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Heikle Gummi-Frage Papst gibt Rätsel auf

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Der Papst wischt sich während einer Messe in Afrika Schweiß aus dem Gesicht. Viele Menschen auf dem Kontinent hören genau auf den Vatikan.

(Foto: dpa)

Bringt der Papst die Kirche auf neuen Kurs oder ist er überinterpretiert worden? Mit seiner Abkehr vom strikten Kondom-Verbot löst Benedikt euphorische Reaktionen aus. Der Vatikan rudert zurück, aber für viele Katholiken bleibt immerhin ein Hoffnungsschimmer auf einen Umbruch.

Zeitenwende in der katholischen Kirche oder doch nur ein Missverständnis: Nach den Äußerungen des Papstes zu einer Lockerung des strikten Kondomverbots rätseln Katholiken weltweit, ob Benedikt XVI. tatsächlich eine Kursänderung seiner Kirche einleiten will. Der Vatikan wies Berichte zurück, die von einer entscheidenden Wende in der katholischen Lehre zur Empfängnisverhütung sprechen. Auf jeden Fall hat Benedikt eine neue Debatte in seiner Kirche eröffnet.

In den Passagen aus einem Interviewbuch hatte der Papst gesagt, wenn es darum gehe, die Ansteckungsgefahr mit dem HI-Virus zu verringern, könne der Einsatz von Kondomen in "begründeten Einzelfällen" erlaubt sein.

Der Vatikan bestreitet jedoch, dass dies ein grundlegender Kurswechsel des katholischen Oberhauptes sei. Trotzdem glauben Beobachter, dass Benedikt einen vorsichtigen Wandel der katholischen Kirche anstoßen könnte. Die Weltgesundheitsorganisation WHO begrüßte die Äußerungen als einen wichtigen Schritt im Kampf gegen Aids.

Laut Studie griffen 80 Prozent der sexuell aktiven 14- bis 17-jährigen Männer bei ihrem letzten Geschlechtsverkehr zum Kondom.

Eines der Gummi-Hütchen, mit denen die katholische Kirche nicht klarkommt.

"Es handelt sich nicht um eine Revolution", betonte der vatikanische Pressechef, Padre Federico Lombardi. "Der Papst reformiert nicht die Linie der Kirche, sondern er unterstreicht sie vielmehr, indem er für den Wert und die Würde der menschlichen Sexualität als Ausdruck von Liebe und Verantwortung eintritt."

Weit weg vom Jetzt

Italienische Medien werteten die Äußerungen des Papstes hingegen als "Meilenstein" in der Kirchengeschichte. Katholische Hilfsorganisationen fühlen sich vom Papst im Nachhinein in ihrem Kampf gegen Aids bestätigt. Denn der Einsatz von Kondomen sei schon längst ein übliches Mittel gegen die Seuche, sagte der Chef des katholischen Hilfswerks Misereor, Josef Sayer. Die WHO nannte die Aussagen des Papstes "einen guten Anfang".

Der Reformbewegung "Wir sind Kirche" gehen die Ankündigungen des Papstes hingegen nicht weit genug. Mit der anhaltenden Verdammung der Anti-Baby-Pille und der Fokussierung der Sexualität auf die Fortpflanzung sei die Kirche meilenweit von der Lebenswirklichkeit der Menschen entfernt, sagte Sprecher Christian Weisner. "Was dringend nötig und längst überfällig ist, das ist eine Neuausrichtung der katholischen Sexualmoral - sie muss entstaubt werden."

Der katholische Theologe Hans Küng warf dem Papst reine Taktik vor. Das sei faktisch nur "das Eingeständnis, dass sich diese Lehre nicht aufrechterhalten" lasse, sagte Küng dem Onlinedienst der "Süddeutschen Zeitung". Der für Kirchenfragen zuständige spanische Minister im Amt des Regierungschefs, Ramón Jaúregi, forderte den Vatikan auf, Katholiken generell den Gebrauch von Präservativen zu erlauben.

Abstrakte Gedanken

Letztlich habe der Papst gar nichts Neues gesagt, betonte der Tübinger Moraltheologen Dietmar Mieth. Benedikt der XVI. habe lediglich auf eine Ausnahme vom Kondomverbot hingewiesen, die in der katholischen Moraltheologie seit mehr als 40 Jahren anerkannt sei. Denn in der Enzyklika Humanae Vitae, mit der Papst Paul VI. 1968 das Kondomverbot begründete, werde lediglich die Empfängnisverhütung untersagt.

Im Kampf gegen Aids diene ein Kondom aber nicht der Empfängnisverhütung, sondern dem Schutz vor einer Übertragung der Krankheit. "Das mag man für einen abstrakten, realitätsfernen Gedanken halten - unlogisch ist er nicht", sagte Mieth. Völlig neu sei allerdings, dass der Papst nun die Tatsache zur Kenntnis nehme, dass Aids allein mit der katholischen Sexualmoral nicht zu bekämpfen sei. "Und er gesteht zu: Wenn es schon zu einer Sexualbeziehung kommt, die von der Kirche nicht gutgeheißen wird, dann sollte wenigstens der Lebensschutz eine Rolle spielen."

Quelle: n-tv.de, dpa

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