaysia Airlines haben die Nachricht vom Absturz der Boeing 777-200 mit Wut und Erschütterung aufgenommen. Im Pekinger Lido Hotel, wo sie informiert wurden, dass nach Auswertung von Satellitendaten keine Hoffnung mehr auf Überlebende besteht, kam es anschließend zu Tumulten zwischen Verwandten und Reportern.

Wütende Angehörige gingen auf wartende Medienvertreter los. Diese hatten den Saal belagert, in dem die Familien die erschütternden Informationen erhalten hatten und trauerten. Eine Frau schlug empört mit der Tasche auf Kameras ein. "Haut ab!", schrie sie.

Zuvor waren mehrere Verwandte mit tränenüberströmten Gesichtern aus dem Raum gekommen und von sensationsgierigen Reportern massiv bedrängt worden. Einige brachen vor laufenden Kameras auf dem Weg an die Luft zusammen. Beobachter sprachen von einer regelrechten Jagd auf die unmittelbar von der Luftfahrtkatastrophe Betroffenen. Eine Angehörige schlug auf eine Kamera ein, die einen Mann am Boden filmte.

Die Ursache für die Konfrontation liegt nicht nur im mangelnden Respekt auf Seiten einiger Medienvertreter, sondern auch in der Informationspolitik der verantwortlichen Stellen und einer vollkommen unzureichenden Abschirmung der Angehörigen. Die Verwandten waren bereits vor der Pressekonferenz des malaysischen Ministerpräsidenten Najib Razak in dem Hotel informiert worden, dass die Boeing 777-200 allem Anschein nach abgestürzt sei. Einige reagierten mit Schreien und lautem Weinen. Mehrere mussten mit Krankenwagen weggebracht werden. 152 der 239 Insassen von Flug MH370 waren chinesische Staatsbürger.

Fragwürdig erscheint vor diesem Hintergrund insbesondere die Entscheidung der malaysischen Behörden, allein aufgrund von Indizien von einem sicheren Verlust der Maschine und aller Insassen auszugehen. In den vergangenen Wochen war Transportminister Hishamuddin Hussein verstärkt in die Kritik geraten, zentrale Informationen unzureichend und vor allem zu spät aufgedeckt zu haben. Haben sich die Verantwortlichen in Malaysia nun zu früh an die Öffentlichkeit gewagt? Belastbare Beweise für einen Absturz - zum Beispiel in Form von Flugzeugteilen, die eindeutig zugeordnet werden können - gibt es noch immer nicht.

Voreilige Feststellung?

Malaysias Regierungschef stützt sich bei seiner offiziellen Stellungnahme zum Absturz der Boeing 777-200 allein auf eine Analyse neuer Satellitendaten. "Mit großer Betroffenheit und Bedauern muss ich Sie informieren, dass Flug MH370 nach diesen neuen Daten im südlichen Indischen Ozean endete", sagte Razak unter Berufung auf neue Informationen des Satellitenbetreibers Inmarsat und die britische Untersuchungsbehörde für Luftunfälle (AAIB).

Inmarsat betreibt jenen Kommunikationssatelliten, der die letzten, ungenauen Signale des vermissten Passagierflugzeugs aufgefangen hatte. Aufgrund dieser Signale hatten die Ermittler die Suche auf einen nördlichen und einen südlichen Suchkorridor eingeschränkt, in dem sich die Maschine befunden haben muss.

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Trümmerfeld oder Treibgut? Noch ist kein einziges der gesichteten Objekte geborgen.

(Foto: REUTERS)

Malaysian Airlines erklärte, Inmarsat und die AAIB gingen nach einer neuen Daten-Auswertung davon aus, dass MH370 von seiner ursprünglichen Nordroute abgewichen und in den Südkorridor geflogen sei. Demnach befinde sich "seine letzte Position (....) mitten über dem Indischen Ozean". Den Daten zufolge liege die Absturzzone "westlich von Perth". Aus der abgelegenen Position leiten die Behörden in Malaysia nun offenbar ab, dass es keine Überlebende gibt - und das obwohl noch nicht mit hundertprozentiger Sicherheit ausgeschlossen werden kann, dass es nicht vielleicht doch zu einer Notwasserung kam.

Suche wegen schlechten Wetters abgebrochen

In diesem "ungelaublich schmerzhaften Moment" seien Gebete und Gedanken bei den 226 Passagieren und 13 Crewmitgliedern, hieß es in der Erklärung der Fluggesellschaft Malaysia Airlines weiter. "Es gibt keine Worte, die Ihren Schmerz lindern können." Wie der britische Rundfunksender BBC berichtete, informierte Malaysia Airlines Angehörige von Passagieren des Unglücksflugs in einer SMS, dass es keine Überlebenden gebe.

Die Suche nach mutmaßlichen Wrackteilen der Maschine läuft unterdessen weiter auf Hochtouren. In den vergangenen Tagen hatten australische und chinesische Suchflugzeuge weitere verdächtige "Objekte" im Meer vor der Südwestküste Australiens gesichtet, bei denen es sich um treibende Trümmerteile der vermissten Boeing handeln könnte. Die Suche nach Flug MH370 konzentrierte sich zuletzt auf eine entlegene Gegend 2500 Kilometer südwestlich der australischen Stadt Perth.

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Das Suchflugzeug P-8A "Poseidon" der US-Marine hat hochmoderne elektro-optische Kameras und Sensoren an Bord, die selbst kleine Objekt auf dem Wasser orten und bestimmen können.

(Foto: imago/Xinhua)

Die Besatzung eines australischen "Orion"-Flugzeugs habe ein kreisförmiges "graues oder grünes" und ein rechteckiges "orangenes" Teil entdeckt, teilte der australische Premierminister Tony Abbott im Parlament in Canberra mit. Allerdings musste die Suche nach dem verschollenen malaysischen Passagierflugzeug nach Angaben der australischen Behörden unterdessen wegen des schlechten Wetters unterbrochen worden. Ein Sturm, starke Regenfälle und tiefhängende Wolken machten den sicheren Einsatz von Flugzeugen unmöglich, erklärte die Australian Maritime Safety Authority. Wegen des starken Wellengangs werde zudem ein Schiff der Marine die Region verlassen, in der am Montag mögliche Wrackteile von Flug MH-370 gesichtet worden waren.

Chinesen melden "Objekte"

Kurz zuvor hatte bereits die Besatzung eines chinesischen Militärflugzeugs zwei andere "verdächtige Objekte" ausfindig gemacht, wie die chinesische Nachrichtenagentur Xinhua meldete. Ein US-Aufklärungsflugzeug konnte diese Teile anhand der chinesischen Angaben zunächst jedoch nicht lokalisieren.

Abbott zufolge waren drei weitere Militärflugzeuge der australischen, japanischen und der US-Armee auf dem Weg in die Region. Auch China und Neuseeland beteiligten sich an der Suche. Insgesamt waren zehn Suchflugzeuge im Einsatz, darunter auch vier Zivilflugzeuge: zwei Bombardier "Global Express"-Jets, eine "Gulfstream" und eine Airbus A319, mit australischen Freiwilligen an Bord. China schickte zwei Transport-Maschinen vom Typ Iljuschin IL-76 mit Suchgerät nach Perth.

China verstärkt mit sieben Schiffen die Suche zu Wasser. Die US-Marine schickte eine Spezialausrüstung zur Ortung des Flugschreibers in bis zu 6000 Metern Tiefe. Es handle sich um eine "vorsorgliche Maßnahme", erklärte Marinesprecher William Marks. Nach Einschätzung der französischen Luftfahrtbehörde BEA ist es allerdings noch deutlich zu früh für eine mögliche Unterwasser-Suche in dem "extrem großen" Suchgebiet. Drei BEA-Ermittler, die über Einsatzerfahrungen aus der Suche nach Flug AF 447 im Atlantik verfügen, sind bereits in Kuala Lumpur.

Navy-Experten bereiten Schleppsensor vor

Die US-Marine will mit einem Suchgerät im Schleppverfahren die sogenannte "Black Box" des verschollenen Malaysia-Airlines-Flugzeugs aufspüren. Der Detektor sei eine Art hoch sensibles Unterwassermikrofon und könne Signale (Pings) des Flugschreibers bis zu einer Meerestiefe von 6000 Metern erkennen, teilte das US-Verteidigungsministerium mit.

Sollte ein Trümmerfeld des Flugs MH370 entdeckt werden, bedeute das Suchgerät einen "deutlichen Vorteil" bei der Suche nach dem Flugdatenschreiber, der etwa 30 Tage lang akustische Signale aussende. Das in einem wasserdichten und stoßfesten Behälter verpackte Aufzeichnungsgerät registriert Flugdaten wie etwa Kurs, Flughöhe oder Tempo. Zudem zeichnet ein Stimmenrekorder Gespräche und Geräusche im Cockpit auf.

Die Boeing 777-200 der Malaysia Airlines war am 8. März mit 239 Menschen an Bord auf dem Weg von Kuala Lumpur nach Peking von den Radarschirmen verschwunden. Später stellte sich heraus, dass Flug MH370 noch stundenlang mit geänderter Route weitergeflogen sein muss, während die Kommunikationssysteme im Cockpit womöglich von Hand abgeschaltet wurden.

Quelle: ntv.de, mmo/AFP/dpa