Panorama

Tauschgeschäfte im ländlichen Mexiko Reisigbündel als harte Währung

Der Wochenmarkt von Santiago Tianguistenco liegt nur 60 Kilometer von der Megametropole Mexiko-Stadt entfernt, doch die Gesetze des modernen Wirtschaftslebens sind hier außer Kraft gesetzt. Wenn allwöchentlich am Dienstag die Frauen aus den umliegenden Bergen zum Einkaufen in die Kleinstadt strömen, sind Geldscheine praktisch wertlos, werden Kreditkarten nicht akzeptiert. Einzig anerkanntes Zahlungsmittel ist das Bündel Brennholz.

"Den Wochenmarkt gibt es bereits, seit ich Kind war", sagt eine Ureinwohnerin, die vor einem Stand für Schweinebraten ansteht. "Wir kaufen hier jede Woche unsere Lebensmittel, unsere Kleidung, einen Haufen Sachen." Wie viele andere ist die Frau frühmorgens mit einem Bündel Reisig auf dem Rücken aus den Bergen nach Santiago Tianguistenco herabgestiegen. Als sie an der Reihe ist, ordert sie zwei saftige Fleischstücke und reicht dem Verkäufer ein gutes Dutzend Zweige.

Die meisten Holzträgerinnen gehören den örtlichen Urvölkern der Nahuatl, Otomi oder Tlahuica an. Sie sind misstrauisch, ihre Namen möchten sie nicht nennen. "Sie haben Angst", sagt Ernestina Ortiz vom Ureinwohnerrat für Tauschhandel, in dem sich die Marktleute zusammengeschlossen haben. Vor ein paar Jahren habe die Polizei einmal eine Razzia in Santiago Tianguistenco gemacht und 300 Frauen festgenommen. Sie seien verdächtigt worden, illegal Bäume abzuholzen - und darauf steht in Mexiko Gefängnis.

Feste Regeln für den Tausch

Die Anschuldigungen seien aber falsch, betont Ortiz. "Die Leute da oben in den Bergen schneiden keine Äste von Bäumen ab, sondern sammeln das Reisig vom Boden auf." Die Ureinwohner würden den Wald sauber halten und sogar neue Bäume pflanzen. "Die Menschen gehören zu den ärmsten des Landes", verteidigt Ortiz die Holzträgerinnen. "Wenn sie nicht ihr Holz eintauschen könnten, hätten sie gar nichts zu essen."

Der Markt von Santiago Tianguisteco wurde im Jahr 1820 gegründet und ist damit älter als die Stadt selbst. Über die Jahre haben sich feste Regeln für den Tausch herausgebildet: Die Holzstücke müssen drei Handflächen lang und eine Faust breit sein. Mindestens zwei Äste müssen bei einem Geschäft den Besitzer wechseln. Ein etwa ein Meter langes Holzbündel reicht aus, um einen Drei-Personen-Haushalt eine Woche lang mit Essen zu versorgen. Das Pfund Seife kostet derzeit rund 25 Holzspäne, alte Puppen gibt es für fünf Äste, gebrauchte Kleider für zehn Zweige das Stück.

Arturo Rosales hat Plüschtiere und viel Trödel im Angebot. Er komme vor allem, "um die Tradition wachzuhalten", sagt Rosales. "Ich bringe Sachen mit, die ich nicht mehr brauche. Es geht hier um das Zusammenleben und darum, den Leuten eine Freude zu machen." Julia Meja, eine 62-jährige Händlerin, bietet Bohnen und Fisch an. "Ich kann das Holz gut zum Heizen gebrauchen, denn Gas ist sehr teuer", sagt sie. Und bevor sie nach Hause geht, tauscht sie selbst noch einige Zweige ein. Gegen Salz, Zucker und Seife.

Quelle: ntv.de, Sofia Miselem, AFP