Panorama
Montag, 17. Dezember 2007

Müll, Gift und Armut in Afrika: Müllkippe vergiftet Slum

Vom Paradies zur Hölle ist es manchmal nur ein kurzer Weg. Nicht einmal eine halbe Stunde dauert die Fahrt von Gigiri nach Korogocho. Gigiri ist einer der besten Stadtteile der kenianischen Hauptstadt Nairobi. Die Vereinten Nationen haben hier ihr Hauptquartier, die US-Botschaft ist hier, verschanzt hinter Stacheldraht und hohen Mauern. Jacarandabäume blühen in leuchtendem Violett, die Residenzen der Diplomaten sind umgeben von üppigem Grün, gepflegt von einer Schar von Angestellten.

Ganz anders Korogocho, eines der Slumviertel von Nairobi. Die Häuser, die einst von der Weltbank errichtet wurden mit dem Ziel, billigen Wohnraum für die Ärmsten zu schaffen, geben dem Stadtteil einen "besseren" Anblick als die Wellblechhütten von Kibera, dem bekanntesten Slum Nairobis und einem der größten Armenviertel Afrikas. Doch auch in Korogocho gibt es keine gepflasterten Straßen, für die meisten Menschen zudem weder Wasser noch Strom. Und dann ist da noch Dandora, die Müllkippe, eine der größten Abfalldeponien Afrikas.

Bäume wie Hohn

In der Talmulde glitzert es zwischen den Rauchwolken brennenden Mülls. Ziegen und Hühner scharren zwischen Plastiktüten und Abfall. Die wenigen Bäume, die zwischen den Müllkippen aufragen, wirken wie Hohn, Erinnerung an eine schönere, grünere Welt, die nichts mit der Wirklichkeit in Korogocho zu tun hat.

Mit Stöcken und Stangen stochern Hunderte Menschen im Müll, Kinder und Erwachsene. Sie ignorieren den morastig-fauligen Boden, in dem sie mit ihren Plastiksandalen knöcheltief einsinken, den brennenden, beißenden Rauch, der in Augen, Nase und Mund dringt, der schon nach kurzer Zeit benommen macht und die Kehle zu verengen scheint. Die Müllmenschen von Korogocho können nicht auf den Rauch achten oder auf den Dreck, denn für sie geht es um den Lebensunterhalt, um all das, was noch immer verwertet und verkauft werden kann.

Plastiktütensammler

David Owaya ist einer dieser Müllmenschen. Er steht am Ufer des Nairobi River, der sich auch durch Dandora schlängelt, ein trübes, rotbraunes Rinnsal. Keine hundert Meter entfernt wäscht eine Gruppe Frauen ihre Wäsche, scheinbar unbekümmert von dem Abfall, der auch im Fluss mitgeschwemmt wird. Owaya, ein Mann mit müden Augen und eingefallenem Gesicht, säubert ein Bündel Plastiktüten notdürftig vom schlimmsten Dreck.

"Für ein Kilo Plastiktüten bekomme ich 200 Shilling", sagt er. Das sind umgerechnet nicht einmal 2,50 Euro, und bis er so viele Plastiktüten für den Verkauf gesammelt hat, muss Owaya viele Stunden zwischen den stinkenden Abfallbergen verbringen. Er weiß selbst, dass das nicht gesund sein kann. "Ich huste viel, und ich kann deshalb nachts schlecht schlafen", erzählt er. Eine andere Arbeit wäre schön, aber was für Arbeit gibt es schon für einen wie ihn? Er blickt auf das trübe Wasser des Flusses. "Manche Leute trinken das Wasser aus dem Fluss, aber ich mache das nicht, es macht uns nur noch kränker."

2000 Tonnen Abfall täglich

Und es wird nicht besser. Täglich werden etwa 2000 Tonnen Abfall nach Dandora gekarrt. Die Müllkippe ist von allen Seiten von Slums umgeben. Knapp eine Million Menschen leben hier, ein Drittel der Einwohner der kenianischen Hauptstadt. Für viele von ihnen ist der Müll der Menschen aus den wohlhabenderen Stadtteilen Lebensgrundlage und Fluch zugleich.

"Sie leben von dem Müll, und sie sterben wegen des Gifts, das hier überall im Boden steckt, in der Luft, im Wasser", sagt Daniele Moschetti, Pfarrer der katholischen Gemeinde St Johns. Der italienische Missionar, der in Jeans, Sandalen und mit einem schlichten Holzkreuz um den Hals kaum als Priester zu erkennen ist, betreibt eine Schule, die unmittelbar an die Mülldeponie angrenzt.

Moschetti zeigt auf ein grünes Gelände gleich neben den Müllbergen. "Sieht doch alles sehr schön und idyllisch aus, oder?", fragt er. "Wie ein guter Platz, auf dem die Kinder Fußball spielen können." Dann schüttelt er den Kopf, in seiner Stimme klingt unterdrückter Zorn. "Aber wenn die Kinder dort spielen, werden sie krank. Noch kränker, als sie sowieso schon sind." Viele Kinder hätten chronische Atemwegserkrankungen, litten unter Kreislaufstörungen, könnten sich nur schlecht konzentrieren.

Blei im Blut

Seit einigen Wochen ist das nicht nur eine Vermutung, sondern wissenschaftlich nachgewiesene Gewissheit. Mitarbeiter des Umweltprogramms der Vereinten Nationen (UNEP) untersuchten in der Umgebung von Dandora mehrere hundert Kinder, auch aus der Schule von Pater Moschetti. Die Ergebnisse schockten auch den Biochemiker Njoroge Kimani, der zu den Autoren der Untersuchung gehörte.

"Die Hälfte der Kinder haben Bleikonzentrationen im Blut, die weit über den internationalen Grenzwerten liegen", stellte er fest. Fast die Hälfte der untersuchten Kinder und Jugendlichen litten an Atemwegserkrankungen wie chronischer Bronchitis und Asthma. Fast die Hälfte der Kinder zeigte deutliche Anämie.

Auch die Bodenproben, die in Dandora entnommen wurden, zeigten alarmierende Ergebnisse. Fast die Hälfte von ihnen wiesen Schwermetallkonzentrationen auf, die um das Zehnfache über den zulässigen Grenzwerten liegen. Das Schwermetall Kadmium, das in zu hoher Konzentration die Organe schädigt und zu Nierenversagen und Krebs führen kann, wurde an der Bodenoberfläche in Dandora in 50-facher Konzentration gemessen.

Was besseres verdient

UNEP-Direktor Achim Steiner verschaffte sich bei einem Besuch in Korogocho selbst einen Eindruck von der Situation der Slumbewohner. "Die Kinder von Dandora haben etwas Besseres verdient", betonte er. "Wir können uns nicht länger schlechte Lösungen bei der Abfallwirtschaft leisten."

Dies gilt angesichts gesundheitsgefährdender Umweltbedingungen umso mehr. Nach Schätzungen der Weltgesundheitsorganisation WHO sind diese Risiken jährlich für den Tod von 4,7 Millionen Menschen verantwortlich. In den Entwicklungsländern ist sogar jeder vierte Todesfall mit darauf zurückzuführen.

Pater Moschetti kämpft schon seit Jahren für eine Schließung der Müllkippe. "Die reichen Einwohner von Nairobi kommen nie nach Korogocho", sagt er. "Nur ihr Müll kommt, aber der Müll tötet." Einer der Männer seiner Gemeinde, seit Jahren im Kampf gegen die Müllkippe engagiert, starb erst vor wenigen Wochen an Lungenkrebs, gerade einmal 40 Jahre alt.

An den Wänden der Schule von St. John prangen bunte Malereien, darunter ein Bild von lachenden Kindern, die unter einem Wasserfall in einem blauen Fluss baden und spielen. Einen solchen Fluss haben die Kinder von Korogocho noch nie gesehen. Doch immer mehr Einwohner erkennen, dass die Müllkippe ein Gesundheitsrisiko für sie und ihre Familien ist. Der Kampf gegen die Müllkippe überwindet Stammes- und Glaubensgrenzen.

Arme sterben im Dreck der Reichen

"Wir haben hier ein interreligiöses Komitee gegen die Müllkippe", sagt Moschetti. "Es ist längst nicht nur unsere Gemeinde, die Proteste organisiert." Ob andere christliche Gemeinschaften oder Moslems, die Sorge um die Gesundheit der Einwohner hat sie geeint. "Wir wollen nicht, dass die Müllkippe einfach irgendwo anders neu aufgeschüttet und das Problem nur verlagert wird", betont der Geistliche. "Wir wollen, dass die Armen von Nairobi nicht länger am Dreck der Reichen sterben. Und wir wollen menschenwürdige Bedingungen für diejenigen, die vom Müll leben."

Wiederverwertung kann ein einträgliches Geschäft sein, doch die meisten der Slumbewohner haben kaum genug zum Überleben. Korogocho gilt als eine der Hochburgen der Mafia, und auch diese Tatsache bestimmt das Leben mit der Müllkippe. Denn wer in Dandora nach Wiederverwertbarem wühlen darf, bestimmen nicht zuletzt die "Bosse" gegen eine Schutzgebühr, so ist zu hören. Hinzu kommt, dass das riesige, unübersichtliche Gebiet der Deponie ein ideales Versteck ist - ob für Waffen, Drogen oder Leichen. Die Polizei lässt sich ohnehin selten blicken, und auch Politiker besuchen die Menschen von Korogocho meist nur zu Wahlkampfzeiten.

Gift von Dandora

"Niemand ist so gut im Recyceln wie die Armen", sagt Pater Moschetti. "Alles wird irgendwie wiederverwendet. Aber das darf nicht heißen, dass das Leben der Ärmsten und ihrer Familien aufs Spiel gesetzt wird." Der bärtige Priester zeigt auf die Hühner und Ziegen, die zwischen den Müllbergen nach Nahrung suchen. "Die Menschen trinken vielleicht nicht mehr das Wasser aus dem Fluss, aber sie essen diese Tiere. Und damit essen sie auch das Gift von Dandora."

Bei einem vernünftigen Abfallmanagement dagegen könnten Tausende von Arbeitsplätzen für Slumbewohner entstehen - Arbeitsplätze, mit denen Menschenwürde und Gesundheit gewahrt bleiben können. "Hier geht es auch um Menschenrechte und soziale Gerechtigkeit", betont der Pater. "Das Leben von knapp einer Million Menschen steht auf dem Spiel - und die Menschen hier sind ohnehin bereits arm und benachteiligt."

Von Eva Krafczyk, dpa

Quelle: n-tv.de