Panorama

Freispruch in Trier Mord an Brieger bleibt ungesühnt

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Der Angeklagte schwieg im Prozess.

(Foto: dapd)

47 Jahre alt wäre Lolita Brieger, ihr ungeborenes Kind 28. Doch Briegers Leben endete schon vor fast 30 Jahren, möglicherweise weil sie den falschen Mann liebte. Doch Josef K., ihr damaliger Freund, wird vom Vorwurf des Mordes freigesprochen. Überraschend kommt das Urteil nicht.

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Mit diesem Foto suchte die Polizei nach der vermissten Lolita Brieger.

(Foto: picture alliance / dpa)

Für die junge Lolita Brieger war er wohl die große Liebe. Josef K., von dem sie ein Kind erwartete und den sie auch gern geheiratet hätte. Doch 1982 in der Eifel sind die Verhältnisse nicht so, dass die Tochter eines Schachtmeisters aus Frauenkron den Sohn eines reichen Bauern aus dem Nachbardorf Scheid heiraten konnte. Deshalb trennte sich K. zunächst auf Druck seines Vaters von dem Mädchen. Doch dass er sie und ihr ungeborenes Kind schließlich sogar ermordet hat, sahen das Landgericht Trier schließlich nicht als erwiesen an und sprach den Mann frei.

Die Tat war überraschend nach beinahe 30 Jahren aufgeklärt worden, nachdem sich die Kriminalpolizei und die Staatsanwaltschaft Trier in der ZDF-Sendung "Aktenzeichen XY... ungelöst" ausdrücklich an den oder die möglichen Täter oder eventuelle Mitwisser gewandt hatten. Sie sollten an Briegers alte Mutter denken, die nun seit Jahrzehnten mit der Ungewissheit über das Schicksal ihrer Tochter leben müsse. In der Sendung wurde auch die Liebesgeschichte der beiden jungen Leute noch einmal erzählt, bis zum 4. November 1982, dem Tag, als Brieger spurlos verschwand.

Auf der Müllkippe verscharrt

Nach der Sendung wurde die Polizei auf einen Zeugen aufmerksam, der berichtete, er habe bei der Beseitigung der Leiche geholfen. Der frühere Landwirtschaftshelfer auf dem Hof von K. nannte die örtliche Mülldeponie als den Ort, an dem sie Lolita verscharrten. Die Polizei musste dort lange suchen. Erst nach 14 Tagen wurden sie unter Bauschutt, landwirtschaftlichem Abfall und Hausmüll fündig. Lolita Briegers Leiche war in Plastikfolie gewickelt verscharrt worden.

Warum der Zeuge so lange geschwiegen hat, wurde auch im Prozess nicht ganz deutlich. Als Josef K. von ihm Hilfe bei der Beseitigung der Leiche forderte, sei er geschockt gewesen, "habe aber nicht nachgefragt", berichtete er im Zeugenstand. Er habe Angst gehabt, dass K. ihm die Tat möglicherweise in die Schuhe schieben könnte. "Ich habe gewusst, dass ich besser den Mund halte." Seine eigene Straftat - Strafvereitelung - ist inzwischen verjährt.

Mord, Totschlag? Freispruch

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Beinahe 30 Jahre war die junge Frau unter Müll verscharrt.

(Foto: dapd)

Da das Gericht Mord aus Mangel an Beweisen nicht als erwiesen ansah, geht der Landwirt straffrei aus. Denn auch Totschlag wäre mittlerweile verjährt. Doch insgesamt sah das Gericht offenbar die Täterschaft K.s am Tod von Lolita Brieger nicht zweifelsfrei belegt. Selbst eine Festlegung auf Totschlag wäre allerdings de facto einem Freispruch gleichgekommen. Nur wenn das Gericht auf Mord entschieden hätte, wäre eine Verurteilung zu einer lebenslangen Haftstrafe möglich gewesen. Außerdem ordnete das Gericht nach Angaben einer Sprecherin an, dem seit Anfang September in Untersuchungshaft sitzenden Mann die Auslagen für den Prozess zu ersetzen.

Für Staatsanwalt Eric Samel ist der Angeklagte der Täter, die Tat an Lolita Brieger war für ihn Mord aus niedrigen Beweggründen, für den er lebenslange Haft gefordert hatte. Der Staatsanwalt geht davon aus, dass der Landwirt seine Ex-Freundin zuvor in einem Schuppen unweit des elterlichen Hofes mit einem Eisendraht erdrosselt hat. Dafür sprachen seiner Ansicht nach Drahtreste, die an Briegers Pullover und Bluse im Halsbereich gefunden wurden. Zuvor habe er ihr wohl den Pullover von hinten über den Kopf gezogenen. Dennoch musste er im Prozessverlauf einräumen, dass das Mordmerkmal der Heimtücke nicht objektiv bewiesen werden kann. "Obwohl vieles für diesen Geschehensablauf spricht", sagte Samel.

Die junge Frau habe von ihrem sozialen Stand her nicht zu seiner reichen Bauernfamilie gepasst. Der Vater des 51-Jährigen sei gegen die Beziehung gewesen - und habe seinem Sohn gedroht, er könne den Bauernhof verlassen, wenn er Brieger heirate. Möglicherweise sollte Brieger auch mit Geld zur Trennung bewegt werden.

Da Brieger aber eine Trennung nicht akzeptieren und das Kind austragen wollte, habe er "den für ihn bequemsten Weg gewählt und sie von der Bildfläche verschwinden lassen", sagte Samel in seinem Plädoyer. "Damit hat er sein persönliches Wohl und Ansehen über das Leben eines Menschen gesetzt." Die Staatsanwaltschaft will Revision prüfen.

Für den Vertreter der Nebenklage, Hans-Josef Ewertz, hat der 51-Jährige sehr wohl heimtückisch gehandelt. Ewertz vertritt Briegers Mutter und Geschwister. Lolita Brieger sei arg- und wehrlos gewesen, als sie den Bauern aufsuchte, um ihn nach der Trennung doch noch umzustimmen. K. sei es aber nur um den Hof gegangen, ums Materielle. "Er war der Kronprinz", sagte Ewertz.

Im Zweifel für den Angeklagten

Für Verteidiger Heinz Neuhaus hingegen fehlte jeglicher Beweis dafür, dass der Bauer überhaupt der Täter war - er plädierte deshalb auf Freispruch. Es gebe weder "objektive Merkmale noch schlüssige Fakten", die für eine Verurteilung ausreichten, so Neuhaus. Der inzwischen 51-Jährige K. habe damals öfter gesagt, er wollte an Lolita festhalten - auch wenn er enterbt werde. Die Beziehung sei klar "durch Zuneigung" geprägt gewesen.

Josef K. hat im gesamten Prozess geschwiegen. Er lebt von seiner zweiten Frau getrennt. Ländereien und Vieh hat er verkauft, nachdem er Frührentner wurde. Er lebt in einem Haus, das er neben seinem Elternhaus gebaut hat. Sein Vater hatte einst über Lolita Brieger gesagt, sie habe nichts gelernt und ihre Familie habe "nichts an den Füßen". Ob dieser soziale Dünkel Brieger das Leben kostete, weiß wahrscheinlich nur er allein.

Quelle: n-tv.de, mit dpa

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