Panorama

Psychisch auffälliger Einzelgänger Münchner Täter ist klassischer Amokläufer

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Die Ermittler tragen Kisten voller Beweismaterial aus einer Wohnung.

(Foto: dpa)

Ein junger Mann voller Wut und Kränkungsgefühle sucht einen letzten öffentlichkeitswirksamen Auftritt und entscheidet sich für den Mord an möglichst vielen Menschen. Das ist die wissenschaftliche Kurzbeschreibung eines Amokläufers. Und genau das ist offenbar der 18-jährige Deutsch-Iraner, der in München tötete.

Ein 18-jähriger Deutsch-Iraner erschießt in München neun Menschen und verletzt 27 weitere zum Teil schwer. "Wir gehen hier davon aus, dass es sich um einen klassischen Amoktäter ohne jegliche politische Motivation handelt", sagte der Sprecher der Münchner Staatsanwaltschaft, Thomas Steinkraus-Koch, zu der Tat, die auch ein Anschlag hätte sein können.

Erst im Juni haben Wissenschaftler der Universität Gießen eine umfassende kriminologische Analyse bisheriger Amokläufe in Deutschland vorgestellt. Dabei wurden interdisziplinär nahezu alle Fälle junger und erwachsener Täter von versuchten und vollendeten Mehrfachtötungen zwischen 1990 und 2016 anhand von Strafakten, Interviews und psychiatrisch-psychologischen Gutachten untersucht.

Die Gießener Studie zeigt, dass die jungen Täter zumeist als sonderbare Einzelgänger psychopathologisch auffällig sind und ein Motivbündel von Wut, Hass und Rachegedanken entwickeln, das nicht rational begründet ist. Die Persönlichkeit der Täter zeige narzisstische und paranoide Züge, die jungen und ganz überwiegend männlichen Täter seien extrem leicht zu kränken, aber nicht impulsiv oder aggressiv auffällig, schreiben die Kriminologen.

Das könnte auch bei dem Münchner Täter so gewesen sein. Nachbarn schildern ihn als freundlich, nett und hilfsbereit. Nie habe man von Problemen mit der Polizei oder Nachbarn gehört. Doch er hatte wohl auch eine andere Seite. In einem Handyvideo, das ihn offenbar nach den tödlichen Schüssen zeigt, sagt er, er sei in "stationärer Behandlung" gewesen. Die Polizei geht davon aus, dass der junge Mann wegen depressiver Symptome behandelt wurde. Das sei aber noch nicht bestätigt, sagte Polizeipräsident Hubertus Andrä.

Bei einem Wortwechsel mit einem Anwohner während der Tat versucht der junge Mann diese zu rechtfertigen, während er auf einem Parkhaus des Einkaufszentrums hin und her läuft. Unter anderem brüllt er: "Wegen Euch wurde ich gemobbt sieben Jahre lang." Diese Äußerung würde zu dem passen, was die Gießener Wissenschaftler vor allem in Bezug auf junge Täter feststellen. Demnach fühlen diese sich oft gedemütigt und schlecht behandelt, ohne dass die Umwelt dieses nachvollziehen kann und beginnen, im Internet nach Vorbildern und Ventilen für ihre Wut zu suchen. Sie sinnen lange über "Rache" und eine grandiose Mordtat nach, entwickeln ausgeprägte Gewalt- und Tötungsphantasien.

Wurden Warnsignale übersehen?

Ob das auch bei dem jungen Deutsch-Iraner so war, müssen die Ermittlungen in seinem Umfeld erst zeigen. Im Kinderzimmer des 18-Jährigen sei jede Menge Material zu Amokläufen gefunden worden, sagte die Polizei, darunter Zeitungsartikel und ein Buch zum Thema. Was er außerdem auf dem Rechner hatte, müssen die Auswertungen der Datenmengen noch ergeben, auch, ob ein Abschiedsbrief darunter ist. Dies werde einige Zeit in Anspruch nehmen. Möglicherweise finden die Ermittler dort Hinweise darauf, was in dem jungen Mann in den Monaten, Wochen und Tagen vor seinem Amoklauf vorging. Wie häufig in diesen Fällen könnten Sie auf dessen Computer Ego-Shooter oder Gewaltvideos sicherstellen. Diese sind nach Ansicht der Wissenschaftler jedoch nicht die Ursache der Taten, sondern wirkten eher verstärkend für die ohnehin vorhandenen Gewaltphantasien.

Bisher war der junge Mann nicht polizeibekannt, zweimal tauchte sein Name in Ermittlungsverfahren auf, einmal 2010, einmal 2012. Doch in beiden Fällen war der spätere Amokläufer der Geschädigte. Wann er beschloss, vom Opfer zum Täter zu werden, wird möglicherweise niemals herausgefunden werden. Ob frühere Mitschüler oder Freunde ihn schon früher als seltsam oder bedrohlich wahrgenommen haben, weiß man ebenfalls noch nicht. Das können erst eingehende Befragungen klären. Den Wissenschaftlern zufolge ist das "Droh- und Warnverhalten der jungen Täter ausgeprägter" als bei erwachsenen Tätern. Deshalb werden häufig Warnsignale oder Tatandeutungen bemerkt. In dem bereits erwähnten Video ruft der mutmaßliche Täter, er sei Deutscher und in eine Hartz IV-Gegend geboren worden: "Und jetzt musste ich 'ne Waffe kaufen, um Euch alle abzuknallen."

Und auch in einem letzten Punkt bestätigt sich die Gießener Forschung in München fatal. "Verwenden die Täter Schusswaffen, ist die Opferzahl in der Regel besonders hoch", schreiben die Wissenschaftler. In der bayerischen Landeshauptstadt erschoss der junge Mann neun Menschen, bevor er sich selbst tötete. In den bisherigen Fällen griffen die Täter zumeist auf "nicht ordnungsgemäß gesicherte Schusswaffen im Haushalt" zurück. Im Münchner Fall hatte sich der junge Mann offenbar eine illegale Waffe besorgt, die Seriennummer war bei der 9mm Glock-Pistole herausgefeilt. Munition hatte der junge Mann reichlich, über 300 Schuss fand die Polizei nach seinem Tod in seinem Rucksack.

Der abschließende Suizid sei übrigens keine Tat der Verzweiflung, sondern der Abschluss der "Inszenierung der eigenen Großartigkeit", betonen die Wissenschaftler. "Die Täter demonstrieren ihre Macht und ihren Hass auf die Gesellschaft mit einer öffentlichkeitswirksamen Mehrfachtötung, der der Suizid folgt." So wie im Fall des Münchner Amokläufers.

Quelle: n-tv.de

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