Panorama

"Treibjagd" auf Roma Schock und Empörung in Ungarn

Der jüngste Angriff auf eine Roma-Familie hat Ungarn schockiert. Ein 27 Jahre alter Familienvater und sein vierjähriger Sohn sind in der Nacht zum Montag kaltblütig erschossen worden. Die Täter hatten das Haus der schlafenden Familie zuvor mit Brandbomben angezündet. Ein weiteres Kind wurde verletzt. Schauplatz des Anschlags ist das Dorf Tatarszentgyörgy rund 50 Kilometer südöstlich von Budapest.

Bereits im Vorjahr wurden in Ungarn 16 Anschläge und Angriffe auf Häuser und Siedlungen der Roma registriert, vier Menschen kamen dabei ums Leben. Der ungarische Minderheiten-Ombudsman Ernö Kallai forderte am Dienstag im Parlament einen "ethnischen Friedensplan", um das Ausufern von Hassrethorik und Gewalt gegen die rund eine halbe Million Roma in Ungarn einzudämmen.

Zunächst keine Mord-Ermittlungen

In der Roma-Siedlung von Tatarszentgyörgy mit seinen rund 2000 Einwohnern herrschten am Dienstag Verbitterung und Empörung. "Sie haben sie niedergemetzelt wie bei einer Treibjagd", konstatiert Csaba Csorba, der Vater des getöteten Mannes. Die Täter warteten offenbar darauf, dass die Menschen aus dem brennenden Haus fliehen würden, um dann mit Schrotflinten auf sie zu schießen.

Empört sind die Roma im Ort auch deshalb, weil die Polizei unmittelbar nach dem Verbrechen nur in Richtung "Brandunfall" ermittelte. "Sie wollten es vertuschen", meint Csorba, der in unmittelbarer Nachbarschaft zu seinem getöteten Sohn Robert lebt. Erst als sich prominente Budapester Roma-Politiker einschalteten, begann die Polizei wegen Mordes zu ermitteln.

Pauschale Schuldzuweisungen

Die Blutspuren sind noch zu sehen im Schnee. Der Tatort ist am Dienstagmorgen nicht mehr abgeriegelt von der Polizei. Auf einem in der Erde steckenden Autoreifen hat jemand einen nach Benzin riechenden Stofffetzen abgelegt, der von den Brandsätzen stammen könnte. In dem völlig ausgebrannten Haus liegen die Habseligkeiten der in eher ärmlichen Verhältnissen lebenden Familie herum. Sein Sohn habe, wie die meisten Roma hier, von Gelegenheitsjobs und Familienbeihilfe gelebt, sagt Csorba. Bei den berüchtigten Verleihern von Wucherkrediten sei er aber nicht verschuldet gewesen, betont er.

Die ansässigen Roma, die Roma-Politiker und die Bürgermeisterin des Dorfes, Maria Berente, gehen deshalb von einem rassistischen Hintergrund aus. "Zwischen den Roma und den anderen gibt es Spannungen, aber diese hätten nie zu dieser Eskalation geführt", erklärt Berente. "Die Täter kamen von auswärts." Die örtlichen Konflikte drehen sich um Lebensweisen, Sozialhilfe und gelegentliche Kleinkriminalität sowie die entsprechenden pauschalen Schuldzuweisungen.

Das Klima vergiftet hätte allerdings, meinen die Roma-Vertreter, die vor anderthalb Jahren gegründete rechtsextreme Ungarische Garde. Mit ihren landesweiten Aufmärschen gegen die angebliche "Zigeunerkriminalität" hätte die Garde die Aggression gegen Roma "salonfähig" gemacht. Dabei marschieren die Rechtsextremen in Uniformen auf, die denen der faschistischen Pfeilkreuzler im Zweiten Weltkrieg ähneln. Ihren ersten Umzug hatte die Garde im Dezember 2007 in Tatarszentgyörgy abgehalten.

Quelle: ntv.de, Gregor Mayer, dpa