Panorama
Sonntag, 07. Oktober 2007

Homosexualität: Ressentiments bleiben

In deutschen Großstädten küssen sich schwule Männer hemmungslos auf der Straße. Politiker wie Berlins Regierender Bürgermeister Klaus Wowereit (SPD) haben durch ihr Outing "Ich bin schwul - und das ist auch gut so" einen Popularitätsschub erfahren. 79 Prozent der Deutschen können sich nach einer Umfrage sogar einen schwulen Kanzlerkandidaten vorstellen. Doch bei Befragungen deutscher Schüler gibt fast die Hälfte an, dass sie knutschende Männer abstoßend fänden. Und "schwul" ist weiterhin ein Schimpfwort. Wie tolerant ist die deutsche Gesellschaft jenseits der schillernden Paraden zum Christopher Street Day?

"Die Akzeptanz von Homosexuellen hat in Deutschland in den vergangenen Jahren drastisch zugenommen", sagt Jürgen Gerhards, Soziologieprofessor an der Freien Universität Berlin. "Das ist schon eine kleine Revolution". Doch als "normal" werde Homosexualität in der Gesellschaft noch lange nicht eingestuft. Bei 30 bis 40 Prozent der Bevölkerung blieben große Ressentiments, betont Gerhards.

Der Soziologe hat aus allen EU-Mitgliedsstaaten und aus der Türkei repräsentative Umfragen über den Wunsch nach der rechtlichen Gleichstellung Homosexueller ausgewertet. Im Ergebnis rangieren die Deutschen bei der Zustimmung im Mittelfeld - zwischen den toleranten Dänen, Schweden und Niederländern auf der einen und den skeptischen Iren, Italienern und Portugiesen auf der anderen Seite. Unter den neuen EU-Staaten ist die Zustimmung in Polen am geringsten. Nur der Beitritts-Interessent Türkei hat noch ablehnender reagiert.

Je moderner ein Staat, desto toleranter sind seine Bürger

Gerhards folgert daraus, dass nicht nur die Religion, sondern auch der Grad der Modernisierung eines Staates für die Toleranz gegenüber Homosexuellen eine große Rolle spielt. Unter einem modernen Staat versteht der Wissenschaftler ein gutes Bildungs- und Wohlfahrtssystem sowie den Wandel zu einer relativ wohlhabenden Dienstleistungsgesellschaft. Spanien sei ein gutes Beispiel dafür, wie stark sich die Folgen von Modernisierung auswirken könnten, sagt Gerhards. In dem erzkatholischen Land gibt es mit dem wirtschaftlichen Aufschwung auch mehr Rechte für Schwule und Lesben.

Für die Jenaer Uni-Psychologin Melanie Steffens haben auch Lebensumfeld, Bildungsgrad, Alter und Geschlecht viel mit Toleranz gegenüber Schwulen und Lesben zu tun. Die deutschen Extreme liegen zwischen jungen Großstadt-Akademikerinnen, die kaum Ressentiments verspüren und konservativen älteren Männern mit wenig Schulbildung auf dem Land. Sie hegten oft die größten Vorurteile, sagt Steffens.

Eine weitere ablehnende Gruppe sind Migranten. In einer Berliner Schüler-Umfrage von Ende September zeigten fast 80 Prozent der Jungen mit türkischen und russischen Wurzeln einen regelrechten Schwulenhass. Der Lesben- und Schwulenverband geht davon aus, dass der deutsche Wertewandel beim Thema Homosexualität in den Einwandererfamilien noch nicht in Gänze angekommen ist - auch wegen fehlender Integration.

Im Privaten weniger akzeptiert als in der Öffentlichkeit

Grundsätzlich hätten Männer in Deutschland mehr Probleme mit Schwulen und Lesben als Frauen, sagt Forscherin Steffens. Eine Erklärung dafür? "Das Frauenbild hat sich stark gewandelt", sagt die Psychologin. Zwischen Business und reinem Mutterdasein gebe es für Frauen heute viele Möglichkeiten. Die Zeit der Stereotype sei vorbei. "Die Männerrollen bleiben dagegen starrer und traditioneller", sagt Steffens. "Welcher Mann nimmt schon Erziehungsurlaub?". Dieses rigide Männerbild habe auch Einfluss auf die Lebensvorstellungen. Bildung und persönliche Begegnungen mit Homosexuellen bewirkten aber auch bei Männern oft einen Abbau der Vorurteile, sagt die Psychologin.

Geholfen bei der gesellschaftlichen Akzeptanz von Homosexuellen habe auch das Lebenspartnerschafts-Gesetz, ergänzt Steffens. "Es ist von oben abgesegnet. Das hat diese Lebensform für die deutsche Gesellschaft selbstverständlicher gemacht." Das Gesetz erlaubt Schwulen und Lesben in Deutschland seit Mitte 2001 einen Lebensbund.

Der Lesben- und Schwulenverband sieht zwei große Unterschiede in der Akzeptanz Homosexueller: in der Öffentlichkeit und im Privaten. In der Politik, in den Medien oder im Showbusiness sei es leichter geworden, sagte Sprecherin Renate Rampf. Auf dem Schulhof, im Sportverein und in der eigenen Familie hätten es Homosexuelle aber nach wie vor schwer.

Von Ulrike von Leszczynski, dpa

Quelle: n-tv.de

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