Panorama

Milde für verarmte Schwarzfahrerin "Oma Gertrud" kommt auf freien Fuß

3fro3251.jpg5850113618755957633.jpg

"Oma Gertrud" verbrachte über eine Woche in Untersuchungshaft.

(Foto: dpa)

Weil sie 22 Mal schwarzgefahren sein soll und zusätzlich einen Gerichtstermin geschwänzt hat, sitzt eine 87-Jährige seit einer Woche in Haft. Jetzt hat die Justiz ein Einsehen.

Im Prozess gegen eine notorische Schwarzfahrerin hat das Wuppertaler Amtsgericht die 87 Jahre alte Angeklagte kurz vor Weihnachten auf freien Fuß gesetzt. Ihr werden 22 Fälle von Schwarzfahren vorgeworfen. Der zuständige Richter Markus Schlosser erklärte das Verfahren für ausgesetzt. "Sie sind frei und können gehen", sagte er zu der alten Dame. Daraufhin brandete im Gerichtssaal Applaus auf. "Ich danke Euch", rief die Seniorin den Zuschauern zu. In einem ergänzenden Gutachten muss nun noch geklärt werden, ob die "Oma Gertrud" genannte Frau überhaupt verhandlungsfähig sei.

Gertrud F. war in der vergangenen Woche festgenommen und in Untersuchungshaft gesteckt worden. Der Fall löste bundesweit eine Welle der Hilfsbereitschaft aus. In der Verhandlung hatte der Psychiater Ulrich Lange als Gutachter die Verhandlungs- und Schuldfähigkeit der Rentnerin angezweifelt. Er attestierte ihr eine Denkstörung, die es ihr sehr schwer mache, sich zu verteidigen.Sie sei sehr sprunghaft in ihren Gedankengängen.

Die 22 Fälle von Beförderungserschleichung in Zügen der Deutschen Bahn gerieten dabei zur Nebensache. In einem ihrer Zwischenrufe hatte die Angeklagte ihre Schuld bestritten. Sie habe eine Fahrkarte gehabt, aber die habe man ihr weggenommen.

Haftbefehl "schweren Herzens"

Die alte Frau war im September einer Gerichtsverhandlung ferngeblieben, daraufhin hatte das Gericht den Haftbefehl verkündet. Gemeldet bei ihrem Sohn, war sie dort aber nie angetroffen worden. Sie schlafe "mal da und mal da", sagte die inzwischen offenbar obdachlose Frau. Ihr Verteidiger erklärte, man habe ein Konto für die alte Dame eingerichtet. Zahlreiche Bürger hatten sich in den vergangenen Tagen gemeldet, um die 87-Jährige freizukaufen und ihr die Haft zu ersparen.

Bereits einige Monate zuvor wurde sie von einem Gericht zu einer Geldstrafe von 400 Euro verurteilt. Um der mittellosen Frau die Ersatzhaft zu ersparen, hatte damals eine Boulevardzeitung die Strafe für sie bezahlt.

Keinem der beteiligten Beamten sei die Festnahme leicht gefallen, hatte ein Sprecher der Bundespolizei damals gesagt - und damit erstmals eine Welle der Sympathie und Spendenbereitschaft für die alte Frau ausgelöst. Auch der Amtsrichter hatte bemerkt, dass er den Haftbefehl "schweren Herzens" erlassen habe. Die rot-grüne Landesregierung Nordrhein-Westfalens will seit längerem eine bundesweite Reform der Strafgesetzgebung anstoßen. In entsprechenden Fällen sollen Richter als Strafe künftig auch gemeinnützige Arbeit verhängen können.

Quelle: n-tv.de, lou/dpa

Mehr zum Thema