Panorama

Arbeiten und feiern in Brüssel Praktikanten brauchen Ausdauer

Wenn für die Brüsseler Diplomaten der Feierabend beginnt, geht für Bernd Kappenberg die Arbeit weiter. Statt nach Hause zu gehen, organisiert er Partys, Kinoabende, Kneipentouren, Konferenzen oder Weinproben. Seit einigen Monaten arbeitet der Niedersachse als Praktikant bei der EU-Kommission. Gleichzeitig sitzt er im Party-Komitee der Stagiaires, wie die Berufsanfänger auf Französisch heißen. Gemeinsam mit vier Kollegen sorgt er dafür, dass sich die 600 jungen Leute abends nicht einsam fühlen.

"Wir versuchen, jeden Tag eine Veranstaltung anzubieten", sagt Kappenberg. Ein ehrgeiziges Ziel, denn wie viele Kommissionspraktikanten sitzt er oft lange im Büro, und auch danach hat er selten frei. Er nimmt Türkischunterricht, gibt selbst Deutschstunden, trifft sich mit den anderen Komiteemitgliedern, geht zu einer der vielen Sportgruppen oder Abendveranstaltungen, und am Wochenende sind natürlich die Partys Pflicht. Kein Problem für Kappenberg: "Man muss halt mit einer hohen Belastung umgehen können."

Geldbeutel schonen und Kontakte knüpfen

Auch bei anderen Praktikanten sind die Partys der Kommissionskollegen begehrt. Wer dort hin will, braucht die richtigen Kontakte, denn Externe erfahren die Termine nur über Mundpropaganda. "Zum Glück kennt man irgendwie immer jemanden, der weiß, wann und wo die nächste Party ist", sagt Anna Meyer. Seit knapp vier Monaten arbeitet sie beim Städte- und Gemeindebund. Ihr Eindruck von Brüssel: Praktikanten brauchen vor allem Ausdauer.

In der EU-Hauptstadt vergeht kein Tag, an dem nicht ein Verband, eine Ländervertretung, ein Institut oder eine Lobbygruppe zu Empfängen, Diskussionsrunden oder Vorträgen lädt. Bei den Praktikanten sind diese Termine äußerst beliebt. Hier können sie wertvolle Kontakte knüpfen und nebenbei auch noch den Geldbeutel schonen - Häppchen und Getränke gibt es umsonst.

Große Fluktuation

Dass das Leben in Brüssel nicht gerade billig ist, bekommen die Praktikanten besonders deutlich auf den After-Work-Partys im Europa-Viertel rund um Parlament und Kommission zu spüren. Ein Bier kostet hier zwischen drei und vier Euro. Bei dem Stammtisch der deutschen Praktikanten im "Chez Bernard" fließt das Bier dennoch in Strömen. Jeden Dienstag bevölkern junge Leute in adretten Anzügen und Kostümen die kleine Kneipe am Place Jourdan, tauschen Erfahrungen über Jobs und Wohnungen aus und schließen Freundschaften.

Seit wann es den Stammtisch gibt, weiß jedoch keiner der Anwesenden. Zu groß ist die Fluktuation in Brüssel. Praktikanten kommen und gehen im Monatstakt. Henning Worch ist seit sieben Monaten in der Stadt, also relativ lange für Brüsseler Verhältnisse. Mittlerweile will er vom Veranstaltungsmarathon nichts mehr wissen. "Ich gehe nicht mehr zu jedem Termin, nur noch zu denen, die mich thematisch besonders interessieren."

Auch Anna Meyer ist mit der Zeit etwas ruhiger geworden. "Ich kann die Häppchen nicht mehr sehen." Was neben mehr Schlaf einen weiteren Vorteil hat: Nach regelmäßigem Besuchen der Häppchen-Termine wird nämlich vielen Praktikanten klar, was es mit der Frage "Wie viele Kilo bist du schon in Brüssel?" auf sich hat.

Von Irena Güttel, dpa
 

Quelle: n-tv.de