Panorama

Immer mehr Infizierte in Düsseldorf Schmidt befürchtet Mutationen

Die Schweinegrippe hat sich in Deutschland weiter ausgebreitet. Gesundheitsministerin Schmidt betonte jedoch, Deutschland sei auf eine weitere Verbreitung gut vorbereitet. Sie befürchtet aber Mutationen, wenn die Schweine- auf die saisonale Grippe treffe. Unterdessen hat die Entwicklung eines Impfstoffs begonnen. Dieser werde jedoch nicht vor Herbst fertiggestellt, hieß es.

In Düsseldorf stieg die Zahl der Infizierten nach Angaben der Stadt auf 67, davon 51 Kinder der japanischen Schule. Bundesweit war das Virus nach Angaben des Robert Koch Instituts bei 116 Personen festgestellt worden. Der Schweizer Pharmakonzern Novartis meldete indes Fortschritte bei der Entwicklung eines Wirkstoffs gegen den Erreger H1N1. Allerdings wird es nach Einschätzung von Gesundheitsministerin Ulla Schmidt noch einige Monate dauern, bis ein Impfstoff zur Verfügung steht.

2009-06-11T091020Z_01_WR03_RTRNSRP_0_FLU-GERMANY-SCHOOL.JPG3274348474701408740.jpgNeben den erkrankten Schulkindern seien auch vier Eltern positiv auf Schweinegrippe getestet worden, sagte ein Sprecher der Stadt Düsseldorf. Die Kinder seien zu Hause mit ihren Familien in Quarantäne. Das Gesundheitsamt stehe mit allen betroffenen Familien in Kontakt. Es werde damit gerechnet, dass die Zahl der Infizierten weiter steige. Insgesamt seien 350 Proben genommen worden.

Nach Angaben der Stadt ist von zwei unterschiedlichen Infektionsquellen auszugehen. Das zuerst erkrankte Kind habe sich wahrscheinlich während einer Reise mit den Eltern nach Malta angesteckt. 25 Kinder hätten in der vergangenen Woche gemeinsam eine Klassenfahrt nach Kassel, Eisenach und Weimar unternommen und sich vermutlich dabei infiziert. Die Japanische Schule mit ihren rund 560 Schülerinnen und Schüler soll die kommende Woche geschlossen bleiben. Erkrankt ist auch eine 29-jährige Schweizerin, die aus Los Angeles am Düsseldorfer Flughafen einreiste. Da die Touristin zahlreiche Symptome aufwies, wurde sie sofort nach ihrer Ankunft ins Universitätsklinikum gebracht und positiv getestet.

Kleine Mengen Impfstoff bereits hergestellt

Das Robert Koch Institut teilte unterdessen mit, seit Donnerstag gebe es 21 neue Schweinegrippe-Fälle. Neben neun Erkrankungen in Nordrhein-Westfalen seien jeweils ein Fall in Bayern, Baden-Württemberg, Hessen, Thüringen, Mecklenburg-Vorpommern, Sachsen-Anhalt und Schleswig-Holstein registriert worden. Es müsse mit weiteren Infektionen gerechnet werden. Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) hat knapp 30.000 Fälle in 74 Ländern registriert. 145 dieser Patienten sind gestorben.

2kn11924.jpg5704971471126848663.jpgAm Donnerstag hatte die WHO die Schweinegrippe zu einer Epidemie von globalem Ausmaß (Pandemie) hochgestuft. Der Pharmakonzern Novartis erklärte, eine erste kleine Menge des Schweinegrippen-Impfstoffs sei bereits hergestellt worden. Nach klinischen Tests könne der Wirkstoff voraussichtlich im September oder Oktober auf den Markt gebracht werden.

Mutationen befürchtet

Gesundheitsministerin Schmidt zeigte sich unterdessen besorgt über ein Zusammentreffen der Schweine- und der saisonalen Grippe im Herbst. Wenn beide Erreger sich mischten, könne es gefährliche Mutationen geben, erläuterte Schmidt. Die Ministerin setzt auf Impfstoffe gegen beide Erreger. Bis Mitte Juli solle international über Impfplanungen entschieden werden, sagte Schmidt in Berlin.

Schmidt sagt jedoch auch, dass Deutschland auf eine weitere Ausbreitung der neuen Grippe gut vorbereitet sei. "Wir haben das sehr stark unter Kontrolle." Die Zahl der Infizierten steige in der Bundesrepublik nicht so dramatisch wie in vielen anderen Ländern, aber dennoch stärker als zunächst erhofft. "Vor Herbst wird es keinen Impfstoff geben", fügte die SPD-Politikerin unter Hinweis auf die aufwendige Entwicklung hinzu.

2kn32610.jpg5724007682180310454.jpgNach Angaben des Bundesinstituts für Impfstoffe ist die Produktion von Impfstoff für die saisonale Grippe bereits abgeschlossen. Alle Hersteller hätten inzwischen das sogenannte Saat-Virus mit dem abgeschwächten Erreger der neuen Schweinegrippe von der Weltgesundheitsorganisation (WHO) bekommen, sagte eine Sprecherin des Paul-Ehrlich-Instituts in Langen bei Frankfurt. Die Herstellung eines Schweinegrippe-Impfstoffs könne damit beginnen.

Sorgfältige Hygiene angemahnt

Der Verband der forschenden Pharma-Unternehmen betonte allerdings, selbst unter idealen Bedingungen werde es mechrere Monate dauern, bis Impfstoffe gegen den neuen Grippeerreger entwickelt, zugelassen und in ausreichenden Mengen produziert sind. Bis dahin müssten sich die Menschen vor allen Dingen durch sorgfältige Hygiene vor einer Ansteckung schützen. Bei Infizierten könne versucht werden, den Verlauf der Erkrankung durch die vorhandenen Grippemittel zu mildern, von denen Deutschland und viele andere Ländern größere Vorräte angelegt hatten.

Auch der Düsseldorfer Medizin-Professor Dieter Häussinger rief die Bürger zu sorgfältiger Hygiene auf. Das Virus verbreite sich wie die herkömmliche Grippe über Tröpfcheninfektionen, erläuterte er. Deshalb könne jeder Einzelne einer Ansteckung vorbeugen, indem er sich häufig die Hände wasche und benutzte Papiertaschentücher wegwerfe. "Das Virus verbreitet sich leicht. Bei mehr Neuinfektionen wird die Chance größer, dass sich das Virus schlechtere Eigenschaften aneignet", erläuterte Häussinger. Das Tragen eines Mundschutzes sei jedoch übertrieben.

DEU_TH_Schweinegrippe_ERF102.jpg7654970604253950426.jpgDer Würzburger Tropenarzt August Stich sagte der ARD, "man kann sich überlegen, ob man Massenveranstaltungen und Discobesuche meidet". Es gebe allerdings keinen Grund, in Panik zu verfallen. Noch sei unklar, ob sich die Situation verschärfen werde. "Bisher haben sich nur junge Reisende angesteckt. Kein Mensch weiß, was passiert, wenn die neue Grippe in die normale Bevölkerung einbricht, das heißt, wenn alte, immungeschwächte Patienten mit betroffen werden."

EU bleibt bei Krisenmanagement

Die deutschen Exporteure sehen derweil ihre Geschäfte von der Schweinegrippe vorerst nicht beeinträchtigt. "Wir sehen derzeit keine Auswirkungen auf den Welthandel", sagte ein Sprecher des Exportverbandes BGA. Der Deutsche Industrie- und Handelskammertag (DIHK) befürchtet zwar, dass Geschäftsreisen aufgrund der Pandemie-Warnung der Weltgesundheitsorganisation verschoben werden könnten. Ob der Handel beeinträchtigt werde, lasse sich aber derzeit nicht beurteilen, sagte DIHK-Außenwirtschaftschef Axel Nitschke.

Die EU will unterdessen nichts an ihrem Krisenmanagement ändern. "Wir sehen derzeit keinen Anlass dazu", sagte die Sprecherin von EU-Gesundheitskommissarin Androulla Vassiliou in Brüssel. Die EU überwache die Entwicklung von Impfstoffen und sei in die Planung und Abstimmung zwischen den Mitgliedstaaten eingebunden, sagte die Sprecherin. "Wir werden sehen, wie sich die Situation entwickelt und sind mit den wissenschaftlichen Einrichtungen und den Mitgliedstaaten im ständigen Gespräch, falls andere Maßnahmen nötig werden sollten."

Quelle: n-tv.de, mli/AFP/dpa/rts

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